Neulich stand ich wieder auf jenem Hügel und sah dasselbe. Dasselbe wie an einem Abend vor zehn Jahren. In langen, weitmaschigen Schlangen durchqueren sie die Landschaft jenseits des Speckgürtels von Johannesburg, bewegen sich aus den Diamantenminen einem der Slums zu, wo sie aufbewahrt werden, die Wanderarbeiter, die unterste Klasse der Menschen, Wirtstiere des Aidsvirus, Verlorene, mit eigener Musik und eigener Klage. Ihre Plantagen existieren noch. Sie sehen nur anders aus.

Auch die Musikindustrie war mal so ähnlich. Ehemals griffen sich die Studiobesitzer die besten Sänger von den Feldern und aus den Minen, zwangen sie in einem Aufnahmestudio vor ein Mikrofon und befahlen: »Sing!« » Was macht das?« fragten die Sänger mit Blick auf das Mikrofon. » It takes your voice«, erwiderten die Produzenten, und zurück wichen die Arbeiter, den Mund zuhaltend, dachten sie doch: »für immer«. So schenkten sie den Ausbeutern ihre Stimmen und ihre Tunes.

Tantiemen haben sie nie erhalten.

Heute sind die Musiker im Besitz der Produktionsmittel, doch sie bevorzugen das breite Pastoso eines tanzbaren Synthesizer-Sounds. Am Rande aber entstehen Alben der Erinnerung an das Leiden Südafrikas. So hat die norwegisch-südafrikanische Gruppe SAN auf San Song den Wanderarbeitern eine 17-minütige Hymne geschrieben, die den Trauermarsch-Groove ihrer Schritte aufnimmt, den Rhythmus der stereotypen Gesten, die sie in den tiefsten Stollen der Diamantenminen täglich vollziehen, wo man keinem Weißen begegnet, weil die Apartheid hier nie zu Ende ging.

SANs südafrikanisches Fresko ist auch malende Musik, die im schleppenden Tempo, in der kargen Instrumentierung die Erfahrung drückender Hitze assoziiert. Man findet diesen Ausdruck immer wieder beim Altmeister Abdullah Ibrahim wie in Paul Hanmers inzwischen klassischem Album Trains to Taung und auch auf seinem jüngsten Album Water and Lights. Bei aller durchbrechenden Heiterkeit hat diese Musik den Charakter eines Lamentos, in dem vom Leiden der Wanderarbeiter nicht mehr geheimsprachlich gesprochen werden muss. Es ist Musik im Zustand der Befreiung, Vademecum zum Aufbruch, politisch, dabei von großer melodiöser Pracht. Solche Musik kann nur hier entstehen. Zeit, sie einzulassen.