Arkadi Babtschenko ist im Krieg geblieben. Mit 18 wurde er eingezogen, ein halbes Jahr später war er in Tschetschenien. Im Kopf hat er es bis heute nicht wirklich verlassen.

Babtschenko führt in die Kantine der Nowaja Gaseta in Moskau. Sie ist leer. Hier hat Anna Politkowskaja oft gesessen, bevor sie umgebracht wurde. Babtschenko arbeitet seit zwei Jahren bei der Zeitung. Er ist 30, seinen Kopf hat er kahl rasiert. Verabredungen Tage im Voraus trifft er nicht. So weit plane er nie, sagt er. Morgen könnte schon wieder alles anders sein. Da, wo er war, begann jeden Tag ein neues Leben, er hätte längst tot sein können. Babtschenko wirkt oft, als sei er nur zu Besuch, müsse gleich wieder weiter, weg. Sein Blick geht irgendwohin, wohin ihm niemand folgen kann. Es sieht dann so aus, als zwinge er sich dazu, sich zu erinnern, in welcher Welt er jetzt lebt.

Babtschenko redet nicht gern über Details seines Militärdienstes. Die Sätze werden kurz, ein paar Substantive, dann ist Schluss. In seinem »normalen Leben«, wie er es nennt, spricht er selten davon. Er schreibt Artikel fast ausschließlich über die Armee, gibt die Veteranenzeitschrift Art of War auf Russisch heraus und hat ein Buch über seine Zeit in Tschetschenien veröffentlicht, Die Farbe des Krieges. Es sind autobiografische Erzählungen, in denen er das Grauen dieses Krieges schildert wie noch keiner zuvor. Babtschenko will sich nicht erinnern und nötigt sich doch selbst jeden Tag dazu. » Schreiben ist meine psychische Rehabilitation«, sagt er. Auf dem Papier steht das, was er niemandem erzählen kann.

Mehr als eine Million russischer Soldaten kämpften in Tschetschenien.

Nach dem Krieg gab es für sie keine staatlichen Hilfsprogramme. Sie blieben mit ihren Erinnerungen allein, waren Täter und Opfer zugleich.

Viele leiden unter posttraumatischem Stress, in Russland heißt das »Tschetschenien-Syndrom«. Babtschenko hatte es auch, bevor er anfing zu schreiben.

»Willst du im Kaukasus dienen? Da ist es schön warm«, fragte der Major Babtschenko 1995 während der Grundausbildung, da war der Tschetschenienkrieg schon ein Jahr alt. Babtschenko dachte an Inguschetien oder Ossetien und stimmte zu. In der Grundausbildung hatte er gelernt zu morsen, geschossen hatte er nur zweimal. Er war 18, hatte noch nie ein Mädchen gehabt. Alles, was er vom Krieg wusste, hatte er bei Remarque gelesen. Er sagt, er habe sich keine Gedanken über den Kampf, über Tschetschenien gemacht. » Was hast du mit 18 für Vorstellungen?«, fragt er. Er beantwortet die Frage selbst: »Ich hatte keine Ahnung.«