Internet Das Ende der GeheimnisseSeite 3/3
Doch während Thriller wie eh und je die Bestsellerlisten stürmen, scheint uns der Verlust unseres Privatlebens nur wenig auszumachen. Die meisten haben sich damit abgefunden, dass Pässe mit biometrischen Daten ausgestellt werden, anhand deren Bewegungsprofile von Reisenden erstellt werden können. Geheimdienste dürfen seit den Antiterrorgesetzen von Otto Schily den Standort von Handys ermitteln, Banken wurden verpflichtet, dem Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst Auskunft über Kontobewegungen zu geben, Fluggesellschaften wiederum müssen auf Anfrage preisgeben, ob jemand auf ihrer Reiseliste steht.
Dass derartige Gesetze als selbstverständliche Instrumente zur Verbrechensbekämpfung akzeptiert werden, liegt nicht nur an der Angst vor Terroranschlägen, sondern an einem fundamentalen Wandel unseres Medienverhaltens. Das Internet ebnet die uns bislang gewohnte Unterscheidung von Privatem und Öffentlichem schleichend ein. Alles Private kann heute durch YouTube und MySpace öffentlich werden. Über lange Zeit war indes das, was überhaupt öffentlich werden konnte, durch eine überschaubare Anzahl von Printmedien, Verlagen und Fernsehkanälen vorab gefiltert und ausgewertet worden. Die Veröffentlichungswut im Internet mutet daher nur auf den ersten Blick als ein demokratischer Zugewinn an. Denn unser Privatleben, das Geheimnisse bislang schützte, ist ein Korrektiv gegenüber einer Öffentlichkeit, die auch totalitäre Züge annehmen kann. Eine Welt ohne Geheimnisse wäre blanker Terror. Wenn Liebende sich ihrer Absichten vom ersten Blick an sicher wären: Keine Anspannung läge in der Luft beim flüchtigen Tête-à-Tête, kein Schluck Wein flösse durch die Kehlen der sich Begehrenden. Sie wären vom Zauber des Geheimnisses befreit.
*Dieser Artikel basiert auf einem in zwei Wochen erscheinenden Buch des Verfassers: »Versuch über Kleist. Die Kunst des Geheimnisses um 1800«; Matthes & Seitz Berlin
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Virtuelles und Reales
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- Datum 08.03.2007 - 11:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.03.2007 Nr. 11
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die freiwillige Selbstdarstellung darf man nicht gleichsetzen mit staatlicher oder sonstiger Schnüffelei. Erstere beinhaltet immer noch die Möglichkeit zur Lüge. Wer weiss denn, ob die Dame auf der Showcouch keine Schauspielerin ist? Die brisanten Daten sind auf YouTube deshalb nicht in verwertbarem Format erhältlich. Ganz anders ist dagegen die Schnüffelei zu bewerten, die ja gerade darauf abzielt.
... wird's wenn man sich mal exhivitionistenforen wie etwa einem 'politisch inkorrekten' blog, der mit einem mausklick von hendryk m broders homepage zu erreichen ist, umsieht.
da versammeln sich die, die das tragen von hosen als unanständig empfinden und gerne mal ihren politisch inkorrekten [und vor allem intelektuell zu kleinen] schniedel zeigen wollen und offenbaren den offensichtlichen zustand unserer gesellschaft.
des Autors: Was haben die freiwillig-humoristischen Beiträge auf YouTube (oder auch in Foren wie diesem?) mit gezielten Indiskretionen oder gar staatlicher Schnüffelei zu tun?
Verbieten Sie in den Schulen konsequent die Benutzung von Handys (und geben Sie den Lehrern eine solide juristische Grundlage, um ein solches Verbot auch durchzusetzen!), lassen Sie die Justiz noch ein paar solcher Schadenersatzurteile fällen (die auch ruhig Menschen, die solche Indiskretionen begehen, an den Rand des Ruins bringen dürfen!), und 50 % dieses Schwachsinns fallen weg.
Ersetzen Sie Schäuble als Innenminister durch einen, der Respekt vor den Bürgerrechten hat, und 50 % Ihrer Sorgen sind vom Tisch! (Von einem, der kein Handy hat, um geortet zu werden, und der seinen Computer regelmäßig vom Netz nimmt, wenn er ihn nicht benutzt; der kein Online-Banking betreibt, und der erst wieder einen neuen Pass beantragen wird, wenn dieser Biometrie-Schwachsinn vom Tisch ist.)
Der Rest ist nicht zu verhindern und gehört zur allgemeinen Idiotie der menschlichen Rasse...
der moderne Exhibitionismus in all seinen Ausprägungen desensiblisiert die Menschen in Bezug auf die Bedeutung ihrer Privatsphäre. Das wiederum spielt der gezielten Indiskretion durch die Politik in die Hände, die kaum mehr auf starken Widerstand stößt. Es besteht somit ein starker Zusammenahng zwischen YouTube und dem gläsernen Bürger. Ein Zusammenhang, der dadurch so gefährlich wird, weil die Menschen vor lauter Spaß den Ernst dahinter nicht erkennen. Und was die Masse so treibt, kann ja nicht verkehrt sein, oder etwa doch?! Immerhin hat man bei YouTube noch die Wahl.
Ich kann die Behauptung, dass der 'Exhibitionismus' im Internet zu einer Offenlegung von Geheimnissen führt nicht nachvollziehen. Es ist doch eher so, dass man bei diesen Selbstdarstellungen im Netz nie weiss, was der Realität entspricht und was Fiktion ist. Führt aber nicht gerade diese Ungewissheit eher zu einer Mystifizierung.
Bezüglich der von wurstbrot postulierten Desensibilisierung der Öffentlichkeit im Bezug auf Einschränkung der Freiheitsrechte durch Medien wie YouTube möchte ich folgende die Frage aufwerfen. Sind denn nicht eher Artikel wie dieser für die beschriebene Desensibilisierung verantwortlich, da sie Medien wie YouTube und den Verlust von Freiheitsrechten in Verbindung bringen und beides vermengen? Wird damit nicht gerade verschleiert, dass das Eine freiwillig passiert, während das andere im Einzelfall nicht beeinflussbar ist und damit zu bekämpfen ist? YouTube und Überwachung durch den Verfassungsschutz sind meiner Meinung nach zwei Dinge, die in der Debatte nicht klar genug getrennt werden und genau dies führt zu der Beschriebenen Desensibilisierung.
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