Illegale Sklaven in Altona

Edwin Asamoah schuftet illegal in Hamburg – in Ghana wartet seine Frau auf das Geld aus Deutschland.

Es ist kurz vor 14 Uhr an diesem Hamburger Wintertag, als Edwin Asamoah* aus der S-Bahn steigt und zielstrebig das unterirdische Labyrinth am Jungfernstieg durchmisst. Asamoah, 42 Jahre alt, eilt die Rolltreppen hinauf, er hält sich aufrecht, schaut die Leute an, nicht ducken, denkt er, denn wer sich duckt, der ist verdächtig. Er glaubt, er falle dann in dieser feinen Gegend noch mehr auf als ohnehin, mit seiner dunklen Haut, den Turnschuhen vom Flohmarkt, dem abgewetzten Fleece-Pulli, den er als Jacke trägt. An einer roten Ampel bleibt er stehen, obwohl die Straße frei ist. Die Polizisten haben ihre Augen überall. 

Das Restaurant liegt kaum fünf Gehminuten vom Jungfernstieg entfernt. Nebenan ist ein Theater. Unter Kronleuchtern sitzen die Gäste in stilvollem Ambiente und studieren die kleine, ausgesuchte Karte. Asamoah huscht durch einen Seiteneingang in die Küche und weiter in den Keller, wo er sich seine weiße Küchenjacke überstreift. Seit drei Monaten spült er jetzt das edle Porzellan. Jedes Wochenende kratzt er die Reste der Gänseleberparfaits von den Tellern und kippt abgenagte Wachtelknochen in die Tonne. Er ist einer dieser ungezählten Afrikaner, deren Köpfe manchmal flüchtig in den Bullaugen der Küchentüren auftauchen. Er gehört zu jenen Glücksrittern, die in Scharen nach Europa strömen, um hier als Tellerwäscher, Zimmermädchen oder Altenpfleger anzuheuern. 10000 Menschen ohne Papiere lebten allein in Hamburg, schätzt die Stadt; die Nordelbische Kirche vermutet, es seien zehnmal so viele. Eine Statistik gibt es nicht. Und vielleicht darf es sie nicht geben, denn diese Migranten sind ein Heer von Billiglöhnern, über das man lieber schweigt.

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Es ist, als kehre sich die Globalisierung plötzlich um. Nachdem sich in den letzten Jahrzehnten das Kapital globalisierte, globalisieren sich nun die Armen. Sie wollen das Versprechen auf Wohlstand einlösen, das mit den Computern und den Satellitenschüsseln auf ihren Kontinent kam. Etwa 50000 Afrikaner landeten im vergangenen Sommer an den Küsten Südeuropas, und niemand weiß, wie viele mit dem Flugzeug kommen, ganz legal mit einem Visum für Besucher. Läuft es aus, tauchen sie unter. 

Sechs Euro die Stunde sind gutes Geld – andere tun es für zwei

Wenn Asamoah in der Küchentür auftaucht, dann glänzt sein kahl rasiertes Haupt vom heißen Dampf der Spülmaschine. Edwin Asamoah vom Stamm der Ashanti, ein kräftiger und nicht sehr großer Mann, trägt stoisch ab, was man ihm bringt, immer neue Berge von Geschirr, heiße Pfannen, Töpfe, Gläser. Sechs Euro die Stunde sind gutes Geld – andere tun es für zwei. An seinem ersten Tag im Restaurant fragte man ihn nach Papieren. Er sagte: »Morgen. Morgen bringe ich sie mit.« Er legte sich ins Zeug, und danach fragten sie nie wieder. Man zahlt cash.

Die Ashanti, sagt Asamoah, seien ein stolzes Volk, das es in die Ferne ziehe. Er hat drei Halbbrüder in Europa, zwei in Amerika und einen Onkel in New York. Wenn Onkel Adu nach Ghana kam, war es, als ob ein König Hof hielte. Er trug feine Anzüge und goldene Uhren, wenn er schlief, dann habe man nicht klopfen dürfen. Asamoah verkaufte damals Schuhe. Er lebte mit seiner Frau und seinen Töchtern am armen Rand von Accra, sie teilten sich zu fünft zwei Zimmer. Als Asamoah vor zwei Jahren nach Europa aufbrach, träumte er von einer Tellerwäscherkarriere, wie er sie aus Filmen kannte, er wollte Geld verdienen für ein neues Haus und für das Studium der Töchter. Aber Asamoah landete nicht in Hollywood, sondern in Hamburg-Altona. Die Große Bergstraße, die sich vom Altonaer Bahnhof durch das Viertel zieht, hat ihre guten Zeiten lange hinter sich, das Karstadt-Kaufhaus ist verkommen zur Ruine. Nebenan im Lottoladen lassen sich goldene Zähne gegen eine Handvoll Euro verpfänden. Auf den Bänken kippen Arbeitslose ihren Schnaps hinunter, und manchmal scheint es, als seien all die Afrikaner, die hier in die Callshops eilen, die Einzigen mit einem Ziel.

Wer einsam ist, der sucht ein bisschen Ablenkung im Callshop

Asamoah ist aufgewühlt, als er nach der Arbeit in die Fußgängerzone biegt. Im Restaurant hätten sie ihm gesagt, er brauche nicht mehr wiederzukommen, einfach so, ohne Grund. 350 Euro, sagt Asamoah leise, habe er erst angespart.

»350 Euro. In zwei Jahren.«

Er habe nicht gedacht, dass es so schwierig werden würde, sagt er. Sein Gesicht ist sanft, und an den Schläfen wird er langsam grau. Es dauert, bis er sich einem Fremden anvertraut, denn jeder Weiße, glaubt er, könnte ein Zivilpolizist sein. Wenn Asamoah über Deutschland spricht, dann wirkt er schüchtern. Er versteht nicht, warum Menschen auf der Straße schlafen, warum es Heime gibt, in denen alte Leute leben, warum Frauen auf der Zeitung ihre Brüste zeigen. Asamoah ist ein gläubiger Mann, und wenn er zweifelt, liest er in der Bibel. Seit ein paar Tagen spürt er seinen Rücken, und morgens im Bett rast sein Herz. In Ghana würde er sich auf die kleine Bank vor seinem Haus setzen oder mit den Nachbarn Dame spielen, aber hier in Hamburg kennt er niemanden, und wenn er zu viel nachdenkt, dann sucht er Ablenkung im Callshop.

In der Großen Bergstraße betritt Asamoah einen Laden mit großer Schaufensterfront. Links und rechts reihen sich die hellen Telefonkabinen, auf dem Tresen stehen frische Blumen. Kemal Bilger*, der Besitzer, lehnt dahinter. Er ist 27, ein Türke, der in Osnabrück geboren wurde. Asamoah kommt fast täglich, jeden Monat lässt er hier ein kleines Vermögen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Sie .... wisen wohl selber,was ich meine!
    Widerlich,diese saturierten Klugscheisser,die keinerlei echte Gefühle haben.
    Prof. Abraham Laibl

  2. Asamoah wird wohl wissen, dass er von Zeit-Journalisten interviewt wurde. Ama wird es auch wissen. Beide werden sie sich nicht die ZEIT kaufen. Aber andere, die auch von den Interviews wissen, werden es tun. Und dann erfährt Asamoah von Amas 'Geheimnissen', die sie ihm selbst erzählen wollte, und Ama erfährt von Asamoahs 'Geheimnissen'. Und die ZEIT war Schuld. Das verstehe ich nicht unter journalistischem Ethos.

  3. wie immer, wenn mal wieder ein Zeitjournalist in die Saiten greift, um die Schicksale afrikanischer Illegaler in Deutschland zu beschreiben. Das kommt jedes Mal gut an und hinterlaesst eine Menge Buerger, die nun gramzerfressen auf dem Sofa zitzen und meinen, sie waeren Schuld. Sind sie aber nicht. Der Herr Edwin ist naemlich ganz freiwillig hierher gekommen und kann auch ganz freiwillig wieder gehen.

  4. Bei dem Artikel sind mir echte Tränen gekommen,für einen Mann mit 64 nicht leicht!
    Was ist das für eine Schweine-Republik.Ich schäme mich ein Deutscher zu sein!!
    Aber nicht nur Neger werden hier ausgebeutet und niedergetrampelt,sondern auch biedere Hamburger Akademiker,die nach persönlichen Schicksalsschlägen für 3 Euro Taxi fahren müssen.Währenddessen hat das Grosskapital drängende Probleme zu lösen,zB. ob für den Vorstand Phaeton-Limusinen angeschafft werden sollen und Ähnliches.
    Wo leben wir eigentlich!?
    Professor Abraham Laibl

    • dojon
    • 14.03.2007 um 14:02 Uhr

    Die Welt ist halt überall wie sie ist. Wie heißt es so schön, besser im Stiefel als unter dem Stiefel. Ich kann mich nicht um alles kümmern, muß dazuschauen, daß ich nicht unter dem Stiefel lande. Traurige Betroffenheit ist was für die saturiert Abgesicherten mit Zusatzpension und ordentlichem Erbteil.

  5. Ein äußerst differenzierter Beitrag. Ich frage mich immer wieder, woher diese bedauerliche Polemik rührt, die viele Mitdiskutierende an den Tag legen.
    Sie haben natürlich Recht: Edwin ist freiwillig gekommen, und den deutschen Bürger trifft keine Schuld. Der deutsche Bürger aber trägt sowohl eine gesellschaftliche als auch eine menschliche Verantwortung. Wer fahrlässig in Kauf nimmt, dass illegale Einwanderer von der einheimischen Wirtschaft ausgebeutet werden, lebt bewusst im Einvernehmen mit verfassungswidrigen Umständen und sollte sich überlegen, mit welcher Rechtfertigung er sich einen deutschen Staatsbürger nennt.

  6. es muss doch in Hamburg genug gutsituierte Gutmenschen geben, die aus ihrer Portokasse dieses bittere Schicksal ausgebeuteter Illegaler beenden könnten???
    Was ist bloss mit Hamburg los? Jeder Gutmensch bürgt bzw. zahlt für einen Illegalen samt Familie den gesamten Unterhalt, Krankenkosten usw.
    Und das Problem ist gelöst!!!
    Keine Gutmenschen da? Schade.

  7. kein Zuckerschlecken in Hamburg doch kann er kaum erwartet haben dass er im Schlaraffenland landet als er sich auf den Weg nach Deutschland machte.Offenbar hat er als Illegaler Probleme und man muss sich wundern dass er ueberhaupt Arbeit gefunden hat auch wenn sie ziemlich mies bezahlt wird.Doch ich denke was immer er in D.erlebt ist besser als was er in seiner Heimat finden kann-also bleibt er und wurstelt sich weiter durch.Das wahre Problem ist doch dass die Armut in Entwicklungslaender die Leute nach Europa draengt und dort sollte man die Hebel ansetzen. Deutschland braucht nicht noch mehr Niedriglohn Arbeitsucher oder Leute,die vom Staat unterhalten werden muessen.In Ghana herrscht kein Krieg -also sind es ausschliesslich wirtschaftliche Gruende die ihn nach Deutschland trieben.

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