DIE ZEIT: Frau Göring-Eckardt, kennen Sie persönlich einen Armen? Katrin Göring-Eckardt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages BILD

Katrin Göring-Eckardt: Mehr als einen, ja. Eine Freundin von mir zum Beispiel ist Künstlerin. Sie arbeitet unheimlich viel, hat aber keine feste Anstellung oder Engagement. Für vieles, das zu einem ganz normalen Leben nötig ist, hat sie kein Geld.

ZEIT: Woran erkennt man arme Leute?

Göring-Eckardt: Manche, wie meine Freundin, haben zum Beispiel schlicht kein Geld für die Klassenreise ihrer Kinder, andere erkennt man daran, dass sie ungesund leben und aussehen.

ZEIT: Momentan werden viele Vorschläge für Kinder in prekären Verhältnissen gemacht, etwa die Bereitstellung neuer Krippenplätze. Was hilft wirklich?

Göring-Eckardt: Wir brauchen zwar eine bessere Kinderbetreuung, aber die aktuelle Diskussion ist typisch für Familienministerin Ursula von der Leyen: Sie macht Politik ausschließlich für die Mittelschicht. Neue Krippenplätze werden vermutlich vor allem von denen in Anspruch genommen, die berufstätig sind und Geld dafür haben. Natürlich kann für Kinder aus armen Familien ein Kita-Platz eine große Hilfe sein, aber das reicht nicht. Und solange vielerorts ein Kind aus dem Kindergarten rausfliegt oder gar nicht erst aufgenommen wird, wenn die Eltern arbeitslos sind, wird denen nicht geholfen, die es besonders dringend bräuchten.

ZEIT: Was fehlt also?

Göring-Eckardt: Man müsste stärker auf so etwas setzen wie Familienzentren, regionale Anlaufstellen für Kinder und Eltern mit genug Personal für intensive soziale Förderung – ähnlich wie die Early Excellence Centers, die Blair in England eingeführt hat. Dort gibt es Bildungsangebote und Hilfen für Eltern, die gar nicht mehr wissen, was Erziehung bedeutet.

ZEIT: Soll die Beratung zur Pflicht werden?

Göring-Eckardt: Nein, erst einmal sollten die Angebote so niederschwellig sein, dass die Betroffenen nicht fürchten müssen, sich als Verlierer zu outen. Für Fälle von echter Vernachlässigung gibt es die Jugendämter. Man könnte die Beratung zum Beispiel an den Bezug des Arbeitslosengeldes II knüpfen. Die Arbeitsagenturen müssten nicht nur danach fragen, wie jemand wieder arbeitsfähig wird, sondern, wo nötig, auch Angebote für Kinder machen, von musikalischer Früherziehung oder Sport bis zur Nachhilfe.

ZEIT: Ließe sich damit auch das Problem lösen, dass der Bund zwar bei der Kinderbetreuung mitreden will, für die Finanzierung aber weitgehend Länder und Kommunen zuständig sind?

Göring-Eckardt: Für die Arbeitsagentur ist der Bund mitzuständig, insofern kann hier mehr gestaltet werden als bei der Kinderbetreuung, die nur bei den Ländern und Kommunen liegt.

ZEIT: Die Familiendebatte wird momentan sehr emotional geführt. Die einen warnen vor DDR-Verhältnissen, andere halten das wiederum für reaktionär. Wie haben Sie selbst Ihre beiden kurz nach dem Ende der DDR in Ostdeutschland geborenen Söhne betreut?

Göring-Eckardt: Wir haben unseren ersten Sohn nicht in die Krippe geschickt. Der zweite hat das mit zwei Jahren ertrotzt, weil er unbedingt mit anderen Kindern spielen wollte und nicht immer nur mit mir – das war ihm wohl zu langweilig. Damals gab es noch Krippen mit sehr vielen Kindern pro Gruppe. Das Klischee, dass alle gleichzeitig auf den Topf gehen und mittags schlafen mussten, stimmte ja tatsächlich.

ZEIT: Das war Ihnen zu unpersönlich?

Göring-Eckardt: Mir war das zu sozialistisch. Alle sollten immer das Gleiche machen, es gab keine individuelle Förderung. Ich habe die Betreuung weitgehend mit Tagesmüttern, Freunden und geschickter Arbeitseinteilung organisiert.