Diese Platte war 1969 ein Schock, und sie ist es bis heute geblieben: ein Doppelalbum, auf dessen Hülle ein Mann mit Forellenmaske und Merlin-Zauberhut dem Betrachter seine Handfläche grüßend entgegenstreckt. 28 als Musikstücke getarnte Klangsplitterbomben, man darf auch Songs dazu sagen. Allerdings nur, wenn man akzeptiert, dass mitten in einem Refrain ein hupendes, kreischendes Saxofon wie ein Störsender dazwischenfunkt. Liebesgrüße des Free-Jazz-Helden Albert Ayler, durch das surreale Hirn von Captain Beefheart gefiltert und als Avantdilettantismus mit maximaler Lungenkraft wieder ausgespuckt. BILD

Trout Mask Replica wirft einen Panoramablick auf die Musik der Outsider im Amerika des 20. Jahrhunderts. Vom Country-Blues der Depressionsära über die hemmungslosen Klangattacken von Howlin’ Wolf bis zur ekstatischen Zungenrede eines John Coltrane oder Eric Dolphy. Diese teils historischen, teils zeitgenössischen Artefakte werden jedoch nicht einfach mimetisch nachgebildet, sondern durch die Sinnvernichtungsmaschine des Captain, der eigentlich Don Van Vliet heißt, gedreht: Stücke wie Ella Guru, When Big Joan Sets up oder der notorische Dachau Blues erhitzen sich an den ineinanderverkeilten Gitarrenstimmen von Zoot Horn Rollo und Antennae Jimmy Semens: Riffs, die im Zehnsekundentakt umkippen, windschief gebaute Melodien, die mal auseinanderdriften und sich dann wieder zu einem krachenden Doppelgitarrenvorstoß verbünden.

Diese Musik ist nicht zu fassen: Sie windet sich wie ein Schlangenkörper, der unter der sengenden Sonne der Mojave-Wüste immer neue Farbspektren seiner Schuppenhaut aufblitzen lässt. Ein glühender, polyzentrischer Meta-Blues; Popmusik als elektrische Skulptur. Sensationell das Schlagzeugspiel von John »Drumbo« French. Doch bei aller Brillanz der Band, die zwischen Chaos und Erleuchtung ihre einsame Spur zieht, ist dies die Show von Captain Beefheart: Sprotzend, spuckend, heulend und röchelnd reitet er auf dem Klangkaleidoskop der Magic Band, erzählt Geschichten von wilden Tieren, Ameisenmännern und alten Fürzen, die alliterierend, spintisierend, philosophierend kurz vor der Pointe von den Füßen auf den Kopf gestellt werden. Eine seelische Ausstülpung zwischen Slam Poetry und Klapsmühle.

Im Gegensatz zu den gelegentlich etwas angestrengten Avantgarde-Bemühungen von Frank Zappa, der die Trout-Mask- Sessions produziert hat, ist Beefhearts Kunst organischer Klang-Wildwuchs: ein in sich geschlossenes Paralleluniversum, das sich zum Rest der Popmusik verhält wie Finnegan’s Wake zum Reader’s Digest. Oft kopiert, nie erreicht – nicht einmal vom Meister selbst, der ja 1982 die Musik komplett aufgab. Trout Mask Replica ist ein Solitär der Pophistorie geblieben; ein dämonischer Klang, der vom Möglichkeitssinn spricht und von der Wirklichkeit bis heute nicht eingeholt wurde.

Captain Beefheart: Trout Mask Replica (Warner Brothers)