WIRTSCHAFTSBUCHZurück zu Keynes

von Reinhard Blomert

Sein Hauptwerk Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes wurde von einer Auswahl konservativer amerikanischer Professoren und Politiker im Jahre 2005 zu den gefährlichsten Büchern des 20. Jahrhunderts gezählt noch vor den Werken Lenins. Dagegen erklärten Wirtschaftsnobelpreisträger wie James Tobin oder Joseph Stiglitz ihn zum bedeutendsten Ökonomen überhaupt. Am dem Briten John Maynard Keynes scheiden sich auch 70 Jahre nach seinem Tod die Geister. Woran liegt es, dass sein Name noch immer so viele Emotionen auslöst?

Keynes brach mit der liberalen Idee, der Markt biete stets die beste Lösung. Tatsächlich hatte die unsichtbare Hand des Marktes in der Weltwirtschaftskrise Millionen von Arbeitern auf die Straße gesetzt, und die klassischen Ökonomen empfahlen Lohnsenkungen: Dann, so behaupteten sie, stiege die Beschäftigung und der Arbeitsmarkt würde geräumt. Doch auch zu Hungerlöhnen stellten die Unternehmer niemand ein, denn die Konjunkturaussichten blieben düster und die Nachfrage schwach. Keynes erkannte, dass Kostenvorteile durch Lohnsenkung die eine, sinkende Einkommen der Kundschaft die andere Seite derselben Medaille waren. Weil Unternehmer auch nicht auf Exporte ausweichen konnten, kam es zur Abwärtsspirale der Depression, aus der nur noch der Staat heraushelfen konnte. Nur öffentliche Arbeiten konnten einen Ausweg aus dem skandalösen Zustand ungenutzter Arbeits- und Geistesressourcen bieten.

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In den siebziger Jahren war der Keynesianismus fast schon Allgemeingut. Dann wurde die Frage, ob der Staat in die Konjunktur eingreifen soll, wieder zum Gegenstand heißer Dispute. Die sogenannten neuen Klassiker von Milton Friedman bis Robert Lucas erklärten den Staat selbst zum Störfaktor in der Wirtschaft. Lohnsenkungen wurden wieder als Heilmittel gegen die Massenarbeitslosigkeit gepriesen, und die klassische Ökonomie dominierte internationale Organisationen.

Diese Gegenrevolution wirkt sich bis heute auf die wirtschaftspolitische Praxis aus.

Doch die keynesianische Frage bleibt aktuell: Wie kann eine zivilisierte Gesellschaft, die sich die Menschenrechte auf ihre Fahnen geschrieben hat, ein Millionenheer von Arbeitslosen und wachsende Armut rechtfertigen? Die neoklassische Lehre ignoriert nach dieser Sicht, dass Konsumenten erst als Produzenten Einkommen bilden müssen, um Nachfrage zu generieren.

Keynes war hier weiter. Daher forderte der Nobelpreisträger George Akerlof jüngst als Präsident der American Economic Association (AEA) in der Eröffnungsansprache des AEA-Kongresses in Chicago einen Paradigmenwechsel zurück zu Keynes.

Im vergangenen Jahr erschien eine Neuausgabe des Hauptwerkes in den USA. Die Einleitung schrieb der Princeton-Ökonom Paul Krugman. Auch eine deutsche Neuausgabe liegt jetzt vor, die große Vorzüge aufweist.

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