Irgendwann muss sich selbst ein Rockstar eingestehen, dass die jungen Dinger nichts mehr von einem wissen wollen. Sich die Haare über die Glatze kämmen, einen frischen Bettbezug aufziehen, den Bauch einziehen, alles vergeblich. Ein gepflegtes Glas Cognac, Blumen schicken, der Angebeteten einen Song schreiben, es nützt nichts mehr: Selbst Nick Cave schiebt neuerdings den No Pussy Blues.

Das Trauerlied von der verlorenen sexuellen Strahlkraft, es gerät Cave allerdings eher zum musikalischen Wutanfall, dem Grinderman, ein vierköpfiges Kondensat seiner sonstigen Begleitband The Bad Seeds, ein erzürntes Geknurre zuliefert. Im dazugehörigen Videoclip spielt die Graue-Panther-Bande um den mittlerweile auch schon 49-jährigen Cave bei einer Studentenparty auf und guckt neidisch, als sich das Publikum paarweise zurückzieht, um die Aufklärungsseiten aus dem Teenie-Magazin zu überprüfen. Dazwischen geschnitten immer wieder Bilder von Affen, Nashörnern oder Giraffen beim Begattungsakt. Die alten Herren wissen es selbst: Sie sind nur noch dazu gut, den Soundtrack zum Ausbruch des Animalischen beizusteuern.

Das allerdings gelingt ihnen prächtig: Grinderman drehen die Zeit zurück und den Gitarrenverstärker auf, lassen das Tier raus und das Becken kreisen, setzen sich einen Cowboyhut auf und das Gesetz, dass alles vergehen muss, für ein paar Minuten außer Kraft. Ab heute wird zurückgerockt. Dazu übernimmt Cave, mittlerweile mehrfacher Vater und unübersehbar von akutem Haarausfall bedroht, sogar den überwiegenden Teil der Gitarrenarbeit. Mit Hingabe widmet er sich dem primären Phallussymbol der Rockmusik, entlockt ihm einige abgrundtief grummelnde Riffs und begibt sich auch ansonsten zurück in die frühen und mittleren Phasen seines bisherigen Schaffens.

Nach all dem Erfolg mit geschmackssicheren Schnulzen schlüpft Cave wieder in seine älteste Rolle und fährt noch einmal mit dem Furor eines Priesters, dem nur das Alte Testament etwas gilt, durch seine Vergangenheit. Get It On gemahnt an die damals revolutionären Atonalgemeinheiten seiner ersten Band Birthday Party, mit der er Anfang der Achtziger aus Australien nach Europa kam. Electric Alice oder Depth Charge Ethel erinnern wehmütig an die Berliner Zeit, in der seine Songs so ziellos im Kreise taumelten wie die Nachtgestalten in der sperrstundelosen Mauerstadt. Songs wie Set Me Free und Man in the Moon rekapitulieren schließlich die Versuche des mittelspäten Cave, eine zeitlose Form für sein nicht enden wollendes Martyrium zu finden, die Selbstentäußerung des Souls mit der Beherrschtheit des altersweisen Crooners zusammen zu denken, in Personalunion zugleich Frank Sinatra und James Brown des Indie-Rock zu werden.

Für einmal noch wird Cave wieder zum rastlosen Wanderer in den Wahnsinn, zum Prediger von Liebe und Tod, zum manischen Misanthropen, zum Moritatensänger der Selbstzerstörung. Wozu auch sich neu erfinden?

Die alten Klamotten sind abgewetzt, aber sie passen noch. Natürlich: Solche Rückschau hätte leicht zur Pein werden können. Doch anstatt an ihrem eigenen Grab zu schaufeln, stoßen die alten Herren doch tatsächlich auf einen Jungbrunnen. Ohne in Sentimentalitäten zu versinken, kehren die Rockrentner rüstig die Schatten all ihrer glorreichen Momente zusammen. Und beim Bücken nach Schaufel und Besen knacken die Knochen überraschend selten.

Grinderman: No Pussy Blues (Mute/EMI)