Dieter Lenzen, Präsident der FU Berlin, ist Sprecher des Aktionsrats Bildung

DIE ZEIT: Sie fordern in Ihrem Gutachten mehr Bildungsgerechtigkeit. Originell ist das nicht. Dass unser Bildungssystem extrem ungerecht ist, hat spätestens die Pisa-Studie 2001 gezeigt: In kaum einem anderen Land ist die Schulleistung so eng an die soziale Herkunft gekoppelt wie in Deutschland.

Dieter Lenzen: Vielen ist aber nicht klar, dass Gerechtigkeit das Megathema einer nötigen Bildungsreform ist. Vor allem müssen diejenigen überzeugt werden, die glauben, ein Stück ihrer Freiheit für die Gerechtigkeit opfern zu müssen.

ZEIT: Wer soll das sein?

Lenzen: An erster Stelle die Steuerzahler. Denn der Umbau des Bildungswesens zu einem gerechteren kostet Geld, das sie aufbringen. Aber auch die direkten Nutznießer gerechtigkeitsfördernder Maßnahmen nehmen Freiheitseinbußen in Kauf.

ZEIT: Welcher Art?

Lenzen: Sie können nicht frei über ihre Lebenszeit verfügen.

ZEIT: Weil sie nachmittags in die Schule müssen, statt vorm Fernseher zu hocken.

Lenzen: Zum Beispiel.

ZEIT: Ist es nicht übertrieben, die Freiheitseinbußen so zu betonen? Sie werden doch auch sonst akzeptiert. Steuern werden für alles Mögliche bezahlt. Und von Pflichten – von der Schulpflicht bis zur Haftpflicht – sind wir geradezu umstellt.

Lenzen: Trotzdem muss jede dieser Maßnahmen in einer Gesellschaft, in der die Freiheit oberstes Verfassungsgebot ist, gut begründet sein. Wer das ausblendet, vergeht sich – bei allem guten Willen – an den Grundlagen unseres Zusammenlebens.