Illegale Sklaven in AltonaSeite 6/6

Keinen Tag länger hielt er durch, am Ende hatte er seinen Stolz eingetauscht gegen einen Papierfetzen, auf dem »Duldung« stand. Er nimmt noch einen Schluck Bier, dann schlängelt er sich durch die Tanzenden und greift sich eine Frau.

»Dear Tina«, schreibt Asamoah ungelenk, »ich komme aus Ghana und bin seit zwei Jahren in Hamburg. Heute habe ich Dein Inserat im Altonaer Wochenblatt gefunden. Ich bin 42 Jahre alt und habe hier nicht viele Freunde. Meine Frau und Kinder sind in Ghana. Vielleicht hast Du ja Lust, mich zu treffen? Wir könnten reden oder Dame spielen. Herzlich, Asamoah.«

Warum nur schickt er nicht mehr Geld?

Ama sitzt auf der Bank vor ihrem Haus in Ghana, und wenn sie nicht bis Ende der Woche das Schulgeld überweist, wird Faustina fliegen. Manchmal hat sie Angst, dass Asamoah eine Weiße trifft. Dass er sie vergisst.

Manchmal erzählt Asamoah dem Pastor von seinen schlechten Träumen

»Ama, gedulde dich«, hat Asamoah gestern erst gesagt. »Alles wird gut.« Er weiß ja nicht, dass die Männer in der Nachbarschaft ihr hinterherpfeifen. Je länger Asamoah weg ist, umso anzüglicher werden ihre Sprüche. Ama bleibt im Haus und schaut viel fern. Sie sei dick geworden, sagt sie. Und ihre Töchter brauchten eine starke Hand. Die kleine Benedicta werde immer trotziger, und Faustina sei jetzt 17. Das Schlimmste wäre, wenn sie schwanger würde wie die anderen Mädchen im Viertel. Nachts liegt Ama oft wach. Sie ist jetzt 36, und im Kopf überschlagen sich die Fragen: Wann kommt ihr Mann endlich zurück?

 

Als Asamoah vor ein paar Tagen in der schmucklosen Harburger Mietskaserne saß, in der seine afrikanische Gemeinde ihre Gottesdienste feiert, standen seine Gedanken einen Moment lang still. Er vergaß die deutsche Frau, die ihm nicht zurückgeschrieben hat, und den Küchenchef der Dübelsbrücker Kajüt, der sich nicht meldet. Er vergaß die Sorge um Mary, die ihr Telefon seit Tagen nicht mehr abnimmt. Niemand weiß, ob ihr etwas zugestoßen ist, ob man sie festgenommen hat. Alles hängt an diesem kleinen Stück Papier. Philippe, der eine Duldung hat, konnte sich von seinem Tellerwäscherlohn in Benin ein Grundstück kaufen, und Anita Bah, die Schauspielerin, hat seit Kurzem einen deutschen Freund, der sie ermuntert, bei Casting-Agenturen vorzusprechen. Als Asamoah in der Kirche saß, vergaß er auch die Bank vor seinem Haus, an die er immer denkt. Auf seinem Schoß lag seine Lederbibel. Vorn auf der Bühne stand der schwere Pastor George und fuchtelte mit seinen Armen wie ein Rapper. 50 Leute folgten seiner lauten Stimme, Männer in Nadelstreifenanzügen, Frauen mit kunstvoll gewickelten Kopftüchern. Sie sangen, trommelten und klatschten, und dann standen alle nacheinander auf, um zu erzählen, was sie bewegt. Als Asamoah sich erhob, erzählte er von seinen schlechten Träumen. »Pastor«, fragte er, »warum lässt Gott das zu?«

»Wenn es uns schlecht geht«, sagte Pastor George, »dann will der Herr, dass wir ihn nicht vergessen.« – »Amen!«, riefen sie im Chor.

»Gott lässt euch leiden, weil er daran erinnern will, dass es auf Erden Wichtigeres gibt als Geld und Güter.« – »Amen.«

»Er will, dass ihr die Liebe nicht vergesst.« – »Amen!«, rief Asamoah. Er stieß es hervor wie einen Befehl.

* Namen von der Redaktion geändert

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Leser-Kommentare
  1. 1.

    Sie .... wisen wohl selber,was ich meine!
    Widerlich,diese saturierten Klugscheisser,die keinerlei echte Gefühle haben.
    Prof. Abraham Laibl

  2. Asamoah wird wohl wissen, dass er von Zeit-Journalisten interviewt wurde. Ama wird es auch wissen. Beide werden sie sich nicht die ZEIT kaufen. Aber andere, die auch von den Interviews wissen, werden es tun. Und dann erfährt Asamoah von Amas 'Geheimnissen', die sie ihm selbst erzählen wollte, und Ama erfährt von Asamoahs 'Geheimnissen'. Und die ZEIT war Schuld. Das verstehe ich nicht unter journalistischem Ethos.

  3. wie immer, wenn mal wieder ein Zeitjournalist in die Saiten greift, um die Schicksale afrikanischer Illegaler in Deutschland zu beschreiben. Das kommt jedes Mal gut an und hinterlaesst eine Menge Buerger, die nun gramzerfressen auf dem Sofa zitzen und meinen, sie waeren Schuld. Sind sie aber nicht. Der Herr Edwin ist naemlich ganz freiwillig hierher gekommen und kann auch ganz freiwillig wieder gehen.

  4. Bei dem Artikel sind mir echte Tränen gekommen,für einen Mann mit 64 nicht leicht!
    Was ist das für eine Schweine-Republik.Ich schäme mich ein Deutscher zu sein!!
    Aber nicht nur Neger werden hier ausgebeutet und niedergetrampelt,sondern auch biedere Hamburger Akademiker,die nach persönlichen Schicksalsschlägen für 3 Euro Taxi fahren müssen.Währenddessen hat das Grosskapital drängende Probleme zu lösen,zB. ob für den Vorstand Phaeton-Limusinen angeschafft werden sollen und Ähnliches.
    Wo leben wir eigentlich!?
    Professor Abraham Laibl

    • dojon
    • 14.03.2007 um 14:02 Uhr

    Die Welt ist halt überall wie sie ist. Wie heißt es so schön, besser im Stiefel als unter dem Stiefel. Ich kann mich nicht um alles kümmern, muß dazuschauen, daß ich nicht unter dem Stiefel lande. Traurige Betroffenheit ist was für die saturiert Abgesicherten mit Zusatzpension und ordentlichem Erbteil.

  5. Ein äußerst differenzierter Beitrag. Ich frage mich immer wieder, woher diese bedauerliche Polemik rührt, die viele Mitdiskutierende an den Tag legen.
    Sie haben natürlich Recht: Edwin ist freiwillig gekommen, und den deutschen Bürger trifft keine Schuld. Der deutsche Bürger aber trägt sowohl eine gesellschaftliche als auch eine menschliche Verantwortung. Wer fahrlässig in Kauf nimmt, dass illegale Einwanderer von der einheimischen Wirtschaft ausgebeutet werden, lebt bewusst im Einvernehmen mit verfassungswidrigen Umständen und sollte sich überlegen, mit welcher Rechtfertigung er sich einen deutschen Staatsbürger nennt.

  6. es muss doch in Hamburg genug gutsituierte Gutmenschen geben, die aus ihrer Portokasse dieses bittere Schicksal ausgebeuteter Illegaler beenden könnten???
    Was ist bloss mit Hamburg los? Jeder Gutmensch bürgt bzw. zahlt für einen Illegalen samt Familie den gesamten Unterhalt, Krankenkosten usw.
    Und das Problem ist gelöst!!!
    Keine Gutmenschen da? Schade.

  7. kein Zuckerschlecken in Hamburg doch kann er kaum erwartet haben dass er im Schlaraffenland landet als er sich auf den Weg nach Deutschland machte.Offenbar hat er als Illegaler Probleme und man muss sich wundern dass er ueberhaupt Arbeit gefunden hat auch wenn sie ziemlich mies bezahlt wird.Doch ich denke was immer er in D.erlebt ist besser als was er in seiner Heimat finden kann-also bleibt er und wurstelt sich weiter durch.Das wahre Problem ist doch dass die Armut in Entwicklungslaender die Leute nach Europa draengt und dort sollte man die Hebel ansetzen. Deutschland braucht nicht noch mehr Niedriglohn Arbeitsucher oder Leute,die vom Staat unterhalten werden muessen.In Ghana herrscht kein Krieg -also sind es ausschliesslich wirtschaftliche Gruende die ihn nach Deutschland trieben.

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