Wir wollen nicht nachtragend sein. Trotzdem muss hier noch einmal die Rede sein von den »Öko-Idealisten« und den »Umweltideologen«. So lauteten die Spottnamen für jene, die schon vor zwanzig Jahren vor dem Klimawandel warnten und Vorschläge machten, wie er noch abzuwenden sei. Die da so spotteten, das waren die harten Realpolitiker, die sich mit weichen Themen wie Ökologie nicht abgeben konnten, weil sie so arg mit Kriegen und Aktienkursen beschäftigt waren. Nun stellt sich heraus, dass die Idealisten die Realisten waren und die Realisten die Wirklichkeitsverweigerer.

Darüber würde man, wie gesagt, gern wortlos hinweggehen. Doch leider haben sich die Leute, die zwei Jahrzehnte lang den Klimawandel geleugnet haben, keineswegs ein, sagen wir, vierwöchiges Bußschweigen auferlegt. Vielmehr warnen ausgerechnet die nun lauthals vor zu großer Eile, die eine vernünftige Politik so lange blockiert haben, dass es nun ganz schnell gehen muss mit dem Klima. George W. Bush erhebt für seine Amerikaner den Anspruch, noch ein paar Jahrzehnte lang immer mehr Kohlendioxid in die Luft blasen zu dürfen. Und die deutsche Autoindustrie wirft sich wie ein Mann vor ihre tonnenschweren Geschosse.

Die Öko-Reaktionäre machen es sich zunutze, dass die Klimadebatte zurzeit geradezu explodiert und dabei auch verwirrt. Da ist leicht desorientieren. In der Tat lässt sich vieles nicht kurz und bündig erklären in der Diskussion um die globale Erwärmung. Warum zum Beispiel das Meerwasser sauer wird, warum Europa eine Eiszeit droht oder wie das genau läuft mit dem Emissionshandel. Doch der politisch-moralische Kern des Ganzen ist leicht zu verstehen (wenn auch schwer zu ertragen).

Der Klimawandel versetzt die Menschheit in eine nie da gewesene Situation. Binnen zwanzig Jahren muss sich unsere Art und Weise, zu leben und zu wirtschaften, radikal ändern. Damit wird die altehrwürdige Definition von Max Weber, Politik sei »das langsame Bohren dicker Bretter«, außer Kraft gesetzt. Nunmehr gilt: Die Politik muss genauso schnell sein wie die Erwärmung.

Dagegen regt sich Widerwille. Das ist menschlich, macht aber keinen Sinn. Die Grundbotschaft der Verweigerung lautet seit Neuestem nicht mehr, dass es gar keinen Klimawandel gebe oder dass er nicht menschengemacht sei, sondern dass all die unabweisbaren Veränderungen grosso modo in den Maschinen stattfinden müssten und fast gar nicht bei den Menschen. Das ist natürlich falsch. Wenn nur ein, zwei Jahrzehnte Zeit ist, dann müssen die meisten Innovationen mit schon vorhandenen Technologien erfolgen. Auf eine ökologische Wunderwaffe zu warten, dafür fehlt uns die Zeit. Also wird es ohne spürbare Verhaltensänderungen nicht gehen. Fragt sich nur: Für wen?

Auch hier ist die Ausgangslage denkbar klar. Es ist mit keinem Argument der Welt zu begründen, warum die Menschen beim Klimaschutz nicht gleich sein sollen. Der Anspruch der US-Regierung, dass Amerikaner auch in Zukunft doppelt so viel Abgase in die Luft pusten dürfen wie Europäer, fünfmal so viel wie Chinesen und zwanzigmal so viel wie Afrikaner, ist ökologischer Rassismus und im Übrigen politisch nicht durchzuhalten.

Ist der globale Gleichheitsanspruch prinzipiell nicht zu bestreiten, so kann man ihn gleichwohl umschiffen wollen. Auf diese Weise ist das erdumspannende Klima-Dilemma entstanden: Die Amerikaner sagen, sie seien nur dann bereit, CO zu reduzieren, wenn es die Chinesen auch täten, weil die ja schon die zweitgrößten Verschmutzer seien. Die Chinesen entgegnen, solange ein Amerikaner fünfmal mehr verbrauche, dächten sie gar nicht daran, sich einzuschränken, höchstens, um die unmittelbare Luftverpestung daheim etwas zu vermindern. Natürlich haben die Chinesen recht und die Amerikaner auch. Nur kommt es nicht mehr darauf an, wer recht hat, sondern ob das Argument etwas bewegt oder ob es blockiert.