Das Umweltzeichen Blauer Engel steckt in einer Krise. Seit einiger Zeit stagniert die Zahl der ausgezeichneten Produkte oder geht sogar leicht zurück. Trugen noch vor sieben Jahren 3668 Produkte das Siegel, sind es aktuell lediglich 3385.

Einer aktuellen Studie des Umweltbundesamtes zufolge kennen zwar acht von zehn Deutschen das traditionsreiche Ökosiegel. Als Einkaufshilfe nutzen Verbraucher es aber immer weniger. Waren es 1993 noch mehr als 50 Prozent, sind es heute bloß noch 38 Prozent. Einer der Gründe für die schwindende Relevanz: Etliche große Unternehmen boykottieren das Umweltzeichen. Die Firma Miele hat weder Waschmaschine noch Geschirrspüler im Programm, die den Blauen Engel tragen. Und dass, obwohl es nicht an den Kriterien liegt. » Miele vermeidet grundsätzlich national wie international die Verwendung von Umweltzeichen«, sagt Firmensprecherin Ursula Wilms. Genau wie bei Miele läuft es bei Bosch-Siemens Hausgeräte und bei den großen Handyherstellern. Nokia und SonyEricsson unterziehen ihre Produkte nicht dem Umwelt-TÜV.

»Die Hersteller von Premiummarken versprechen sich keinen Vorteil durch ein solches Siegel«, sagt Frieder Rubik vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Heidelberg. Miele etwa schätzt nach eigenen Angaben die Bedeutung des eigenen Markennamens höher ein als die eines Gütezeichens. Studien des IÖW belegen, dass vor allem bekannte Firmen die Gleichmacherei mit No-Name-Marken befürchten, weil diese ebenfalls die Kriterien des Blauen Engels erfüllen und mit dem Zeichen werben könnten. Also schweigt man lieber.

Ursprünglich war das 1977 entwickelte Umweltzeichen als marktwirtschaftliches Anreizinstrument gedacht. Das staatliche Umweltbundesamt entwickelte gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen die Einzelheiten für die Vergabe, das Deutsche Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung kümmerte sich um die praktische Umsetzung. Doch jetzt droht das traditionsreiche Steuerungsinstrument seinen Zweck zunehmend zu verfehlen.

Im vergangenen November erstellte das Umweltbundesamt einen Arbeitsplan, um das Label vor dem schleichenden Bedeutungsverlust zu bewahren. » Bislang kennt der Verbraucher fast nur Blaue-Engel-Produkte aus dem Baumarkt, und damit ist das Siegel im Alltag selten erlebbar«, sagt Hans-Hermann Eggers, beim Umweltbundesamt zuständig für Umweltkennzeichnung und Mitglied der Jury, die das Zeichen vergibt.

Deshalb entwickelt man Kriterien für neue Produkte. So könnten künftig auch strahlungsarme Babyfone mit dem Umweltzeichen auf dem Markt kommen. Nur gibt es bisher noch kein Unternehmen, das es nutzen möchte.

Und trotzdem bewegt der Blaue Engel die Hersteller bis heute. Das gilt selbst für jene, die nichts mehr mit dem Zeichen zu tun haben wollen.