Es ist gar nicht so weit. Von Frankfurt aus acht Stunden – nicht länger als eine Autofahrt von Leipzig nach Wien. Ein Telefonat nach China ist billiger als ein Ortsgespräch in Deutschland. Und der Flughafen in Peking erweist sich nicht als Teil einer futuristischen Glas-und-Glimmer-Welt, sondern als gewöhnlicher Menschenumschlagplatz von, man wagt es kaum zu sagen, eher provinzieller Atmosphäre. Das auf der ganzen Welt gerühmte Verkehrschaos, unter dem die chinesische Hauptstadt angeblich zusammenzubrechen droht, besteht in einem respektablen Stop-and-go-Stau, der mit den zweistündigen Wartezeiten beim Durchqueren der Budapester Innenstadt bei Weitem nicht mithalten kann. Chinas junge Großstadtbewohner blicken optimistisch in die Zukunft. BILD

Niemand auf der Straße trägt Mundschutz. Dafür fährt, radelt und rennt alles durcheinander, ohne sich um Ampeln, Verkehrsschilder oder die Anwesenheit von Polizeiautos zu scheren. Der Taxifahrer hat keine Ahnung, wo sich das Fahrziel befindet, weil die Stadt kaum noch feste Koordinaten besitzt – alle paar Tage wird sie umgebaut. Es riecht nach fröhlichem Chaos. Oder vielleicht ist das der Wind, der aus der Mongolei kommt und jenen Sand durch die Straßen treibt, unter dem Peking in ein paar Jahrzehnten verschwunden sein wird. Weshalb man sich hier, wie ein Bonmot besagt, auch gar nicht erst besondere Mühe mit der ästhetischen Gestaltung der neuen Hochhäuser gibt. Wenn es so weit ist, kann man Chinas 13-Millionen-Hauptstadt schließlich abbrechen und woanders wieder aufbauen – gemäß deutschen Schreckensvisionen wahrscheinlich mitten in Baden-Württemberg.

China ist in. China steht ganz oben auf der Liste deutscher Lieblingsängste. China läuft auf allen Kanälen: so groß, so fremd, so undurchschaubar. Das dabei vermittelte Bild ist erstaunlich homogen: »Wirtschaftlich werden uns die Chinesen über kurz oder lang in die Tasche stecken, und in Sachen Demokratie, da haben sie noch eine Menge zu tun!«

Einerseits scheint sich die gigagroße Semidiktatur auf einem anderen Planeten zu befinden. Andererseits wird sie misstrauisch beäugt, als wollte sie demnächst einen Antrag auf Aufnahme in die EU stellen. Jeder Staatsbesucher hat eine Wirtschaftsdelegation im Gepäck, jeder Tourist eine Menge merkwürdiger Ratschläge. Immer Gastgeschenke bereithalten. Auf offener Straße nicht die Nase schnäuzen. Nicht über Politik reden.

Das Erste, was in Peking auffällt, ist die milde Alltagsanarchie

Als Schriftstellerin, die zum literarischen Austausch nach China eingeladen wurde, durfte ich weder meinen Beruf noch den Zweck der Reise im Visumsantrag angeben. Ein Westler in China ist grundsätzlich auf leisure und von Beruf tourist. Da bestätigt sich das Vorurteil, wonach das Riesenreich der Mitte vor allem mit George Orwells 1984, mit Turbokapitalismus und gleichgeschalteten Massen zu tun hat. Umso eindrucksvoller sind die Abweichungen des Geschauten vom Gedachten. Das Erste, was in Peking auffällt, sind keineswegs diszipliniert-kontrollierte Massen. Es ist die milde Alltagsanarchie. Man kauft und verkauft alles an allen möglichen und unmöglichen Orten. Man schläft in Schubkarren oder auf dem Autodach. Man geht am hellen Nachmittag in Pyjama und Pantoffeln auf der Straße spazieren. Und wird von einem Passanten, der seinen Schuh richten muss, auch schon mal ungefragt als Haltegriff benutzt.

Das Zweite ist die gute Laune. Die Menschen strahlen eine Mischung aus Zufriedenheit und Zuversicht aus, die in good old europe selten geworden ist. Sie wirken nicht unterdrückt; nicht wie schlaue Opportunisten, die ihr Leben in Schlangenlinien auf einem politischen Minenfeld führen müssen. Sie wirken nicht einmal vom Leistungsdruck zerrieben, obwohl mir später am Tag Studenten von der Pekinger Universität erzählen, dass sie gelegentlich in der Mensa vor Erschöpfung einschlafen. Aber das passiert deutschen Jurastudenten auch.