Ihre Schreie waren gut zu hören in der klaren ostpreußischen Januarnacht des Jahres 1945. Einige der Menschen starben sofort, andere kämpften wohl noch eine schreckliche Weile in den eisigen Fluten mit dem Tod. In den nächsten Tagen lagen an den Stränden die Leichen. Die sie fanden, erfasste Entsetzen.

Nein, hier ist nicht – zum wie vielten Mal? – vom Untergang der Wilhelm Gustloff die Rede, auch nicht von den Leiden der Flüchtlingstrecks, die noch in letzter Stunde über das zugefrorene Haff aus der ostpreußischen Heimat entkommen wollten, auf der Flucht vor der heranrollenden Roten Armee. In diesem Buch geht es nicht um das Unrecht, das den Deutschen aus dem Osten angetan wurde, den Flüchtlingen und Vertriebenen, und das in der Bundesrepublik bis heute in ungezählten Zeitungsartikeln, Büchern, Filmen, Hörfunk- und Fernsehsendungen in allen schrecklichen Einzelheiten dokumentiert und angeprangert worden ist.

Hier geht es um ein monströses Verbrechen anderer Art – um eines der letzten großen Holocaust-Massaker, dem in den ersten Wochen des Jahres 1945 im samländischen Palmnicken fünftausend Menschen zum Opfer fielen. Jahrzehntelang versuchte man, es zu verschweigen und zu vertuschen. Doch den Wenigen, die dem Tod entronnen waren, blieb das Grauen eingezeichnet, und die vielen Zeugen jener Tage und Nächte an der Ostseeküste, konnten nicht verdrängen, was sie als junge Menschen, als Kinder noch, miterlebt hatten. Sie begannen aufzuschreiben und zu erzählen.

Martin Bergau, der als 16-jähriger Sohn des Küsters selbst dabei gewesen ist und der über die Mordtat bereits 1994 in seinem Buch Der Junge von der Bernsteinküste berichtete (ZEIT Nr. 45/00), hat ihre Erinnerungen jetzt gesammelt. Weitere Dokumente ergänzen das Bild, vor allem Auszüge aus den Akten eines Ermittlungsverfahrens, das Anfang der sechziger Jahre in Lüneburg eingeleitet, bald aber wieder eingestellt worden war, nachdem sich der Hauptbeschuldigte, SS-Obersturmführer Fritz Weber, selbst gerichtet hatte.

Es ist eine beklemmende Lektüre, die den Atem stocken lässt; es ist eine apokalyptische Geschichte. Nach dem Beginn der sowjetischen Offensive in Ostpreußen am 12. Januar 1945 erfasste das deutsche Terrorregime die Panik. In aller Eile begann man, die Konzentrationslager zu räumen. So wurden aus Nebenlagern des Danziger KZ Stutthof, die sich bei Königsberg befanden, an die fünftausend Häftlinge durch Eis und Schnee Richtung Küste getrieben. Etliche starben am Weg oder wurden erschossen. Etwa dreitausend Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, erreichten Palmnicken. Hier sollten sie in den Stollen eines Bernsteinwerks lebendig begraben werden. Der Kommandeur des Palmnicker Volkssturms, der Güterdirektor Hans Feyerabend, stellte sich dem mutig entgegen. Daraufhin zog die SS mit ihren Opfern des Nachts weiter und trieb die verzweifelten Menschen auf das Eis des zugefrorenen Meeres oder erschoss, erschlug sie gleich am Strand.