China Mein Peking lachtSeite 3/3
Das weiß ich, beziehungsweise, ich beginne, es mir denken zu können. Vor diesem Hintergrund erschließt sich die paranoide Angst der chinesischen Regierung vor allen Formen von Netzwerken. Ebenso die idiosynkratischen Reaktionen auf einen friedlichen Meditationskreis wie Falun Gong: Jede bestehende Institution oder Organisation, jede leitbildtaugliche Idee, jede potenzielle Führerfigur könnte theoretisch in der Lage sein, den subkutan schmorenden Widerstand unter einer gemeinsamen Flagge zu versammeln. In der Tat, auch wenn man nicht der chinesischen Regierung angehört, mag man sich das Horrorszenario kaum ausmalen. Ein Bürgerkrieg in einem 1,3-Milliarden-Staat! Während in der Runde weiter geredet und gescherzt wird, gerate ich ins Grübeln. Waren es nicht auch in Jugoslawien drastische Entwicklungsunterschiede zwischen Stadt und Land sowie eine rasante, politische und ökonomische Liberalisierung, die in die Katastrophe führten? Als historischer Vergleich taugt diese Gegenüberstellung sicher nicht. Aber als Assoziation versieht sie die vom Westen unablässig vorgebrachte Forderung, China möge sich lieber gestern als heute zu jenen freiheitlichen Standards bekennen, denen man in Europa Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte Zeit zum Werden ließ, mit einigen vorsichtigen Fragezeichen.
Was wäre, wenn das Verbot unabhängiger Gewerkschaften, die Unterdrückung kritischer Meinungen, die Verfolgung politischer Widerständler und möglicher Rädelsführer – wenn all diese menschenrechtswidrigen Maßnahmen tatsächlich dazu dienten, einen Koloss wie China vom Kollabieren abzuhalten? Wenn sie verhindern würden, was vor 15 Jahren im vergleichsweise winzigen Jugoslawien passiert ist? Wer wollte sich angesichts einer solchen Vision die Deutungshoheit anmaßen und weiterhin fordern: Demokratie sofort? Oder sind solche Gedanken, ist eine solche Perspektivverschiebung bereits Folge einer propagandistischen Gehirnwäsche, die jeden erfasst, der einen Fuß auf volksrepublikanischen Boden setzt? Und warum lässt sich, sobald Vorurteile und vertraute Denkmuster ins Wanken geraten sind, jede Frage nur noch mit einer Gegenfrage beantworten, bis in alle Ewigkeit?
Weil vor Ort natürlich alles viel komplizierter ist als aus der Distanz betrachtet. Auf meine Erkundigung, wie es denn nun wirklich um die (bei uns viel diskutierte) chinesische Zensur bestellt sei, antwortet die chinesische Journalistin, die Menschen gingen mit der Zensur ähnlich um wie mit Halteverboten und Geschwindigkeitsbegrenzungen. Das würde ich gern glauben. Leider lässt sich nicht beurteilen, ob diese Behauptung wahr oder ihrerseits Teil einer flächendeckenden Meinungszensur ist. Ich kann ja nicht einmal wissen, ob die fröhliche Runde, in der ich mich so wohl fühle, nicht eine Inszenierung für den Besuch aus Deutschland darstellt. Ist es Zufall, dass ich sogleich etwas von der Bedrohung des Landes durch einen Bürgerkrieg gehört habe? Oder wurde vorausgesehen, dass diese Information meine von zu Hause mitgebrachte kritische Haltung gegenüber der chinesischen Führung schwieriger macht?
Andersherum gedacht: Müsste man sich, bevor man die chinesische Regierung kritisiert, nicht zunächst einmal fragen, wie eigentlich im demokratischen Deutschland medial, politisch und juristisch mit Meinungen umgegangen wird, die sich gegen das System, also gegen die Demokratie richten? Auf welche Weise würde ich denn einem chinesischen Besucher in Deutschland erklären, warum bei uns das Verbot verfassungsfeindlicher Äußerungen ganz und gar nichts mit Zensur zu tun hat?
Das Karussell im Kopf dreht Runde um Runde, und am Ende des Abends ist mir fast schlecht von den eigenen Zweifeln. Selten habe ich so deutlich erfahren, dass es unmöglich ist, in der eigenen Reaktion auf eine unbekannte Realität zu unterscheiden, ob man von gesundem Misstrauen geleitet wird oder von dem Versuch, mitgebrachte Vorurteile am lebenden Objekt zu bestätigen. Alle verabschieden sich herzlich, einander mit beiden Händen und kleinen Verbeugungen ihre Visitenkarten überreichend. Ich bin die Einzige, die keine Visitenkarte hat, dafür ein latent schlechtes Gewissen, weil ich bereit war, eine nette Unterhaltung heimlich für ein politisches Lügentheater zu halten.
So ist das wohl: Bei einer kleinen Stippvisite in einem großen Land lernt man wenig über das Land und eine Menge über sich selbst. Eins jedenfalls steht fest: China eignet sich weder zum Feind- noch zum Schreckensbild. China ist noch nicht einmal eine Weltmacht – zumindest nicht in China. Und der Grund, warum deutsche Handys in China besser funktionieren als auf der Schwäbischen Alb, liegt wohl darin, dass China in mancher, ach was, in vielerlei Hinsicht gar nicht so weit weg ist.
Die Schriftstellerin Juli Zeh, geboren 1974, lebt in Leipzig. Sie veröffentlichte unter anderem die Romane »Spieltrieb« und »Adler und Engel«, sowie den Essayband »Alles auf dem Rasen«, alle Schöffling Verlag
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Pekings Jugend entdeckt den Individualismus »
- Datum 12.03.2007 - 05:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.03.2007 Nr. 11
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Sie bedienen sich alter Klischees, um sie empathisch zu widerlegen oder anzuzweifeln. Das ist hübsch, es ist die Methode des Autors, könnte man meinen. Viel schöner wäre gewesen, Sie hätten sich mit der modernen chinesischen Kultur (Film, Buch, Musik) und mit den Metropolen auseinandergesetzt, um zu verstehen, was in diesem Volk vor sich geht, das unter einem totalitären (nicht nur autoritären) Regime zweistellige Wachstum prognostiziert. In ihrem, wenn auch sehr persönlichen Beitrag, haben Sie weder die These Supermacht, noch die des futuristischen Chinesen widerlegt. Vielmehr, und es ist natürlich unausweichlich, wenn man schreibt - könnte man meinen, haben Sie gezeigt, wie Sie die Welt sehen. Diesbezüglich kann ich wenig sagen und ich staune, Sie reißen hier genauso wenig an wie Kehlmann oder Mora in ihren Beiträgen. Möglicherweise ist es jedoch hübsch und unterhaltsam, mag sein, darum, es handelt sich um keinen Verriss, dennoch aufrichtigen Dank.
'Der Taxifahrer hat keine Ahnung, wo sich das Fahrziel befindet, weil die Stadt kaum noch feste Koordinaten besitzt '
So ein Unsinn - dafuer, dass der Taxifahrer keine Ahnung hat,
gibt es verschiedene Gruende.
a. er versteht Sie nicht
b. er war vorher Fabrikarbeiter und ist erst seit kurzem Taxifahrer
c. er will Geld herausschlagen und einen Umweg fahren
d. er ist nicht wirklich Taxifahrer, sondern ein 'geklontes' Taxi.
Das sind Privatmaenner, die ihre Wagen taeuschend echt umruesten.
Meist nur am Nummernschild erkennbar.
oder vieles andere Gruende, die NICHTS mit der Groesse der Stadt bzw. Ihren Koordinaten zu tun haben.
Peking besitzt seit Jahrhunderten feste Koordinaten - haben Sie ueberhaupt mal auf den Stadtplan geguckt, ist Ihnen da etwas aufgefallen ???
Und die Story mit den Leuten im Pyjama auf der Strasse haben Sie ja wohl auch abgekupfert. Das gab es mehr im Sueden des Landes, z.B. in Shanghai, hat sich mittlerweile aber auch gelegt. In Peking sieht man das wirklich nicht so haeufig.
Ich persoenlich nur 1 Mal im Jahr.
Nach der Pyjama story habe ich aufgehoert, Ihren Artikel zu lesen. Ihr Schreibstil war mir leider etwas zu aufreisserisch, viele Sachen werden von Ihnen unnoetig aufgebauscht. Ihre Blickweise, die des unbedarften Betrachters, ist ganz interessant ist. Da haetten Sie aber sachlich bleiben sollen und somit mehr draus machen koennen.
Gruss aus China !
@ruhrpottlersie hätten den Artikel ruhig weiterlesen sollen, er spricht einige sehr interessante Punkte an.
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