Natürlich wissen die treuen Leser des amerikanischen Romanciers Louis Begley, dass Romane in der Regel keine umfrisierten Autobiografien sind. Es ist ihnen allerdings auch nicht entgangen, dass Begley fast all seine Romane entlang seiner eigenen Lebensgeschichte angesiedelt hat. Und am wenigsten haben sie übersehen, dass in Begleys fiktiver Beschäftigung mit dem eigenen Leben eine rätselhafte Lücke offen geblieben ist. Sie kennen Begleys romanhafte Umerfindung seiner Jahre als verstecktes und christlich getarntes jüdisches Kind im Polen des Holocaust (Lügen in Zeiten des Krieges, 1994).

Und sie kennen Begleys Romane nach seiner Verwandlung in einen wohlhabenden amerikanischen Rechtsanwalt: sechs erzählerische Variationen des äußerlich glamourösen und innerlich etwas tristen Lebens in »der Welt der oberen Zehntausend, die an der Ostküste der Vereinigten Staaten leben«. Unbekannt ist ihnen aber die Zeit dazwischen, in der sich der arme polnische Flüchtling in ein Mitglied der amerikanischen Oberklasse verwandelt hat. Diese Lücke füllt nun Ehrensachen, der achte Roman des inzwischen pensionierten 73-jährigen Autors.

Ehrensachen ist die Geschichte des polnisch-jüdischen Flüchtlings Henry White und seiner erfolgreichen Amerikanisierung. White findet aus den staatlichen Schulen der jüdischen Einwanderergegend Brooklyns ans private, vornehme und seinerzeit fast ganz unjüdische Harvard College. Er wird ein brillanter Altphilologe und nach Absolvierung der Harvard Law School ein ebenso brillanter Jurist. Er avanciert zum Mitglied und später zum Sozius einer schrecklich vornehmen Wall-Street-Kanzlei, in der Juden sonst eher nicht arrivieren. Gegen Ende des Romans lebt er in Paris, ist berühmt als Spezialist für vertrackte internationale Rechtsarrangements, bewohnt ein hinreißend stilvolles Apartment – er hat’s geschafft, könnte man meinen.

»Habe ich dir gesagt, dass ich mein Leben hasse?«

Da fragt er nach einer beruflichen Niederlage und privaten Zurückweisung in einem abgründigen nächtlichen Gespräch seinen besten Freund: »Habe ich dir gesagt, dass ich mein Leben hasse?« Alle Jahre habe er versucht, »als Nichtjude durchzugehen… Ich musste die Ketten loswerden, die mich zurückhielten: Krakau und den Morast der jüdischen Geschichte und des jüdischen Leids vor, in und nach dem Krieg. Das Ganze. Den ganzen Judismus.« Und dann fragt er weiter, was ihm die »Selbstverneinung« eingetragen habe, und antwortet selbst: »Nichts, Null, oder weniger als das. Schmach und Schande sind mein Lohn. Mein Judismus ist mir geblieben wie fauliger Atem. Ich lasse dieses verhasste Leben hinter mir. Ich verabschiede mich.«