Was würde mir auffallen, wenn ich als europäischer Besucher Indien zum ersten Mal bereiste und am religiösen Leben interessiert wäre? Wahrscheinlich, dass der Hinduismus den ganzen Alltag, privat und öffentlich, mit einer Intensität durchdringt, die in Europa unvorstellbar geworden ist. An der Straße sieht man unweigerlich Gläubige, die in Tempeln und an Altären ihre Götter verehren. Man sieht mit Blumen geschmückte Figuren und bemalte Steine unter Bäumen am Straßenrand. Lakshmi, die Göttin des Wohlstands, wacht an den Kassen der Geschäfte, und kaum ein Taxi fährt ohne Heiligenbilder oder einen Miniaturaltar auf dem Armaturenbrett. Zeitungen und Fernsehen berichten über Pilgerfahrten an heilige Flüsse und zu Tempeln, an denen Millionen teilnehmen.

Wenn der Besucher mehr wissen will, wird er erfahren, dass der Hinduismus in seinen Ursprüngen 3500 bis 4000 Jahre bis zu den Veden zurückreicht, die oft als Gründungstexte der hinduistischen Zivilisation bezeichnet werden. Der Begriff »Hinduismus« als Sammelname für die vielfältigen religiösen Ideen und Praktiken, die für Indien charakteristisch sind, wurde von den Engländern Ende des 18. Jahrhunderts geprägt. Der Hinduismus hat nie ein einheitliches Glaubenssystem mit einem für alle Gläubigen bindenden Glaubensbekenntnis gekannt, und die meisten Hindus sind der Meinung, Wahrheit könne nicht beansprucht, sondern müsse ewig gesucht werden.

Die Religion gründet sich weder auf einen einzelnen Religionsstifter, noch gibt es ein allgemein verbindliches heiliges Buch. Es gibt auch kein zentrales Autoritätssystem oder eine Instanz wie die Kirche und keine gemeinschaftlichen Symbole wie Kreuz oder Halbmond.

Wenn dieses neti! neti! (»Nicht dies! Nicht dies!«) unseren Besucher zweifeln lässt, ob der Hinduismus überhaupt eine Religion ist und nicht vielmehr eine Lebensweise, wie viele Hindus behaupten, sollte er sich dennoch nicht entmutigen lassen. Denn es gibt eine Weltanschauung, Vorstellungen zur Gesellschaft, Mythen und vor allem Praktiken, die den Hinduismus von anderen Weltreligionen unterscheiden.

Weltanschauung

Die Grundlage der hinduistischen Weltanschauung wird von den Vorstellungen von »Moksha«, »Dharma« und »Karma« gebildet. Moksha (übersetzt als »Transzendenz«, »Erlösung«, »Befreiung aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten«) ist das höchste Ziel menschlicher Existenz. Wer Moksha erreicht, verschmilzt seine individuelle Einzelseele (»Atman«) mit der eigenschaftslosen Weltenseele (»Brahman«). Das Ideal eines Erlebnisses der Einheit von Mensch und Ewigkeit vermittelt jedem Hindu die Möglichkeit einer »mystischen« Erfahrung, nicht nur einer Elite von Künstlern, Dichtern und Heiligen.

Für die meisten Hindus heißt das Erreichen von Moksha allerdings, in einer Reihe vieler Wiedergeburten auf der Straße des Dharma zu reisen.