Kaleidoskop Kultursterne über der Wüste
Gedichte auf Handy, ein Fräuleinwunder in der Literatur, jetzt sogar Buchmesse: Abu Dhabi rüstet auf.
Abu Dhabi , Hauptstadt des gleichnamigen Emirats und der Vereinigten Arabischen Emirate, plant mehrere kulturelle Großprojekte, u.a. ein Guggenheim-Museum, ein Kunst-Center und eine Buchmesse. Sogar eine lokale Version des berühmten Louvre ist im Gespräch BILDMohammed al Shehhi zieht das Handy aus der Tasche seines weißen Gewandes. Lässig tippt er auf die Tasten. »Hier ist es!«, sagt er. Seine Augen bekommen einen verträumten Ausdruck, die Stimme beginnt zu schweben: »Du Stern unter den vielen Sternen. Du – an meinem Himmel über der Wüste«, trägt er vor. Das Gedicht sei bei einem Ausflug in die Dünen plötzlich in seinem Kopf gewesen. Da hat er es in sein Handy getippt. Mohammed al Shehhi ist Hobbydichter, wie viele Golfbewohner. In den letzten 35 Jahren sind die Vereinigten Arabischen Emirate aus der Vergangenheit in die Zukunft katapultiert worden. Die Scheichs, die Führer des Landes am Persischen Golf, haben es verstanden, Ölreichtum in Fortschritt umzumünzen. Von den knapp vier Millionen Einwohnern des Wüstenlandes sind drei Viertel Ausländer: Das Wirtschaftswachstum im satt zweistelligen Bereich lockt Glück und Arbeit Suchende aus der ganzen Welt. Das höchste Haus, das teuerste Hotel, die künstlichste Insel. In den Emiraten liebt man den Superlativ. Doch – so sehen es viele Einheimische – ist dabei die Seele auf der Strecke geblieben.
Der alte Buchbasar wird aus dem Zelt in den Blick der Welt geholt
Das soll sich ändern. Die Regierung investiert kräftig in Kultur, Traditionspflege und Bildung, schließlich sollen die Kinder der Beduinen, die vor zwei Generationen noch durch die Wüste zogen, den Spagat zwischen Weltoffenheit und eigener Identität vollbringen. Das Land, besonders die Städte Dubai und Abu Dhabi, sehen sich als neues Zentrum der Region. Sie verstehen sich als Knotenpunkt zwischen Europa und Asien, eigentlich liegt ungefähr hier der Nabel der Welt, und so zielt der Kulturboom nicht nur auf die eigene Bevölkerung: Große Namen, tolle Architektur sollen dafür sorgen, dass die Kunstoffensive in der Hauptstadt Abu Dhabi international beachtet wird. Guggenheim, Louvre, Sorbonne sind schon dabei. Nun kommt ein weiterer Markenartikel hinzu: die Frankfurter Buchmesse.
Aus dem seit 17 Jahren stattfindenden Buchbasar von Abu Dhabi soll eine Messe von internationalem Niveau werden. Im Dezember begann die Beratung des Frankfurter Teams, und am 31. März wird die Messe eröffnet. Eine immer länger werdende Wunschliste der Kulturscheichs gilt es bis dahin umzusetzen. Ziel ist ein weiterer Superlativ: die beste arabische Messe. Zugleich will man die orientalische Kultur wiederbeleben. »Wir denken, dass in diesem Jahr vor allem arabische Verlage kommen, aber es gibt auch Interesse bei Europäern«, beschreibt Ursula Holpp, Koordinatorin des Frankfurter Teams.
Zahl und Begeisterung der Leser in den Emiraten sind überschaubar, doch Abu Dhabi könnte eine gute Einstiegsluke in den arabischen Büchermarkt werden. »Der Markt ist interessant«, sagt Claudia Gehre, Verlegerin des Audio Verlages in Berlin. »Bisher sind Hörbücher nicht sehr verbreitet, aber warum eigentlich nicht? Im Arabischen gibt es ja eine Erzählkultur, viele können nicht lesen, und dann die Staus – ganz Dubai steht im Stau.«
Allerdings haben ihre Recherchen ergeben, dass es Literatur in der arabischen Welt schwer hat. Auch angesehene Autoren verkaufen selten mehr als einige Tausend Exemplare ihrer Bücher. Doch die Verlegerin hat einen Trend entdeckt, aus dem sich etwas machen ließe: die Nabati-Gedichte, die Mohammed al Shehhi in sein Handy tippt. Die Stämme der arabischen Halbinsel konservierten in solchen Versen Kriegsberichte und Familiengeschichten. Die neue Generation füllt das alte Versmaß mit frischem Inhalt. Abu Dhabi TV widmet sogar eine Fernsehshow den jungen Dichtern. »Das ist genau die richtige Mischung aus westlicher Unterhaltung und unserer arabischen Kultur«, erklärt Mohammed al Shehhi.
- Datum 06.03.2007 - 13:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.03.2007 Nr. 10
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