Dieser Milliardär ist am Ziel, wenn niemand mehr Geld verdienen muss. Seine Vision: ein Land, in dem jeder seinen Job kündigen kann. Weil der Staat die Grundsicherung aller Bürger übernimmt. Götz W. Werner, 62, sitzt auf einer schweren Büffelledercouch in seiner Villa auf einem Hang über Stuttgart. Seine Stimme ändert immer wieder die Tonhöhe, als könne er so leichter überzeugen. » Wir müssen den Leuten eine menschenwürdige Grundversorgung sichern«, sagt er.

Werner ist Gründer der Drogeriemarktkette DM. Ihm gehören 1720 Geschäfte in neun Ländern, die einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro erwirtschaften. Er beschäftigt 24500 Menschen. Glückliche Menschen, hofft er. Vor zwei Jahren rief er die Initiative »Unternimm die Zukunft« ins Leben. Die Idee: Jeder Bürger, vom Baby bis zum Rentner, solle zum Monatsbeginn vom Staat eine feste Summe erhalten. » Mehr als das Existenzminimum, eine Art Kulturminimum«, sagt Werner. Zwischen 800 und 1500 Euro. Die Umsetzung würde eine dreistellige Milliardensumme verschlingen. Viele lachen über Werners Vorschläge.

Doch seine Vortragsreisen führen ihn mittlerweile durch ganz Deutschland. Er füllt Säle mit mehr als tausend Zuschauern. Beinahe jede Woche veranstaltet seine Initiative eines dieser Massen-Happenings. Sein prominentester Sympathisant ist Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus. Auch der Soziologe Ulrich Beck wirbt für die Idee.

Vielleicht ist Werners Modell deshalb für so viele attraktiv, weil fast jeder seine Überzeugungen darin wiederfinden kann: Sozialisten loben daran, dass der Staat die Grundversorgung eines jeden Bundesbürgers garantiert. Liberale loben die steuerliche Entlastung der Unternehmen, die Werner vorschlägt. Er will, dass die Einkommensteuer wegfällt dafür würde er die Mehrwertsteuer auf 50 Prozent erhöhen. Konservative hoffen, dass durch das Bürgergeld der Globalisierungsdruck verringert werden könne. Werners neues Buch Einkommen für alle wird Ende März bei Kiepenheuer und Witsch veröffentlicht, mit einer Startauflage von 50000 Exemplaren.

Werner ist ein Mann, der sich gerne bescheiden gibt. Sein Haus ist nicht allzu geräumig, ein schlicht eingerichteter Altbau. Von der Tür bis zur Wohnzimmergarnitur sind es nur zehn Schritte. Als der 62-Jährige sein Unternehmen 1973 gründete, fing er bei null an. Sein damaliger Chef hatte kein Interesse an seinem Konzept vom Drogerie-Supermarkt, deshalb machte Werner sich selbstständig. Er gehört heute mit einem Vermögen von angeblich 1,75 Milliarden Euro zu den reichsten Deutschen. Warum sein Engagement?

»Ich propagiere diese Idee nicht aus Eigennutz, sondern weil ich sie richtig finde«, sagt Werner. Kritiker halten ihm vor, dass es mit seiner Selbstlosigkeit wohl nicht weit her sei. Die taz etwa bezeichnete das bedingungslose Grundeinkommen als »Kombilohnmodell für alle«, das nur die Unternehmer entlaste. Werner glaubt, dass vor allem der Arbeitnehmer gewinne an Freiheit. Jeder könne dann den Job annehmen, der am ehesten seinen Fähigkeiten entspreche. Aber wer will dann noch die Regale im DM-Markt einsortieren? » Die Verhältnisse würden sich dramatisch ändern«, sagt Werner. Dann theoretisiert er lange. Die Unternehmen müssten eben mit besonderen Anreizen um Arbeitskräfte werben, sagt er. Personalentlassungen zur reinen Gewinnsteigerung lehne er ab. Er investiere lieber in die Aus- und Fortbildung seiner Angestellten.

Der gebürtige Heidelberger ist bekennender Anthroposoph. Vier seiner sieben Kinder gehen noch zur Schule, und zwar auf eine Waldorfschule.