Wie wird einer zum islamistischen Terroristen? Altmodisch, einprägsam und noch ganz frei von den koketten Melancholien und psychologischen Ambivalenzen des Westens, entfaltet der Roman Der Jakubijân-Bau des ägyptischen Schriftstellers und Zahnarztes Alaa al-Aswani ein balzacsches Panorama der ägyptischen Gesellschaft und beantwortet sehr präzise und anschaulich diese uns seit Langem brennend interessierende Frage. Ohne sich bei Nebensächlichem oder Subtilem allzu lange aufzuhalten, begleitet al-Aswani die Bewohner eines Kairoer Wohnhauses durch die entscheidenden und dramatischen Szenen ihres Lebens. Geschult am französischen Gesellschaftsroman und beeinflusst von Gabriel García Márquez und dem verstorbenen ägyptischen Nobelpreisträger Nagib Machfus, ist al-Aswani ein Realist alter Schule, der zeigen und nicht reden will, der ein Bild entstehen lassen, aber nicht deuten will. Oder zumindest so tun möchte, als könnte man das. ATTENTÄTER: Mohammed Atta im Flughafen Portland, am 11. September 2001 BILD

Wir sind in Ägypten zur Zeit des Golfkrieges, Hosni Mubarak regiert das Land seit einem Vierteljahrhundert durch eine Scheindemokratie, unter der alle, Arme und Reiche, Politiker und kleine Angestellte, bis in ihre Küchen und ihre Albträume hinein leiden. Die Reste einer europäisierten Oberschicht sind noch zu spüren und werden von der herrschenden Gewalt und Korruption weggespült. Im eindrucksvollen, zehngeschossigen Jakubijân-Bau, der 1934 im europäischen Stil errichtet wurde, leben kriminelle Neureiche, enteignete Adlige und französisierte Intellektuelle, die Reste der alten und der Bodensatz der neuen Elite, in weitläufigen Wohnungen.

Auf dem Dach, in eisernen Kammern, die ursprünglich als Abstellräume dienten, lebt der potenzielle terroristische Nachwuchs, Kinder ohne Schuhe, Arbeiter mit ihren Frauen und Taha, der begabte Sohn des Hausportiers, an dessen unaufhaltsamem Aufstieg zum islamistischen Terroristen wir eingeladen werden teilzunehmen. Einem Aufstieg, das macht die Architektur des Romans unmissverständlich, der nicht im Nebulösen des Menschlich-Allzumenschlichen zu suchen ist und den nur der versteht, der den Unterbau dieser Dachgesellschaft, der die Herrschaften in der Beletage, ein wenig näher kennengelernt hat.

Taha hat einfache Ziele. Er möchte auf die Polizeischule, und er möchte Buthaina aus der Eisenkammer von nebenan zur Frau. Er macht einen brillanten Schulabschluss und weiß auf alle Fragen bei der Aufnahmeprüfung in der Polizeischule eine Antwort. Aber Kinder aus der Eisenkammer kommen in diesem Teil der Erde nirgendwohin, die letzte Frage der Prüfungskommission, wer denn sein Vater sei, besiegelt sein Schicksal. Buthaina geht es nicht besser; nachdem ihr Vater gestorben ist, muss sie arbeiten gehen. Und arbeiten, das heißt für eine junge mittellose Frau in Ägypten offenbar, den männlichen Vorgesetzten in jedem Vor- oder Hinterzimmer im Rahmen islamischer Gepflogenheiten zu Willen zu sein und die Flecken im Kleid danach unauffällig zu entfernen. Die Dachterrassen-Liebe zwischen der missbrauchten Buthaina und dem abgewiesenen Polizeischüler hat keine Chance. Buthaina wird sich in einen alten, aber wohlerzogenen Beletagebewohner verlieben, der sein sexuelles Ausbeutergeschäft mit europäischen Manieren zu garnieren weiß. Und Taha wird die Liebe erst in einer arrangierten Ehe im islamistischen Ausbildungslager kennenlernen. Die einzige Liebe übrigens, die in diesem Roman ihrem Namen noch Ehre macht.

Natürlich könnte man Alaa al-Aswani, der in der Oppositionspresse gegen das Mubarak-Regime kämpft, den Vorwurf der Sozialkolportage machen, könnte die beschriebenen Missstände, die sexuelle Gewalt gegenüber Frauen, die Chancenlosigkeit der Unterschicht, die Korruption und Gewissenlosigkeit der Oberschicht, die Käuflichkeit der Politiker, die grauenhaften Folter- und Vergewaltigungsszenen in ägyptischen Gefängnissen (Zwischenfrage: Warum macht eigentlich überhaupt noch jemand in solchen Ländern Urlaub?) für übertrieben und zur Erklärung des islamistischen Terrorismus wenig dienlich halten. Man kann den sozialen Realismus solcher Lebensbilder ästhetisch für überholt, die beschriebene Kausalität zwischen Armut, Willkürherrschaft und religiöser Radikalisierung für zu einseitig und überhaupt den ganzen Roman für politisch hausbacken halten. Doch drastische Verhältnisse verlangen nach drastischen Darstellungen, im Dreißigjährigen Krieg wurden keine Duineser Elegien geschrieben, und Folterstaaten generieren keine Popromane.