Kirche Wir sind dann mal weg

Wie die deutschen Bischöfe auf ihrer ersten gemeinsamen Pilgerfahrt an die biblischen Stätten in Israel den Heiligen Geist suchten und sich selbst fanden.

Als Bus ist das Fahrzeug ein Qualitätsprodukt, als Vehikel zur inneren Einkehr ein Desaster. »Aircondition, TV, Video« verspricht die Aufschrift auf der Seite; das Letzte, was man sieht, immer wenn der Reisebus in einer Wolke aus rotem Sand verschwindet, ist der Schriftzug »Royal Class« über dem Mercedes-Stern – Königsklasse. Schaut es so also aus, wenn deutsche Bischöfe und Kardinäle in Israel auf Pilgerfahrt gehen? Nun könnte man einwenden, es handele sich überwiegend um ältere Herren, denen man die Sonne, den Dreck und die Strapazen des Heiligen Landes besser nicht ungefiltert zumuten sollte. Und ein bisschen Komfort kann unmöglich Sünde sein. Vor allem aber, sind sie nicht die Königsklasse der Katholiken in Deutschland? Wer so redet, kennt die deutschen Bischöfe schlecht.

»Richtiges Pilgern schaut anders aus!«, empört sich gleich am ersten Abend ein Bischof, der bekannt ist für sein soziales Engagement. »Sitzen ist nicht laufen – und wenn wir im Bus fahren, sitzen wir.« Schnell wird er grundsätzlich. »Auch die Kirche ist heute im Wesentlichen eine sitzende Kirche. Die Kirche ist nicht auf dem Weg zu den Menschen!« Der Bischof ist in Fahrt. »Gott kann man nicht im Sitzen erledigen! Was Jesus wollte, reißt von den Stühlen, wenn man’s denn ernst nimmt.« Und schon bald weiß der Zuhörer nicht mehr, spricht der erzürnte Bischof von der Pilgerschaft oder dem wirklichen Leben, von der aktuellen Reise oder der ewigen Kirche. »Wenn man sich wirklich in Bewegung setzen würde, das würde ja auch Dinge verändern.« Sein Vertrauen in die Mitbrüder, wie die Bischöfe einander nennen, scheint an diesem Punkt nicht sehr ausgeprägt. »Einfach mit dem Rucksack loslaufen, das wär’s«, schwärmt er, »aber da geht’s bei den Ersten schon los…« Fast erschrocken über seinen revolutionären Elan, biegt er auf den letzten Metern seiner Suada noch rasch in die Kurve der christlichen Nächstenliebe ein: »Aber wir wollen ja auch niemanden zurücklassen.«

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Zur Idee des Pilgerns gehört der Gedanke der Mühsal. Die Hitze körperlicher Anstrengung, so lehren es kirchliche und weltliche Ratgeber, befördert beim Pilgern (wie im Glauben) die Durchlässigkeit zwischen Außen- und Innenwelt: Die Wandlung im Äußeren findet eine Entsprechung im Inneren und umgekehrt. »Da müssen Häute platzen«, bringt es ein Bischof drastisch auf den Punkt, »Pilgern, das ist Hape Kerkeling.«

Kann man einen Kardinal an einem Clown messen? Der Fernsehkomiker Kerkeling hat mit Ich bin dann mal weg das meistverkaufte deutsche Buch des vergangenen Jahres verfasst. Er erzählt in einem Tonfall zwischen Flapsigkeit und Besinnlichkeit von seiner Pilgerschaft auf dem legendären Jakobsweg nach Santiago de Compostela in Nordspanien. Es ist weder besonders lustig noch besonders heilig, noch besonders gut geschrieben. Die meisten Bischöfe haben davon gehört, nur wenige es gelesen. Aber das Buch bringt auf den Punkt, was das Pilgern vom Wandern unterscheidet. Der Weg, sagt Kerkeling, stellt jedem Pilger dieselbe Frage: Wer bist du?

So gesehen, haben sich die 27 deutschen Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle auf ein Wagnis eingelassen, als sie beschlossen, ihre erste gemeinsame Auslandsreise eine Pilgerfahrt zu nennen. Als Oberdiener Gottes sehen die meisten ihren Beruf darin, Gewissheit zu vermitteln, den einfachen Gläubigen wie den einfachen Priestern und damit der Kirche selbst. Dafür werden sie mit allem Pomp ausgestattet, den eine 2000 Jahre alte Institution in ihrem Fundus bereithält, Gold, Brokat und Purpur. Doch in der Stärke liegt die Versuchung: Wer sich von Gott persönlich berufen fühlt; wer glaubt, die Wahrheit seines Wortes zu verkünden; wer dafür mit äußeren Insignien von Würde ausgestattet wird; wer schließlich eine Position der Macht in der katholischen Kirche errungen hat, der lebt in Gefahr. Leicht schlägt das Predigen vom Auserwählten um in einen falschen Glauben an die eigene Auserwähltheit. Als Pilger riskieren 27 Herren der Selbstgewissheit das Wagnis der Selbsterkenntnis.

»Pilgerfahrt, das klingt mir zu niedlich für diese Reise«, sagt ein Bischof angesichts der politisch aufgeladenen Bedeutung des Besuchs. Wie passt das katholische Wort vom »Heiligen Land« zu Israel und den besetzten Gebieten, zu Nahostkonflikt und Nazivergangenheit? Die Spannung zwischen geistlichen und politischen Zielen wird bis zum Ende der Reise bleiben. Die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem steht ebenso auf dem Programm wie ein Treffen mit Vertretern der israelischen und palästinensischen Führung. Viele Termine kreisen um die prekäre Situation der christlichen Minderheit in der Region. Christen sind hier meistens Palästinenser und darum doppelt bedrängt, in Israel von der jüdischen Mehrheitsgesellschaft, in den besetzten Gebieten von ihren muslimischen Nachbarn und der israelischen Armee. So notwendig diese Programmpunkte sind, so sehr bilden sie einen Wall aus Verpflichtungen, der zunächst kaum Lücken zu lassen scheint, auf dass sich das Unerwartete, das Wundersame entfalten kann und damit das Wesen einer Pilgerfahrt.

Leser-Kommentare
  1. ... ich bring nur scheinbar ab-wegi-ge Beispiele, die noch unerledigt am Wege dieser alt-römisch berockten Menschlein liegen, die mir aber einfallen, wenn Wanderungen oder politische Aussagen - oder ein Mindestniveau von Bildung und humanitärem und historischem und naturwissenschaftlchem Bewusstsein gefragt sind:

    Über Harriet Beecher-Stowe, die so aufrüttelnd, systemkritisch, die wirtschaftlichen Gewinne in Frage stellte; erfolgreich beim Volk in ihrem Buch übereinen Neger namens 'Oncle Tom', der in der BIBEL verzeichnet stehen könnte; musste die Heilige Inquisition entscheiden. – Der Verurteilung entging die evangelische Autorin nur knapp; der Unsinn wäre zu offenkundig gewesen. Etwas gegen die Sklaverei zu tun, fiel der Inquisition nicht ein.

    Hitlers „Mein Kampf“ – ja, der Schund wurde drei Jahre geprüft; der blödeste Rassismus ins Latein übersetzt; aber man wartete, bis Hitler als Reichskanzler sakrosankt schien. Diese Ahnungnen hatte der Nuntius in Berlin, der sowohl die Rosa Luxemburg als auch den Pralät Kaas kannte; und wen er am Leben halte wollte mit seiner Gunst, bis er Papst sei, war keine Frage.

    Dass der Anspruch auf die absolute Wahrheit und damit das Lese- und Denkverbot innerhalb der Kirche der eigentliche Unsinn war, durfte nie in Frage gestellt werden. Und jeder Priester muss sich mit seiner Unterwerfung unter die Gewalt des Bischofs, der ihn dann weiht und hegt und nährt und huldvoll wieder auswählt für höhere Befugnisse – ist der eigentliche Verzicht auf Aufklärung und Selbstverantwortung der Herrschaften im Katholen-Zismus.

    Da muss abundan ein Vorsitzender namens Lehmann seine vor Gepfühl schwätzenden Mit-Hirten zügeln.
    Weil es den Männlein an einer eignen Identität fehlt.
    Sie zeihen und ziehen sich jeweils so an, wie sie glauben, dass es von ihnen verlangt wird, nach diffusen Vorlagen.
    Söhne, die sie vom Sockel stürzen würden, haben sie nicht ausgewählt für die Prosternation.

    ... jackewieHose - wenn sie nicht nicht kleiden und verantorten können wie Menschen in irdischer Verantwortung!

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