Wenn es Jean Baudrillard nicht gegeben hätte, dann wäre die Welt um ein Epochengefühl ärmer gewesen. Nichts verbindet sich mit seinem Namen mehr als die Vorstellung von der »Postmoderne«, der Zeit nach dem Ende der Zeiten und dem Abschied von der Geschichte. Die Rede von der Postmoderne war die suggestive Zauberformel der achtziger Jahre, und sie hat die Köpfe verhext wie kaum eine zweite. Postmoderne hieß für Baudrillard: Die Zivilisation hat ihren Siedepunkt überschritten, von nun an wird sie erkalten. Sie tritt auf der Stelle, und es wird viel passieren, aber nichts mehr geschehen. Die Ereignisse finden nicht mehr statt, und wenn, dann nur noch als Simulation auf dem Bildschirm. In der neuen Ära, der Ära der Nachgeschichte, gibt es weder Wahrheit noch Politik. Nietzsche, so Baudrillard, habe sich noch mit dem Tod Gottes herumgeschlagen; wir, die endgültig Modernen, aber hätten es mit dem Verschwinden der Geschichte und dem Ende der Politik zu tun. Die Achtundsechziger waren die letzte Zuckung im historischen Lauf der Dinge, danach begann die »Agonie des Realen«, die »große Absorption«, das elende Verschwinden.

Jedes Buch von Jean Baudrillard las sich nun wie ein Requiem. Was man früher Wirklichkeit nannte, das verschwand für ihn nun im Als-ob, im Schein der allmächtigen und allherrschenden Medien. Die Realität ist von ihrer eigenen Simulation nicht mehr zu unterscheiden. Die Bilderökonomie der Warenwelt, der panoptische Terror der Reklame, drückt der Welt ihren Stempel auf. Alles, so schrieb er in seinem Hauptwerk Der symbolische Tausch und der Tod (1976), wird nun mit Ähnlichkeit geschlagen. Die durchgesetzte Moderne duldet keine Differenz und keine Abweichung. Es gibt kein Außerhalb mehr zu der medialen Routine des Lebens, alles ist nur noch seine eigene Simulation. In der »Hölle des Immergleichen« verschwinden erst die Worte und ihre Energien, dann das Subjekt und seine Liebe und schließlich das Lebendige selbst, der Ursprung aller Geschichte.

Baudrillard hat es allerdings mit seiner Theorie nicht lange ausgehalten. Nach dem Fall der Mauer und der »Rückkehr der Geschichte« hat er nach einer neuen, alten Substanz Ausschau gehalten, nach dem Korrektiv seiner eigenen Theorie, der »Wahrheit« und dem »Leben« jenseits von Simulation und Künstlichkeit. Damit begann die vielleicht irritierendste Zeit seiner intellektuellen Karriere. Baudrillard läutete der »Göttlichen Linken« die Totenglocke und kokettierte mit der Neuen Rechten. Sein Hass auf den (französischen) Egalitarismus war beispiellos; der westlichen Konsumgesellschaft wünschte er Tod und Teufel an den Hals, den Untergang und auch das »Böse«. Baudrillard verwandelte sich in einen Apokalyptiker der Gegenaufklärung – und die Terroranschläge vom 11. September verstand er als Wink der Geschichte, als Wiederkehr des Realen im Herzen des westlichen Scheins. Der reaktionäre Prophet feierte seine eigenen Weissagungen und deutete den islamistischen Fundamentalismus als Wiederkehr des Verdrängten und blutige Antwort auf die » terreur « der entleerten Freiheit. Für Baudrillard war der Fundamentalismus die »Revolte der Anti-Körper« und damit ein Phänomen des globalisierten Westens, der sich Amerika und seiner Lebensform unterworfen hat und seinen Selbsthass, seinen Hochmut und sein »Wissen« ausbreitet bis in den letzten Winkel der Erde.

Fundamentalismus, so wurde Baudrillard nicht müde zu behaupten, ist die Nachtseite des gottlosen Westens, der seit Anbeginn an der unschuldigen Welt Rache nehme und sie in eine Wüste der Gleichförmigkeit verwandele. Mit einem Wort: Die fundamentalistische Religion implodiere in der erbärmlichen Leere einer Zivilisation, die ihre heiligsten Werte geopfert habe und zu nichts anderem mehr in der Lage sei als zur Abtötung der Zeit, zur Spiritualität des Konsums und zur fetischistischen Anbetung von Wachstum und Waren. Das war Antihumanismus als Provokation und der frivole Sound der frühen Jahre. Doch Baudrillards Ungeheuerlichkeiten waren auch eine Form bewaffneter Melancholie, die seit je keinen anderen Traum träumte als den, unrecht zu haben. »Die verrückte Hoffnung darauf, widerlegt zu werden«, notiert er in einem seiner schönsten Bücher, den Cool memories.

Jean Baudrillard beharrte darauf, auch ein Soziologe zu sein – einer, der das strenge Tabu der Zunft brach und weder die geschichtsphilosophische Betrachtung noch die metaphysische Spekulation scheute. Mit haltlosen Aphorismen und großem Selbstbewusstsein machte er sich in den eigenen Reihen zum Narren und brachte seine Kollegen mit dem Vorwurf in Rage, dass Soziologen, die nur etwas von der Gesellschaft verstehen und nichts vom Leben, am Ende gar nichts verstehen. Nichts von einer Moderne, in der alles zur Auflösung verurteilt sei, sogar das Unverfügbare, die letzte existenzielle Wirklichkeit – der Tod.

Am vergangenen Dienstag ist Jean Baudrillard im Alter von 77 Jahren in Paris gestorben.

Zum Weiterlesen
Ich habe einen Traum - Jean Baudrillard träumt davon, in der Wüste zu verschwinden (Aus dem Archiv 16/2002) »