New York

Bloß keinen Slang!

Die New Yorker Oberschicht schickt ihre dreijährigen Kinder zum Mandarinunterricht – aber nur bei ausgesuchtem Personal.

Frau Hung muss ihren Chinesischunterricht kurz unterbrechen. Einer ihrer Schülerinnen rinnt schon wieder der Rotz aus der Nase. Behutsam reinigt die junge taiwanesische Lehrerin das kleine, blond umrahmte Gesicht von Elisabeth. Dann schickt sie die Dreijährige wieder hinüber zu ihren Altersgenossen und setzt mit einem Mausklick iTunes in Gang. Aus den Lautsprechern des Computers in der Ecke des Klassenzimmers dringt die Melodie von Bruder Jakob. Die kleinen Kinder singen fröhlich mit – auf Mandarin.

Auf der St. Hilda’s-&-St.-Hugh’s-Privatschule an Manhattans nobler Upper West Side, gleich um die Ecke des ehrwürdigen Campus der Columbia University, gehört der Chinesischunterricht für Dreijährige längst zum Schulalltag. Die meisten der Schüler zwischen zwei und 14 Jahren lernen hier eine Fremdsprache – untypisch für die USA, aber typisch für die New Yorker Elite. Und während wohlhabende Eltern noch vor wenigen Jahren Wert darauf legten, dass ihre Kinder auf Französisch oder Spanisch konversieren können, gewinnt nun Mandarin an Boden: Der Nachwuchs soll am Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Supermacht teilhaben können. Schon jeder vierte der 370 Schüler und Schülerinnen von St. Hilda’s & St. Hugh’s lernt bei Frau Hung Chinesisch. Es werden jährlich mehr.

Die Jungen und Mädchen merken gar nicht, wie schwierig die Sprache ist

Es ist in New York nicht unüblich, dass schon Dreijährige »unterrichtet« werden. Mit ihrem Programm »Kindergarten Plus« ist die Stadt am East River dem Rest des Landes in Sachen frühkindlicher Bildung um einiges voraus. In speziell für jüngere Kinder entwickelten Lerneinheiten geht es bereits um Themen aus Wissenschaft, Mathematik und Kunst – jedoch nie länger als eine halbe Stunde, sehr spielerisch und in kleinen Gruppen mit Gleichaltrigen.

Vor dem Unterricht für ihre kleinen Chinesischschüler hat sich die 32-jährige Frau Hung noch eine Tasse grünen Tees aus einem edlen chinesischen Teeset genehmigt. Am Mandarin-Klassenzimmer ist deutlich zu sehen, dass es den Schülern hier an nichts mangelt: Ihre Eltern zahlen 25000 Dollar Schulgeld pro Jahr. In einem Wandschrank stapeln sich unübersichtliche Mengen von Spielzeug und buntem Lernmaterial, an den Wänden hängen Hochglanzposter mit Erklärungen der chinesischen Schriftzeichen. »Bei chinesischen Schülern würde man den Unterricht mit Poesie und Konfuzianismus beginnen«, erklärt Hung. »Aber bei den Kindern hier geht es nur darum, dass sie ein Gehör für Mandarin entwickeln. Ich wiederhole mit ihnen immer wieder dieselben Spiele, Lieder und Tänze. Kleine Kinder lieben Wiederholungen.« Schwierigkeiten hätten sie mit dem Chinesischen nicht. »Solange man ihnen nicht sagt, dass es schwierig ist, merken sie das nicht einmal.«

Tatsächlich plappern die sechs Dreijährigen, die heute zum Unterricht erschienen sind – fünf Mädchen und ein Junge –, mit konzentrierter Begeisterung alles nach, was Frau Hung sagt. Das Zählen von eins bis zehn klappt schon im Chor. Nur die Motorik haben die Kids noch nicht ganz im Griff: Bei der Verbeugung zu Unterrichtsbeginn drohen sie mit den Köpfen auf den Schultischen aufzuschlagen. Eine halbe Stunde später ist der Spaß schon wieder vorbei, und die Business-Leader von übermorgen werden in die Bibliothek eskortiert.

»Um Mandarin wirklich zu lernen, muss man damit anfangen, bevor man neun Jahre alt ist«, sagt Virginia Connor, die Direktorin der Schule. Kleinkinder saugten die fremd klingenden Laute auf wie Schwämme, und das Wissen um sie bleibe für den Rest ihres Lebens gespeichert. Mit dem Mandarinunterricht verfolgt Connor langfristige Ziele. »Wir wollen Weltbürger ausbilden«, sagt sie. »Es ist höchst zweifelhaft, dass wir Amerikaner in Zukunft noch eine Supermacht sein werden – da muss man nur nach China oder Indien schauen. Wir werden ein Land unter vielen sein.«

Auf die Idee, an ihrer Schule Mandarin lehren zu lassen, kam Connor, als sie vor einigen Jahren selbst nach China reiste. »Ich stand an einer Kreuzung in einer relativ unbedeutenden Stadt, und an jeder Ecke schossen topmoderne Wolkenkratzer aus dem Boden«, erinnert sie sich. »Da wurde mir die ganze Macht der chinesischen Entwicklung bewusst.« Zurück in New York hatte Connor wenig Probleme, die Eltern der Schüler vom Sinn ihrer Initiative zu überzeugen. »Die meisten sind sehr weltgewandt und machen Geschäfte in Asien. Sie verstehen, wie viele Gelegenheiten sich dort in Zukunft bieten werden.« Dass die Idee, amerikanischen Kids Chinesisch beizubringen, derart angenommen wurde und keine Ablehnung hervorrief, erklärt sich die Direktorin auch mit dem amerikanischen Pioniergeist. »Das haben wir in unserer DNA. Früher hieß es: ›Go west, young man!‹ Heute sage ich: ›Go east, young woman!‹«

St. Hilda’s & St. Hugh’s war die erste Schule in den USA, die Mandarin für Dreijährige anbot. Aber sie ist bei Weitem nicht die einzige Privatschule, an der Chinesisch gelehrt wird. Allein in Manhattan gibt es vier konkurrierende Häuser, und es werden immer mehr. Begonnen hat der Trend aber nicht an den Schulen, sondern in den eigenen vier Wänden der New Yorker Oberschicht. Schon seit einigen Jahren holen sich weitsichtige Eltern chinesische Au-pairs, Kindermädchen und Haushälterinnen ins Haus, damit der Nachwuchs die chinesische Weisheit schon mit dem Milchbrei löffelt.

Chinesische Kindermädchen werden in New York teuer gehandelt

Die 21-jährige Adrienne Nolan war so etwas wie eine Vorreiterin der Mandarinwelle, und das eigentlich aus Zufall. Als Adrienne ein Kleinkind war, nahmen ihre Eltern ein chinesisches Kindermädchen namens Helene bei sich auf. Chinesinnen in den USA geben sich gerne westliche Pseudonyme, weil ihre Vornamen für amerikanische Zungen kaum auszusprechen sind. Helene war Linguistin und in der chinesischen Demokratiebewegung aktiv gewesen. Nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 floh sie in die USA und landete bei den Nolans an der Upper East Side. Und weil sie einen Sohn in Adriennes Alter hatte, brachte sie gleich beiden Mandarin bei.

Ein Jahrzehnt später – Helene war längst nach Toronto weitergezogen – hatte die mittlerweile zwölfjährige Adrienne im Französischunterricht an ihrer Mädchenschule schwer zu kämpfen. »Damals zeichnete sich schon ab, dass in China ein riesiger Markt entstehen würde«, sagt Adrienne, während sie einen Starbucks-Kaffee schlürft. Ihren wohlhabenden Hintergrund sieht man der lässig gekleideten Studentin nicht an – in New York wird Understatement großgeschrieben. »Also hielt es mein Vater für eine gute Idee, wieder Chinesisch zu lernen.« Adrienne erhielt Privatunterricht und ging mit 16 Jahren für ein paar Monate nach Peking. »Die Stadt war dreckig, staubig und kalt. Keine gute Erfahrung«, erinnert sie sich.

Doch ein Aufsatz, den sie in der Schülerzeitung ihres exklusiven Mädchengymnasiums Chapan über ihr Chinaabenteuer verfasste, sollte weitreichende Folgen haben. Die Eltern ihrer Mitschülerinnen waren begeistert – und verlangten das Gleiche für ihre Töchter. Heute ist Adriennes ehemalige Privatlehrerin an der Chapan-Schule fest angestellt. Adrienne selbst hat den Herbst 2005 in Shanghai verbracht, wo es ihr schon deutlich besser gefiel als in Peking: »Shanghai ist eine coole Stadt. In den Gesprächen mit Taxifahrern lernt man am meisten.« Nach dem Politikstudium will die junge Frau endgültig nach Osten gehen – nach Hongkong.

In New York sind chinesische Au-pairs und Kindermädchen indes zu einem knappen und teuren Gut geworden. Durch Adriennes Eltern und andere Wegbereiter wie Jim Rogers, jenen berühmten Investor, der mit George Soros den Quantum-Fonds gründete und dessen kleine Tochter nun bei Frau Hung Mandarin lernt, ist eine ganze Industrie entstanden. »Chinesische Nannies verdienen zwischen 50000 und 150000 Dollar pro Jahr«, erzählt Seth Greenberg von der exklusiven Pavillion Agency, die Kindermädchen und Haushälterinnen an die New Yorker Upper Class vermittelt. Die New Yorker sind nicht mit irgendwelchen Chinesinnen zufrieden. Bildung und Erfahrung mit Kindern sind ebenso gefragt wie lupenreines Mandarin – damit die Kids nicht etwa Slang erlernen.

Am riesigen chinesischen Bevölkerungsanteil in Manhattans Chinatown geht der Nanny-Boom so zwangsläufig vorbei: Der Großteil stammt aus Einwandererfamilien ohne hohen Bildungsgrad und spricht nicht Mandarin, sondern Kantonesisch. Nannies, die den Ansprüchen der Reichen am anderen Ende von Manhattan genügen, müssen daher oft direkt aus China kommen. »Wir haben bei Weitem nicht genug qualifiziertes Personal, um die Nachfrage zu befriedigen«, sagt Greenberg. Zahlen will er zwar nicht nennen, aber: »Die Wachstumsraten sind zweistellig. Wir beobachten eine deutliche Verschiebung von Spanisch zu Mandarin, weil immer mehr Leute verstehen, dass unsere Zukunft in Asien liegt.«

In der Geschichte der New Yorker Oberschicht hat es immer wieder fremdsprachliche Modewellen gegeben. Als die Russen in den späten fünfziger Jahren ihre Sputnik-Satelliten ins All schossen, galt Russisch als der letzte Schrei. In den achtziger Jahren war Japanisch die bevorzugte Fremdsprache.Doch die aktuelle Mandarinwelle sei anders, davon ist Schuldirektorin Connor überzeugt: »Das ist keine Modeerscheinung, hier geht es nicht nur um cleveren Party-Small-Talk. Ich bin überzeugt davon, dass unsere Kinder ganz andere, viel globalere Leben führen werden als wir. Darauf müssen wir sie vorbereiten.«

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Leser-Kommentare

  1. 1.

    Was ist denn das für ein langweiliges Artikel!

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  • Von Sebastian Heinzel
  • Datum 7.3.2007 - 02:14 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 08.03.2007 Nr. 11
  • Kommentare 1
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