Wenn Bernd Leitl seinen Arbeitsplatz in Hamburg ansteuert, die ewig zugige Bundesstraße überquert, sich gegen den Wind bis zum 20-stöckigen Hochhaus Beim Schlump vorkämpft, dem Sitz des Meteorologischen Instituts der Universität, dann ist er klimatisch schon eingestimmt auf sein Forschungsgebiet; er denkt an Böen, Turbulenzen und Düseneffekte, an Windfelder, die von Hochhäusern aus höheren Luftschichten nach unten geleitet werden. Vor allem aber denkt er an Wirbel. Luftwirbel bilden sich, wo der Wind um ein Gebäude streicht, an Fassadenvorsprüngen, Balkons. Und, besonders tückisch, in Lee, auf der windabgewandten Seite. Durch das verkleinerte OKLAHOMA CITY jagt bald der Wind BILD

An diesem Tag führt Leitl seinen Besucher in die Katakomben des Hochhauses. Hinter einer Stahltür erstreckt sich auf 17 Metern ein Holztunnel: der älteste Windkanal des Instituts; an einem Ende ein mannshoher Rotor für den Wind, an den Seiten Glasklappen für die Sicht, innen gerade so viel Platz, dass ein Mensch darin kauern kann. Was ab einer Böenwindgeschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde allerdings ungemütlich wird. Ab sieben bis zehn Metern pro Sekunde, die der Wind leicht erreiche, wenn er freie Fläche habe, sagt Leitl, flögen draußen die Sonnenschirme davon. Der Rotor des Windkanals schafft auch 15 Meter pro Sekunde, da können sich ältere Menschen kaum noch auf den Beinen halten.

In der Wirklichkeit bedarf es für solche Verhältnisse nicht unbedingt eines Orkans, vorausgesetzt, man ist in der richtigen Stadt wie zum Beispiel Chicago. Dort hatte sich der promovierte Ingenieur für die Colorado State University mit den Windverhältnissen beschäftigt, bevor er vor fast zehn Jahren Leiter des Windkanallabors in Hamburg wurde. In Chicago passiert es immer wieder, dass Drehtüren von Bürohäusern sich nicht mehr öffnen lassen, dass Menschen auf der Straße sich nicht trauen, die Hauswand loszulassen, geschweige denn über die Fahrbahn zum Bus zu gehen, nur weil der Wind, der vom Michigansee heranjagt und vor der Stadt nach oben geleitet und dann von den Wolkenkratzern wieder vom Himmel geholt wird, so heftig durch die Straßen jagt. »Städte sind fast wie Gebirge«, sagt Leitl, »sie schaffen sich ihre eigenen Windverhältnisse.«

In europäischen Städten sind die Seen, Hochhäuser und Windböen kleiner, aber im Prinzip spielt sich das Gleiche ab. »Sehen Sie«, sagt Bernd Leitl. Im Windkanal haben er und ein Techniker ein paar Straßen einer großstädtischen City aufgebaut, Maßstab 1:300, Häuser aus Bauschaum, zwar ohne Tür- und Fensteröffnungen, aber mit Erkern und Balkonvorsprüngen. Dazwischen Hinterhöfe, Baulücken, eine Fabrik, ein Theater, »fast so schön wie im richtigen Leben«, ruft Leitl und löscht die Deckenleuchten. Laserstrahlen tauchen die Straßen in grünliches Licht, aus einer Öffnung im Boden des Kanals quillt Theaternebel. Leitl schaltet den Rotor an, nur langsam, das genügt. Der künstliche Nebel wird vom Wind erfasst, streicht, gut sichtbar im Laserlicht, durch die Straßen, mal langsamer, mal schneller, beschleunigt an Baulücken, biegt um Häuserecken in Querstraßen, prallt an großen Gebäuden ab. Und bildet immer wieder Wirbel, kleinere und größere, linksdrehende und rechtsdrehende, Wirbel, die den Wind in eine neue Richtung lenken. Manchmal dort, wo eine Hausecke, ein Fahrstuhlschacht in die Quere kommt, manchmal scheinbar ohne Grund.

»Solche turbulenten Wirbel werden vom Zufall bestimmt«, sagt Leitl und knipst das Licht wieder an, »nur drei von hundert, vielleicht auch vier, kann man als Experte ohne Experimente vorhersagen.« Der große Rest kann allein schon wichtig werden, wenn es nur um »Windkomfort« geht, die Frage etwa, ob man sich auf dem Balkon seines Apartments hoch über der City aufhalten kann, ohne dass einem Turbulenzen alle paar Minuten die Zeitung aus der Hand reißen. Leitl hatte hier im Windkanal schon das Modell eines Bauprojektes, das in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs geplant war – mit dem Resultat, dass das Karree von hohen Gebäuden den Wind derart fing, dass vor den im Erdgeschoss vorgesehenen Cafés die Tische gewackelt hätten. Im Kanal stand auch ein Modell der auf Beinen stehenden Antarktis-Forschungsstation Neumayer III, der Windschlüpfigkeit wegen ursprünglich in rundlicher Bauweise geplant. Das allerdings, fand Leitl heraus, hätte die Sturmböen am Eingang unter der Station extrem verstärkt. Jetzt wird die Neumayer trapezförmig gebaut.

Doch Windkomfort ist nicht der eigentliche Grund, weshalb man am Meteorologischen Institut seit 20 Jahren Windkanalforschung betreibt. Für Leitl und sein Team aus Doktoranden, Diplomanden und Technikern geht es vor allem darum, wie sich Gase oder Schadstoffe ausbreiten. Wie es ist, wenn nicht Theaternebel durch die Gegend zieht, sondern etwas, was vielleicht schädlich ist für Umwelt und Gesundheit. »Unser entscheidender Vorteil gegenüber der Wirklichkeit ist, dass wir im Windkanal Wind aus allen möglichen Richtungen so lange mit exakt der gleichen Stärke blasen lassen können, bis wir genau wissen, unter welchen Bedingungen in der Natur irgendetwas passiert«, sagt Leitl. »Um die Daten zu bekommen, für die wir Wochen brauchen, stehen Sie im Freien mit Ihren Messgeräten jahrelang herum.«