Neulich morgens, im Pendlerzug. Eine Gruppe von Rentnern steigt ein, lärmend, raumgreifend. Sie breiten Taschen und Rucksäcke aus, sie reißen provozierende Witze, sie signalisieren ihrer Umwelt: Hoppla, hier sind wir, wir haben Spaß, was dagegen? Wir Einzelreisenden, die wir vielleicht gern gearbeitet hätten oder wenigstens ungestört die Zeitung gelesen, sind wie immer feige im Angesicht von Gruppen und sitzen nur mehr innerlich schäumend da: Jemand müsste denen mal Grenzen setzen. Ein paar Manieren beibringen. Da! Jetzt haben sie den Heizungsknopf gefunden und drehen ihn bis zum Anschlag hoch! Es wird wirklich immer schwieriger mit den Alten von heute. BILD

Kann es womöglich sein, dass der Ruhestand – der massenhafte Ruhestand, nur gut die Hälfte der 50- bis 65-Jährigen in unserem Land ist noch erwerbstätig – bei manchen Menschen ein Verhalten hervorbringt, das dem der Pubertät verblüffend ähnelt? Vielleicht weil, ähnlich wie in dieser Phase, Tagesstrukturen, Verantwortung und Verbindlichkeit fehlen? Und ist es möglich, dass uns dieses Verhalten jetzt, da der »demografische Wandel« von einem sehr trockenen Stichwort zu einer lebendigen Anschauung wird, stärker auffällt als noch vor einigen Jahrzehnten? 1970 gab es sechs Millionen Rentner in der Bundesrepublik. Heute, im größer gewordenen Deutschland, sind es 18 Millionen. Der bloße Zuwachs an Menschen mit nahezu unendlich viel freier Zeit sorgt im Stadt- und Straßenbild, im öffentlichen Nahverkehr, in Supermärkten und Reisebüros, auf Parteiversammlungen und in Hochschulen für Veränderungen.

Neulich beim Bundespräsidenten. Da wurde auch über den demografischen Wandel diskutiert. Das Wort führte die Generation Süssmuth/Biedenkopf. Und zweierlei war interessant: zum einen die Radikalität, mit der der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen junge Bundestagsabgeordnete zum Widerstand gegen die Fraktionsräson, gegen den reformerischen Kleinmut ihrer Oberfunktionäre aufwiegelte. Alter befreit offenbar enorm – aber man darf bezweifeln, dass Kurt Biedenkopf ebenso geredet hätte, als er noch generalsekretärsmäßig für die Gesamtperspektive der CDU zuständig war.

Die von kleinlichen Rücksichten entfesselte Radikalität des Alters findet sich nicht nur bei ehemaligen Politikern, sondern auch bei Professoren und Publizisten. Die Ruhestandsgeneration ruft leichter (auch in bürgerlichen Medien wie der FAZ) die Revolution aus als die notwendig kompromissorientierte Gruppe des erwerbstätigen Mittelalters, deren Angehörige stets abwägen müssen, ob sie für den im Zweifelsfall anzuzettelnden Konflikt – mit dem Schaffner, der Hausverwaltung oder der Öffentlichkeit – überhaupt die nötige Zeit hätten.

Teenager und Hochbetagte neigen gleichermaßen zur Besserwisserei

Nicht radikal, sondern eher abwiegelnd reagierte das ältere Publikum beim Bundespräsidenten auf die Frage, die die Jüngeren nun einmal umtreibt – wie nämlich dem Kindermangel, auch der strukturellen Familienfeindlichkeit in Deutschland abzuhelfen sei. Das ganze Gebarme um zu wenig Nachwuchs kam vielen überflüssig vor: Schwund gibt es immer. Und bei diesem Thema muss sich die Generation Ruhestand ja in der Tat nicht mehr persönlich zuständig fühlen – von gesellschaftlicher Bedeutung aber ist das Problem mindestens ebenso sehr wie die Sicherung von Pflege und Rente. Ist es vollkommen abwegig und ungerecht, wenn man befürchtet, dass die wachsende Zahl älterer Wähler nach ähnlichen (Nicht-) Betroffenheitskriterien entscheiden wird, wenn es irgendwann einmal um Interessenkonkurrenzen etwa zwischen der Rentenfinanzierung und dem Ausbau des Bildungssystems geht?