Von der Geliebten darf die Ehefrau nichts erfahren; unsere sexuellen Vorlieben kennen nur wenige; die Höhe unseres Einkommens behalten wir gern für uns, aus Angst vor giftigem Neid. Unsere Süchte pflegen wir heimlich, der allabendliche Wein ist längst zur Gewohnheit geworden, eine lästige Sünde. Briefe von verflossenen Liebschaften liegen sorgsam verschlossen in einer Schublade, neben den Sparbüchern, auf die unsere Kinder schon zu unseren Lebzeiten ein Auge geworfen haben. Geheimnisse sind die wunden Punkte unseres Daseins und damit ein Faustpfand für jene, die sie lüften. BILD

Und doch erleben wir derzeit, wie unser privates Leben in bislang ungewohntem Ausmaß ausgestellt, ausspioniert, veröffentlicht wird. Auf Myspace, einer Kontaktbörse im Internet, stehen nicht nur die Lieblingsbands unter den Fotos der sich Offenbarenden, sondern auch ihre Konfektionsgröße und die sexuelle Orientierung. Vorbei die Zeit, da man diskret, per Chiffrenanzeige, seine Identität in Zeitungsannoncen kunstvoll verbarg. Millionen privater Videofiles stehen im Internet auf YouTube zum Download bereit, häufig verwackelte Aufnahmen aus heimischen Wohnzimmern, in denen angeheiterte Protagonisten Liebeserklärungen verbreiten.

Die Geschichte des Internets geht einher mit der Verschiebung von Schamgrenzen, der Ausweitung der Privatsphäre, es ist ein vulgärer Schauplatz. Noch bevor Zeitungsredaktionen abwägen können, sie abzudrucken oder sie zu unterdrücken, kursieren bereits kompromittierende Fotos von Prominenten im Netz. Lehrer klagen in ihrem Forum »Der Lehrerfreund« derzeit anonym darüber, dass sie von ihren Schülern mit Handycams beim Unterricht gefilmt werden. Ihre peinlichen Versprecher oder Wutausbrüche finden sie später im Internet. Wie sehr die Opfer unter ungewollten Präsentationen im Netz leiden, zeigte ein Fall, der vor drei Monaten das Oberlandesgericht in Schleswig beschäftigte. Weil ihr eifersüchtiger Exfreund sie mit Aktfotos und Adresse ins Netz stellte, musste eine Frau nach Belästigungen ihre Wohnung aufgeben, das Gericht sprach ihr 25000 Euro Schmerzensgeld zu.

Unendlich fern scheint eine Zeit, da man im Zeichen einer anstehenden Volkszählung und aus Furcht vor einem Überwachungsstaat Protestmärsche organisierte wie noch in den achtziger Jahren. Der Datenschutz wird, seitdem die Angst vor Terrorangriffen uns peinigt, stetig aufgeweicht: Das Telemediengesetz befugt neuerdings Telekommunikationsanbieter zur Herausgabe von Telefon- und Internetnutzerdaten. Ein Gesetzesentwurf aus dem Justizministerium soll die Anbieter zudem verpflichten, die Daten aller Teilnehmer sechs Monate lang zu speichern: Wer mit wem telefoniert, wer welche Internetseiten besucht und welche E-Mails verschickt, all dies soll demnächst verdachtsunabhängig gespeichert werden. Gestoppt wurde vorerst zumindest das Vorhaben, private Computerdaten mit Hilfe eines Programms auszuspähen, das von Ermittlern ohne Wissen des Betroffenen auf seinen Computer aufgespielt werden kann. Der Bundesgerichtshof hatte vor drei Wochen entschieden, dass Verbrechensbekämpfung mit Hilfe sogenannter Trojaner bislang nicht durch die Strafprozessordnung gedeckt sei. Nun möchte Innenminister Wolfgang Schäuble allerdings eine gesetzliche Grundlage dafür schaffen. Dass all dies kaum noch für Aufsehen sorgt, verwundert kaum, haben wir doch die Sensibilität für das Geheimnis, den Sinn für die uns schützende Privatsphäre verloren, seit das Internet zum Leitmedium avanciert ist.

Wer viele Geheimnisse hatte, war ein mächtiger Herrscher

Es lohnt ein Blick auf die Geschichte des Geheimnisses, um den Verfall des Privaten zu skizzieren. Noch bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stieg das öffentliche Ansehen einer Person mit ihrem legitimen Anspruch auf Geheimhaltung. Der Fürst steigerte seine vermeintlich gottgegebene Aura, solange er sich gegenüber seinen Feinden, aber auch gegenüber seinen Untertanen durch allegorische Gemälde glanzvoll chiffrierte. Seine Gottesähnlichkeit beruhte darauf, dass Gott selbst strategisch zu verfahren schien. Nach und nach lüftete dieser seine Geheimnisse: das Rad, die Druckerpresse, das Schießpulver und Amerika. Die europäischen Höfe der Fürsten galten ohnehin als Orte der Verstellungskunst. Ratgeber wie das Handorakel des Jesuiten Baltasar Gracián gaben den um politische Karriere bemühten Höflingen strategische Handlungsanleitungen. Ihnen galt die Welt als Welttheater, sie lernten ihre Affekte zu beherrschen, in heiklen Situationen nicht zu erröten, ihre Absichten zu verbergen. »Mit aufgedeckter Karte zu spielen«, so heißt es in einem Ratgeber der Zeit, »ist weder klug, noch verspricht es zu vergnügen.« Einer der letzten Autoren, die noch um 1800 die Verstellungskunst des Hofes feierten, war Heinrich von Kleist. Er kennt fast ausschließlich Protagonisten, die strategisch, wie der Mordbrenner Michael Kohlhaas, brutale Interessenpolitik betreiben, fernab jeder humanistischen Beseelung.

Heute haben Geheimnisse ihre herrschaftslegitimierende Funktion eingebüßt. Dies lässt sich an einem aktuellen Fall illustrieren, am Fall Horst Seehofer, dessen menschlicher Makel derzeit öffentlich verhandelt wird. Seehofers Eignung zum CSU-Vorsitzenden wird von Kirchenvertretern, allen voran der Kölner Kardinal Joachim Meisner, infrage gestellt, seitdem bekannt geworden ist, dass der verheiratete Landwirtschaftsminister eine Affäre hatte. Der Fall zeigt, wie sehr die demokratische Gesellschaft unser Verhältnis zum Geheimnis verkehrt hat. Einst galt: Je höher jemand in der ständischen Hierarchie stand, umso ausgedehnter war sein Privileg auf Geheimnis, auf ein Dasein, das vor kein Tribunal der Öffentlichkeit zu ziehen war. Wer indes heute als Politiker auf öffentliche Resonanz stoßen möchte, sollte sich wie Ursula von der Leyen mit seiner Kinderschar ablichten lassen. So vermag das ausgestellte Privatleben politische Ziele zu untermauern.

Die pietistisch geprägten Aufklärer waren im 18. Jahrhundert angetreten, um die Libertinage des Hofes, die Verstellung im Liebesspiel und die geheimnisvolle Aura des Fürsten zu verbannen. Sie propagierten in ihren Moralischen Wochenschriften das Phantasma des gläsernen Menschen, nutzten ihre Zeitschriften, um gegen weibliche Schminke, höfische Turmfrisuren und erotische Reize zu wettern. Hatte sich das höfische Leben zu einem theatralischen Schauplatz einer allgegenwärtigen Erotik entfaltet, so waren die Schlagworte der Aufklärung ruhende Scham und ungezwungene Intimität. Die Aufklärung suchte den Körper als transparenten Ausdruck des Inneren zu entdecken und seine Vieldeutigkeit, sein Geheimnis zu tilgen. Im Biedermann, einem seinerzeit bekannten Magazin, hieß es: »Will das Weib lebenslang die Maske nicht ablegen? Das geht nicht an. So wird es denn seinem Ehegatten nicht mehr gefallen. So wird es denn von ihm nur eine kurze Zeit geliebet werden. So wird sie ihn unglücklich machen.«

Die Forderung nach größtmöglicher Offenheit im alltäglichen Umgang war ein durch und durch demokratisches Anliegen. Doch je mehr wir die Öffentlichkeit der Informationsgesellschaft ausdehnten, bis hin zu einer weltumspannenden Internetgemeinschaft, umso stärker mussten wir uns gegen sie wappnen. Eingespannt zwischen unzähligen PIN-Codes, Kennwörtern und Firewalls suchten wir die Geister zu lähmen, die wir riefen. Anwaltsgeheimnisse, Schweigepflicht von Ärzten und Briefgeheimnisse wurden rechtsstaatlich reguliert und legitimiert. Die Privatsphäre war uns heilig. Bereits die Aufklärer, die tagsüber gegen die Schminksucht der Damen ins Feld zogen, feierten abends in Geheimzirkeln und Freimaurerlogen einen Bruderkult und inszenierten das Mysterium ihrer Freundschaft. Das Private bot ihnen einen Schutzraum vor dem Zugriff des Staates wie vor der neu entstandenen bürgerlichen Öffentlichkeit, die mit einer enormen Zunahme an Zeitschriften und Buchpublikationen einherging.

Eine Welt ohne Geheimnisse wäre blanker Terror

Das Geheimnis hatte darüber hinaus ein weiteres Obdach gefunden. Denn im Schatten des aufklärerisch-demokratischen Lichts, welches die alten Herrschafts- und Religionsgeheimnisse rigoros verbannte, begann die Moderne fetischistische Ersatzkulte bereitzustellen, die uns noch immer prägen: die zirkulierende Warenwelt, der wir verfallen; die geheimnisvollen Hüllen der Mode, das Lebensgefühl des Großstadtcafés, in dem wir das doppeldeutige Lächeln in der Menge suchen. Kurzum: Das Geheimnis hat auch überlebt in seiner kulturindustriellen Verwertung. Der Kriminalroman ist das Paradebeispiel für eine Gattung, die erst entstehen konnte, als die sakralen Geheimnisse der Neuzeit zu Grabe getragen worden waren. Zwischen dunklem, schauderhaftem Verbrechen und programmierter, weltlicher Entlarvung wiederholte er den Aufklärungsprozess allegorisch und befriedigte sowohl das Bedürfnis nach Geheimnis als auch die Sehnsucht nach seiner rationalen Bewältigung.

Die Aufklärung suchte den Menschen die Furcht zu nehmen, die Naturgeheimnisse mit Hilfe der Wissenschaften zu lüften, die niederen Absichten absolutistischer Herrscher zu entlarven und die Macht der Kirchen einzudämmen. Fortan waren das Private und die autonome Kunst Refugien des Geheimen in einer einst vollständig von Verborgenheiten durchsetzten Welt.

Doch während Thriller wie eh und je die Bestsellerlisten stürmen, scheint uns der Verlust unseres Privatlebens nur wenig auszumachen. Die meisten haben sich damit abgefunden, dass Pässe mit biometrischen Daten ausgestellt werden, anhand deren Bewegungsprofile von Reisenden erstellt werden können. Geheimdienste dürfen seit den Antiterrorgesetzen von Otto Schily den Standort von Handys ermitteln, Banken wurden verpflichtet, dem Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst Auskunft über Kontobewegungen zu geben, Fluggesellschaften wiederum müssen auf Anfrage preisgeben, ob jemand auf ihrer Reiseliste steht.

Dass derartige Gesetze als selbstverständliche Instrumente zur Verbrechensbekämpfung akzeptiert werden, liegt nicht nur an der Angst vor Terroranschlägen, sondern an einem fundamentalen Wandel unseres Medienverhaltens. Das Internet ebnet die uns bislang gewohnte Unterscheidung von Privatem und Öffentlichem schleichend ein. Alles Private kann heute durch YouTube und MySpace öffentlich werden. Über lange Zeit war indes das, was überhaupt öffentlich werden konnte, durch eine überschaubare Anzahl von Printmedien, Verlagen und Fernsehkanälen vorab gefiltert und ausgewertet worden. Die Veröffentlichungswut im Internet mutet daher nur auf den ersten Blick als ein demokratischer Zugewinn an. Denn unser Privatleben, das Geheimnisse bislang schützte, ist ein Korrektiv gegenüber einer Öffentlichkeit, die auch totalitäre Züge annehmen kann. Eine Welt ohne Geheimnisse wäre blanker Terror. Wenn Liebende sich ihrer Absichten vom ersten Blick an sicher wären: Keine Anspannung läge in der Luft beim flüchtigen Tête-à-Tête, kein Schluck Wein flösse durch die Kehlen der sich Begehrenden. Sie wären vom Zauber des Geheimnisses befreit.

*Dieser Artikel basiert auf einem in zwei Wochen erscheinenden Buch des Verfassers: »Versuch über Kleist. Die Kunst des Geheimnisses um 1800«; Matthes & Seitz Berlin

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