1. Alltag

Zu Beginn der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts traf man unter einer der Brücken an jener Ringstraße, die an der Akademie der Wissenschaften in Peking vorbeiführte, einen Märchenerzähler, der sich dort einfand, wenn die Vogelhändler ihren Markt abhielten. Er bediente einen Guckkasten, dessen grelle oder fahle Bilder die Geschichten illustrierten, deren dramatischen Verlauf der alte Mann mit vielen Pausen vortrug. Während dieser Unterbrechungen nahm er einen Schluck Tee, klopfte an die Blechschüssel, in der sich sein Honorar sammelte, und musterte das Publikum: junge, freche Burschen, die auf dem Markt ein schnelles Geschäft mit Tieren oder Käfigen machen wollten, ein paar scheinbar gelangweilte Mitarbeiter des Amtes für Öffentliche Sicherheit, kenntlich an ihren verspiegelten Sonnenbrillen, viele Grauköpfe, die aus Neugier gekommen waren, vielleicht auch, um ihren eigenen Vögeln andere Vögel vorzustellen.

Liebesgeschichten, Gespenstergeschichten, Abenteuergeschichten, am Aufbau änderte das wenig, am Schluss kam es stets zu einer Verfolgung – und zur Rettung der Bedrohten aus tödlicher Gefahr. Hier allerdings zeigten die Bilder zwei Varianten: Je nach Zusammensetzung des Publikums wurden die Retter und Rächer von einem entschlossenen Mao Tse-tung angeführt oder von einer Figur mit langem dünnen Bart, auf deren Brust die zwei Zeichen für Konfuzius prangten. Erfolgreich waren beide Erscheinungen.

2. Religion

Man muss dem abendländischen Begriff Religion ein ziemlich weites Gewand schneidern, um auch den Konfuzianismus darin unterbringen zu können. Dass wir uns überhaupt angewöhnt haben, beim Konfuzianismus von einer Religion zu sprechen, verdanken wir einmal den Jesuitenmissionaren des 17. Jahrhunderts, die nicht nur den Namen erfanden, sondern auch ein theologisches Konstrukt, das ihnen erlaubte, die Chinesen nicht zu Heiden zu erklären. Ein Volk, das auf einer so hohen Zivilisationsstufe stand, argumentierten die Patres, könne ja nicht einfach keine Religion haben, es hätten sich in der Geschichte einfach nur einige Irrtümer eingeschlichen. Man war sogar bereit, Konfuzius als einen frühen Propheten und Ahnenbilder auf kirchlichen Altären zu akzeptieren. Der Bekehrung der Chinesen zu Christen half das nicht.

Der zweite Impuls ging, Anfang des 20. Jahrhunderts, von Reformern des chinesischen Staatswesens aus, die das Fehlen einer respektablen Religion als ein entscheidendes Manko für die spirituelle Ertüchtigung des Reiches, später dann der Republik empfanden. "Der Westen" hatte sein Christentum, also brauchte auch China eine Nationalreligion. Dem Projekt war nicht einmal ein kurzfristiger Erfolg beschieden, obwohl Konfuzius prompt durch ein sehr feierliches Staatsdekret allen internationalen Göttern und Heiligen gleichgestellt wurde. Über einen dritten, sehr modernistischen Versuch wird noch zu reden sein.

3. Lehre

Recht besehen, steht der Konfuzianismus für ein Programm der Entzauberung der Welt, für die Beförderung einer agnostischen Grundhaltung. In der Auseinandersetzung mit dem Übersinnlichen fand er seine erste Gestalt. Die religiösen Vorstellungen, die durch die Lehren des Konfuzius (551 bis 479 v.Chr.) aufgehoben wurden, bestanden einmal aus Elementen der Ahnenverehrung, zum anderen aus der Vorstellung von einem Himmel, in dem ein höchstes Wesen, ein Herrschergott regierte, der auf die Erde und ihre Bewohner mit Strafen und Belohnungen einwirkte. Dieser Gott war ein Vegetations-, beileibe aber kein Schöpfergott, die Schöpfung wurde vielmehr durch das bipolare Spiel zwischen zwei Urkräften, dem männlichen Yang und dem weiblichen Yin bestimmt. In diesem Bild repräsentiert der Himmel das Prinzip Yang, die Erde folglich Yin, wobei sich alle Momente des Kosmos in Bewegung befinden und ein gewaltiges Durcheinander entstehen kann, welches die Dinge "unter dem Himmel" in ihrem Fortbestand bedroht. Ein geheiligtes Ritual vermittelt daher zwischen der Verehrung der Ahnen und der (agrarischen) Ordnung auf Erden. Es werden Rauchopfer dargeboten, da das Feuer dem (männlichen) Prinzip Yang zugerechnet wird, die Welt der Geister und der Unruhe dagegen der (weiblichen) Kraft Yin.

Konfuzius und seine Schüler nahmen diesen Vorstellungen die meisten ihrer archaisch spekulativen Elemente, wenn man so will: die Transzendenz und begründeten eine Lehre, die am besten mit dem im Westen seit römischen Zeiten als "Ziviltheologie" gekennzeichneten Begriff zu fassen ist. Von Geistern war hinfort nicht oder kaum mehr die Rede, im Zentrum stand der Begriff der Ordnung, stand eine politisch-soziale Philosophie, die durch verbindliche Formen des moralischen Verhaltens ideale Zustände auf Erden schaffen wollte. Die korrekte Gestaltung der "fünf menschlichen Beziehungen" war ein Leitthema, genauer: das Verhältnis zwischen Herrscher und Untertan, Vater und Sohn, Mann und Frau, älterem und jüngerem Bruder, Freund und Freund. Das Gedeihen dieser Beziehungen wurden durch die Kardinaltugenden "Gehorsam" und "Menschlichkeit" garantiert. Der revolutionäre Gehalt lag darin, dass sich Herrschaft, zumindest der Theorie nach, nicht durch Abstammung, durch Geburtsadel legitimierte, sondern durch die Befolgung moralischer Gebote, die in einem immer stärker erweiterten Katalog von Vorschriften niedergelegt wurden.

Wenn gegen die sozialen Gebote verstoßen wurde, geriet der politische Kosmos, geriet aber auch die Natur in Unordnung, dann konnte "der Himmel" dem Kaiser das Mandat entziehen.

4. Wahrheit

Die Lehre des Konfuzius kennt keine dem Christentum oder dem Islam vergleichbare offenbarte Wahrheit. Der in China verhandelte Wahrheitsbegriff ist eher philologischer Natur. Konfuzius und seine Schüler redigierten überlieferte Schriften wie das Buch der Lieder , das Buch der Urkunden , das Buch der Riten , die Frühlings- und Herbst-Annalen , eine Chronik des Staates Lu ; sie schrieben Kommentare, wie diese Texte auszulegen seien und warum sich in ihnen das Bild einer ideal geordneten Gesellschaft finden lasse. In einem über die Philologie hinausweisenden Sinn wurde dieses Programm der "Richtigstellung der Bezeichnungen" zu einem Ordnungsentwurf für den gesamten Kosmos. Es gibt für alle Phänomene im Himmel und auf Erden gültige Erklärungen, wenn nur die Texte korrekt ausgelegt werden.