Pretzien gilt als Vorzeigedorf. Die Häuser sind mit hellen, freundlichen Farben getüncht, die Gehwege sauber gefegt. Viele junge Familien sind in den vergangenen Jahren in den Ort gezogen, er hat 970 Einwohner. Es lebt sich schön im Elbtal, 20 Kilometer südöstlich von Magdeburg –, wäre da nicht diese hässliche Sache, die letzten Sommer geschah. Seitdem ist Pretzien ein Dorf, in dem viele Menschen nicht mehr miteinander reden. Hinter dem Gemeinschaftshaus fand die Sonnwendfeier statt BILD

Am 24. Juni 2006 hatte der »Heimat Bund Ostelbien« die Dorfbewohner zu einer Sonnwendfeier eingeladen, auf die Wiese hinter dem Gemeindehaus. Dass die kräftigen, jungen Männer mit den bekanntermaßen rechtsradikalen Ansichten die Organisation des Fests übernahmen, daran hatte man sich seit Jahren gewöhnt. Es störte offenbar kaum einen. Hatten »die Jungs«, wie man sie im Dorf nennt, nicht schon mehrere Feste veranstaltet, ohne einen einzigen Gast mit ihren politischen Überzeugungen zu belästigen?

Etwa 80 Bürger waren gekommen, standen um das Feuer herum, redeten. Doch dann rief einer der jungen Männer laut: »Wer etwas Artfremdes dem Feuer zu übergeben hat, der soll das jetzt tun.« Eine US-Flagge flog in die Flammen, kurz darauf das Tagebuch der Anne Frank . Dass die Feier nach wenigen Minuten abgebrochen wurde, dafür sorgte eine Frau, die selbst beim Heimat Bund Mitglied war. Eine Zeit lang galt sie in Pretzien als Heldin. Heute äußert sie sich nicht mehr zu dem Vorfall.

Selbst Zeitungen in Israel berichteten über den Skandal

Ein paar Tage später erstatte jemand anonym Anzeige. Ein Aufschrei ging durch die Republik, selbst amerikanische und israelische Zeitungen berichteten über die Verbrennung des Buchs. Viele fanden nicht nur die Tat schockierend, sondern auch den Umstand, dass unbescholtene Bürger zugesehen hatten, ohne zu protestieren. Fortan galt Pretzien als braunes Dorf. Die unrühmliche Geschichte hat nun ein Nachspiel: Am Montag begann in Magdeburg der Prozess gegen sieben Angeklagte im Alter zwischen 24 und 29 Jahren. Bis auf einen stammen alle aus Pretzien. Der Staatsanwalt wirft ihnen Volksverhetzung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener vor. Wie erwarten die Bürger von Pretzien diesen Prozess, der wieder Aufmerksamkeit auf das kleine Dorf lenkt?

Friedrich Harwig sieht müde aus. Er ist der Bürgermeister, sein Telefon klingelt ständig. Zum Prozessauftakt sind die Medien ins Dorf zurückgekehrt. Harwig ist ein kleiner Mann mit Schnauzbart, 66 Jahre alt. 25 Jahre lang war er Offizier der Nationalen Volksarmee, 1994 wählten ihn die Pretziener das erste Mal zum Bürgermeister. Zuletzt bestätigten sie ihn ohne eine einzige Gegenstimme.