Afghanistan Sie mögen uns

Die Nato hat im Süden Afghanistans eine Offensive begonnen – die Deutschen sollten dabei eine Rolle spielen.

Die Nato hat sie lange angekündigt, nun ist sie da: die Frühjahrsoffensive gegen die Taliban. 5000 Soldaten sind im Einsatz. Die Nato-Verbände sollen in der südlichen Provinz Helmand gegen die Taliban kämpfen und sie »entscheidend schwächen«. Das klingt gut, aber es ist Augenwischerei. Die Taliban lassen sich mit Kanonen nicht entscheidend schwächen. Krieg ist ihr Handwerk. Es ist das einzige, das sie beherrschen. Der Krieg treibt ihnen die Leute in die Arme, und er untergräbt die Glaubwürdigkeit des Westens. Auch die jetzt laufende Operation Achilles wird unbeteiligten Zivilisten den Tod bringen. Die Taliban werden das weidlich ausnutzen. Die Fronten verhärten sich weiter. Die Entführung des Journalisten Daniele Mastrogiacomo von La Repubblica in Helmand ist ein Zeichen dafür. Die Taliban behaupten, er sei ein Spion – mithin Kriegspartei.

Trotz aller Bedenken, wer Afghanistan befrieden will, wird es ohne Gewalt nicht tun können. Entscheidend ist, wie man sie einsetzt, gegen wen und zu welchem Zweck. Die Gewalt muss einen Kontext haben, sonst ist sie blind und sinnlos. Bevor die Nato zuschlägt, sollte sie immer wieder aufs Neue fragen, wer eigentlich die Gegner des Westens sind: Die Taliban, klar, aber wer und was sind die Taliban? Und sind es die einzigen Gegner, oder gibt es noch andere?

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Die Strategen in Brüssel und Politiker in den verschiedenen Staatskanzleien kennen darauf bestimmt die Antworten. Aber warum sprechen sie darüber nicht offen? Warum erklären sie den Bürgern nicht, dass die Taliban kein monolithischer Block sind? Warum sagen sie nicht, dass die Gegner auch in Kabul sitzen, mitten in den gewählten Institutionen?

Sie tun es nicht, weil sie dann zugeben müssten, dass man in Afghanistan nicht siegen kann. Sie tun es nicht, weil sie die Illusion nähren wollen, dass die eigenen Soldaten in einer überschaubaren Zeit wieder nach Hause kommen können. Sie tun es nicht, weil Afghanistan zu einem Dilemma geworden ist. Die Nato kann sich nicht zurückziehen, aber sie kann auch nicht auf ewig dableiben. Sie steckt fest im afghanischen Treibsand.

Es geht in Afghanistan nicht um Sieg, sondern um einen Modus Vivendi, um die Möglichkeit, mit einem an sich unlösbaren Problem zu leben. Um das zu erreichen, müsste sich der Westen auf die afghanischen Verhältnisse einlassen, er müsste erkennen, dass in den fließenden Grenzen, den unsteten Verhältnissen und verschwommenen Konturen dieser Gesellschaft eine Chance liegt – die Chance, politisch zu handeln, politisch wirksam zu sein.

Dafür gibt es Beispiele. Britische Truppen gerieten im Bezirk Musa Qala, Helmand, im Sommer 2006 täglich unter Beschuss. Sie erlitten hohe Verluste. Als die Stammesältesten des Bezirkes auf den Befehlshaber der Briten zukamen, um ihm ein Vermittlungsangebot zu machen, nahm dieser an. Es kam zu einem Abkommen. Im Kern verpflichteten sich die Stammesältesten darauf, Bewaffnete aus dem Bezirk fernzuhalten und mit dem Staat zu kooperieren. Dafür zogen sich die ausländischen Truppen zurück. Musa Qala erbrachte den Beweis, dass es auch in Helmand, der schwierigsten Provinz Afghanistans, möglich war, die Taliban mit politischen Mitteln wenn nicht zu besiegen, so doch zu verdrängen. Die Amerikaner kritisierten das Abkommen allerdings, weil sie glaubten, es würde den Taliban die Kontrolle über Musa Qala verschaffen. Sie plädierten für ein »robusteres« Vorgehen. Tatsächlich flogen Nato- Kampflugzeuge einen Einsatz und töteten einen Taliban-Führer. Das Abkommen von Musa Qala war damit nur mehr Makulatur. Der deutsche Afghanistanexperte Thomas Ruttig von der Stiftung Wissenschaft und Politik, der den Fall von Musa Qala detailliert recherchiert hat, schreibt dazu: »Es kann … nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei den Luftangriffen … um eine gezielte Provokation handelte, die das Musa-Qala-Protokoll aushebeln sollte… Diese Annahme liegt umso näher, als die USA im Oktober 2006 mit ähnlicher Taktik ein Abkommen zwischen pakistanischen Taliban und der dortigen Regierung in der Bajaur Agency verhinderten. Am Tag vor der Unterzeichnung griffen sie eine Koranschule an, wobei 82 Menschen ums Leben kamen.« Ist die Einschätzung richtig, war dies eine unnötige Rückkehr zum Krieg.

Sehr wahrscheinlich, dass die Afghanen von Musa Qala und viele andere vom Krieg betroffene Orte das Vertrauen in den Westen verloren haben – Vertrauen ist aber die Grundlage für Stabilisierung. Damit sind wir bei der Rolle Deutschlands, das in diesen Krieg planlos hineinschlittert. Dabei kann Deutschland eine wirkungsvolle Strategie entwickeln. Es gibt kein westliches Land, das in Afghanistan einen (immer noch) so guten Ruf genießt. Das ist politisches Kapital, das Deutschland nutzen sollte. Auch im kriegsgeplagten Süden des Landes. Wie zum Beispiel wäre die Geschichte von Musa Qala ausgegangen, wenn Deutsche mehr Mitsprache und die Amerikaner weniger gehabt hätten? Wahrscheinlich »gut«.

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Leser-Kommentare
    • Colon
    • 07.03.2007 um 14:59 Uhr

    Lieber Herr Ladurner, hat sie der Mut auf halbem Wege verlassen? Einer nüchternen und klaren Beschreibung der Ist-Situation folgt ein Szenario mit Handlungsempfehlung, welches geradezu in den Abgrund weist und selbst mit dem 5-fachen
    Kontingent an, dann auch Deutschen, Bodentruppen im Süden nicht zu einer menschenfreundlicheren Situation führen würde.

    1- Grundlegendes und nicht aufhebbares Hemmnis:
    Die militärischen und strategischen Interessen der
    amerikanischen Regierung in Afghanistan sind völlig
    verschieden von den Interessen ihrer meisten NATO-Verbündeten. - Das sagt niemand laut, aber jeder weiß es.

    2- Die NATO wird dort benutzt für Aktivitäten, die mit dem ursprünglichen Auftrag des Bündnisses ideell
    unvereinbar sind. Kein einziges NATO-Land wird und wurde durch Afghanen in seiner Existenz bedroht. Ein NATO-Einsatz dort bleibt immer Unrecht, selbst wenn alle der über 600 Bundestagsabgeordneten dafür stimmten und alle Regierungen betonen, sie bewegten sich auf dem Boden rechtsgültiger Beschlüsse.

    3- Gerade die aktuellen Aktivitäten in der Provinz Helmand richten sich, das wurde von amerikanischen und britischen Politikern und Militärs schon offiziell betätigt, auch gegen den Drogenanbau. Das heißt, gegen die Haupteinnahmequelle und das einzige international verkäufliche Produkt der Region. - Warum sollten Afghanen das gut finden? -
    Zumal die Vernichtung von Feldern dort, höchstens die Marktposition der drogenverkaufenden Gebietsfürsten stärkt, die sich derzeit temporär zur Zusammenarbeit mit der Zentralregierung bequemen.

    4- Krieg bleibt Krieg. Für den aufgeschobenen Gesichtsverlust der NATO, Amerikas und der Bundesregierung zahlen nicht Deutsche, Amerikaner und sonstige Verbündete den Hauptpreis in Blut und Vernichtung, sondern natürlich zigfach die Afghanen
    selbst.

    5- Die Zentralregierung in Kabul verwirklicht, auch dafür gibt es mittlerweile genügend Belege, westlich erwünschte Standards und Politiken nur so lange, als ihr Überleben von US-Truppen,NATO und Hilfsgeldern gesichert wird. Keine gute Basis für eine
    dauerhafte friedliche Lösung.

    6- Ein wenig erinnert der westliche Aufmarsch am Hindukusch schon an das vergebliche Vorgehen längst untergegangener antiker Großreiche, die auch irgendwann nicht mehr wussten, wo ihre Grenzen eigentlich verlaufen. Unsere Soldaten wären sicher besser und zielführender eingesetzt, wenn die westlichen Regierungen den dort betreibenen militärischen und ökonomischen Aufwand unter UN-Mandat im Darfur trieben.

    Wie schon 'DomRudolfo' anmerkte. Die beste Lösung ist, 'Raus aus Afghanistan' mit unseren Soldaten! - Und Herrn Struck aufs Altenteil an den Hindukusch.

  1. die NATO ist in Afghanistan um die Taliban zu entmachten, notfalls zu killen.

    Haben sie das nicht verstanden ?

  2. was Afghanen angeblich so alles nicht dulden.

    Die Amis juckt das wenig und das ist gut so.

  3. Die Amerikaner haben voellig versagt beim Wiederaufbau in Afghanistan, im Irak!

    Deutschland hat Truppen geschickt, geholfen, jetzt ist aber der Krieg verloren!

    Wenn Amerikaner nichts anderes als Bereichererung im Sinne haben, sollten sie Deutschland da bitte herauslassen!

    Es widerspricht dem Grundgesetz voellig, Amerikaner bei ihrem imperialistischen Treiben zu unterstuetzen!

    Die USA lassen sich zur Zeit regieren von verrotteten Millionaeren, denen das Schicksal der Welt voellig schnuppe!

  4. Die Natodeutschen haben guten Ruf bei den Warlords und Drogenbossen denen sie das Land und seine Menschen zur Ausbeutung überlassen, damit die für Ruhe sorgen.

    Klar dass die Menschen freundlich sind, wären sie unfreundlich hätten sie ein Problem.

    Dass das im Süden nicht funktioniert liegt an der traditionellen Wehrhaftigkeit der dortigen Stämme die schon mal die Briten hinausgeworfen haben.

    Schlimm wie die deutsche Offentlichkeit über die Natur dieses Krieges erarscht werden, Dieser Krieg ist verbrecherisch und unmoralisch, weil er nicht beendet werden kann, und jede Fortsetzung und jedes Opfer ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist.

    Die Taliban sind im Süden auch keine Truppe sondern Bürgerwehren der ansässigen Bevölkerung, deshalb ist auch ihre Bekämpfung ein Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerung.

  5. war Deutschland nicht beteiligt.

    Seine Meinungen sind eben seine, wie immer.

    Warum spricht er sich nicht dafuer aus, was er wirklich sich und Deutschlsand wuenscht: Raus aus NATO!

    Das waere mehr ehrlich, und erreichbar sollte die Mehrheit der Deutschen es so wollen.

  6. Nur ein für sich sprechendes und unabhägiges Deutschland kann für andere Völker das sein was es möchte. Freund und Helfer und Wegbereiter für die deutsche Wirtschaft zu Schaffung von Absatzmärkten. Das alles ohne Miitär, höchstens mit Polizeiausbildern, dann aber richtig. Dieses Afghanistan wird beweisen, das dass militärische Bündnis NATO als Werkzeug der Amerikaner sich überlebt hat und nur noch Quell von Unheil ist. Die NATO wird verlieren, es sei denn sie geht jetzt. Nur schade es wird dadurch nicht einfacher.

  7. haben Sie etwas vor, den Austritt aus der NATO zu fordern?
    Wann fangen Sie an? Wie machen Sie es? Koennen Sie wenigstens an den Hern Ladurner schreiben und ihn ueberzeugen?
    Was haben Sie ihrem Abgeordneten gesagt?

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