100 Klassiker der Moderne (52) Schlangenmusik

Auf dem Album "Trout Mask Replica" versammelte Captain Beefheart 1969 die Musik der Outsider des 20. Jahrhunderts. Bis heute sind seine Klangsplitterbomben nicht entschärft

Diese Platte war 1969 ein Schock, und sie ist es bis heute geblieben: ein Doppelalbum, auf dessen Hülle ein Mann mit Forellenmaske und Merlin-Zauberhut dem Betrachter seine Handfläche grüßend entgegenstreckt. 28 als Musikstücke getarnte Klangsplitterbomben, man darf auch Songs dazu sagen. Allerdings nur, wenn man akzeptiert, dass mitten in einem Refrain ein hupendes, kreischendes Saxofon wie ein Störsender dazwischenfunkt. Liebesgrüße des Free-Jazz-Helden Albert Ayler, durch das surreale Hirn von Captain Beefheart gefiltert und als Avantdilettantismus mit maximaler Lungenkraft wieder ausgespuckt.

Trout Mask Replica wirft einen Panoramablick auf die Musik der Outsider im Amerika des 20. Jahrhunderts. Vom Country-Blues der Depressionsära über die hemmungslosen Klangattacken von Howlin’ Wolf bis zur ekstatischen Zungenrede eines John Coltrane oder Eric Dolphy. Diese teils historischen, teils zeitgenössischen Artefakte werden jedoch nicht einfach mimetisch nachgebildet, sondern durch die Sinnvernichtungsmaschine des Captain, der eigentlich Don Van Vliet heißt, gedreht: Stücke wie Ella Guru, When Big Joan Sets up oder der notorische Dachau Blues erhitzen sich an den ineinanderverkeilten Gitarrenstimmen von Zoot Horn Rollo und Antennae Jimmy Semens: Riffs, die im Zehnsekundentakt umkippen, windschief gebaute Melodien, die mal auseinanderdriften und sich dann wieder zu einem krachenden Doppelgitarrenvorstoß verbünden.

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Diese Musik ist nicht zu fassen: Sie windet sich wie ein Schlangenkörper, der unter der sengenden Sonne der Mojave-Wüste immer neue Farbspektren seiner Schuppenhaut aufblitzen lässt. Ein glühender, polyzentrischer Meta-Blues; Popmusik als elektrische Skulptur. Sensationell das Schlagzeugspiel von John »Drumbo« French. Doch bei aller Brillanz der Band, die zwischen Chaos und Erleuchtung ihre einsame Spur zieht, ist dies die Show von Captain Beefheart: Sprotzend, spuckend, heulend und röchelnd reitet er auf dem Klangkaleidoskop der Magic Band, erzählt Geschichten von wilden Tieren, Ameisenmännern und alten Fürzen, die alliterierend, spintisierend, philosophierend kurz vor der Pointe von den Füßen auf den Kopf gestellt werden. Eine seelische Ausstülpung zwischen Slam Poetry und Klapsmühle.

Im Gegensatz zu den gelegentlich etwas angestrengten Avantgarde-Bemühungen von Frank Zappa, der die Trout-Mask- Sessions produziert hat, ist Beefhearts Kunst organischer Klang-Wildwuchs: ein in sich geschlossenes Paralleluniversum, das sich zum Rest der Popmusik verhält wie Finnegan’s Wake zum Reader’s Digest. Oft kopiert, nie erreicht – nicht einmal vom Meister selbst, der ja 1982 die Musik komplett aufgab. Trout Mask Replica ist ein Solitär der Pophistorie geblieben; ein dämonischer Klang, der vom Möglichkeitssinn spricht und von der Wirklichkeit bis heute nicht eingeholt wurde.

Captain Beefheart: Trout Mask Replica (Warner Brothers)

 
Leser-Kommentare
  1. Lieber Hr. Mießgang ! Möchte ihnen beipflichten und gratulieren zu ihrem gut geschriebenen artikel über captain beefheart`s bahnbrechendes album " trout mask replica " . Der traurige anlaß des todes von don van vliet hat mich bewogen , mich hier anzumelden und
    einen kommentar zu schreiben . in einem detail will ich aber ihrer
    einschätzung und analyse widersprechen , nämlich daß "nicht einmal der meister selbst" jemals wieder das musikalisch niveau seiner "trout mask replica " erreichen konnte....Seine letzten drei schallplatten...angefangen (1978) "shiny beast..(bat chain puller)"...bis "ice cream for crow"(1982)
    sprechen aber dagegen , weil hier eine nicht geminderte radikalität in bezug auf musikalische strukturen vorherrscht, und außerdem der einbezug "seltsamer" elekektronischer elemente vorherrscht , welche für "new wave" und avant-garde zb. einer laurie anderson einflußreich wurden . Abgesehen davon , möchte ich aber auch
    meine hochachtung für don van vliet als schreiber
    großartiger songs im konventonelellen blues-idiom ausdrücken, obwohl , wie ich weiß, vieles von ihm nicht sehr
    geschätzt wurde ,weil es unter dem druck der plattenindustrie zustande kam. Doch empfinde ich zb. "BLUEJEANS AND MOONBEAMS"
    als sehr gelungenes stück musik , mit dem man auch in romantischer hinsicht beim weiblichen geschlecht nicht wirklich falsch liegt.

    lg 2011 pm

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  • Quelle DIE ZEIT, 08.03.2007 Nr. 11
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  • Schlagworte Musik | Warner Brothers | Frank Zappa | Popmusik | USA | Riff | Dachau
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