In meinem Lieblingstraum gibt es einen Hauptdarsteller. Sein Name ist Virtual Teacher, das bedeutet virtueller Lehrer. VT ist ein freundlicher Roboter für Kinder, einer, der unterrichtet und genau weiß, was sie besonders interessiert. Er kennt ihre neuesten Witze und weiß über die TV-Show von gestern Abend Bescheid. Er ist also eine Art bester Freund – mit einer guten Portion Humor. Für mich ist Humor eine der wesentlichen Eigenschaften des Menschen. Wenn wir uns also so einen virtuellen Lehrer ausdenken, muss er ein besonders heiterer Geselle sein, sonst wirkt er nicht echt. Es muss eine große Herausforderung für Software-Ingenieure sein, Humor zu programmieren. »Der virtuelle Lehrer ist ein lebenslanger Begleiter, ein kluger Berater und bester Freund. Er sieht aus wie Mickymaus oder Bugs Bunny« BILD

Ein virtueller Lehrer verfügt nicht nur über Emotionen, er kann sie auch von unseren Gesichtern ablesen. Er kann sogar unsere Körpersprache und den Tonfall unserer Stimme deuten. Sind wir ängstlich oder frech, fühlen wir uns sicher, oder sind wir besonders vorsichtig? Wenn wir uns anschauen, wie wir uns am Computer verhalten, dann entdecken wir, dass wir immer schon mit ihm gesprochen haben: »Hey – was machst du da? Komm schon, geht das nicht schneller…« Wir behandeln die Maschine, als ob sie menschliche Eigenschaften hätte. Warum also nicht gleich von einem virtuellen Lehrer träumen?

Heute stehen Lehrerinnen und Lehrer vor Klassen mit 20 oder mehr Schülern. Die einen sind in Mathe ziemlich gut, haben aber in Sprachen ihre Schwierigkeiten. Manche sind wissbegierig, andere können sich nur schwer konzentrieren. Lernen ist also ein sehr individueller Vorgang. Doch in der Schule muss jeder mitkommen, keiner darf auf der Strecke bleiben. Deshalb wird die Menge des Stoffs, die Tiefe der Aufbereitung und deren Geschwindigkeit nicht von den besten, sondern von den schwächeren Schülern bestimmt. Die besonders begabten langweilen sich zu Tode. Mit einem persönlichen virtuellen Lehrer wird das anders – und vor allem viel besser. Er kann individuell auf jeden Schüler eingehen, auf seine Schwächen, seine Stärken, seine Auffassungsgabe. Prüfungen werden überflüssig.

In meinem Traum höre ich plötzlich einen lauten Aufschrei aller Pädagogen. »Was wird aus uns? Wir verlieren unsere Jobs!« – »Keine Sorge«, antworte ich, »der Computer hat weder Schreibstift noch Papier, weder Buch noch Zeitung überflüssig gemacht. Der virtuelle Lehrer wird ein neuer Kollege sein, der euch viel Arbeit abnimmt. Vokabeln wiederholen, den Stoff nochmals durchgehen – das ist Vergangenheit. Eure Kenntnisse und Qualifikationen können viel gezielter eingesetzt werden.« Obendrein: Wie viele Kinder gibt es auf der Welt, die keinen oder nur schlechten Unterricht bekommen? Da ist es doch eine großartige Idee, wenn jedes Kind seinen persönlichen virtuellen Lehrer hat. Natürlich werden diese nicht von heute auf morgen den Unterricht übernehmen. Das ist eine Entwicklung, die viele Jahre dauern wird. Und in dieser Zeit werden aus den gewöhnlichen Lehrern hoch spezialisierte Software-Berater, deren Aufgabe es ist, neue Lernprogramme zu verwalten und ständig zu verbessern.

Lehrer sind Menschen und deshalb nie perfekt. Entsprechend dürfen auch ihre virtuellen Kollegen nie perfekt sein. Sie haben wie reale Lehrer Wissenslücken. Es kann vorkommen, dass ein virtueller Lehrer auf die Frage eines Schülers keine Antwort weiß. Und er wird sich informieren und sich über spezielle Programme im Internet fortbilden müssen. Das macht ihn seinen Schülern umso sympathischer. Und ich träume weiter: von einem virtuellen Lehrer, der zum lebenslangen Begleiter wird. Zu einem klugen Berater, der mich so gut wie mein bester Freund kennt und mir als Coach, Mentaltrainer und Diskussionspartner zur Seite steht. Bis ins hohe Alter.

In diesem Traum verbirgt sich die Frage nach der Möglichkeit künstlicher Intelligenz: Wie arbeitet das Gehirn eines Menschen, und wie weit können wir es simulieren? Vielleicht eines Tages so gut, dass der Unterschied zwischen einem realen und einem virtuellen Lehrer nicht mehr zu erkennen ist? Neurologie und Psychologie, Didaktik, Menschenkenntnis, emotionales Feedback… Wenn wir ein Wesen mit künstlicher Intelligenz konstruieren wollen, müssen wir ein noch viel tieferes Verständnis über die Vorgänge in unserem Gehirn erwerben. Genau das ist das Thema, welches mich an meinem Traum am meisten interessiert.