Das gefährlichste Werkzeug eines Terroristen ist sein Kopf. Bomben kann man entschärfen, Attentate kann man verhindern, Verschwörungen aufdecken. Aber was im Kopf eines muslimischen Fundamentalisten passiert, der erst langsam entdeckt, dass er überhaupt einer ist, das ist selbst für den Fundamentalisten nicht einfach zu verstehen. ATTENTÄTER: Mohammed Atta im Flughafen Portland, am 11. September 2001 BILD

Der Tod ist für ihn die Verlängerung seines Denkens. Der Terror ist seine Antwort auf den Alltag. Der Hass ist seine Form der Güte. »Als Gesellschaft waren Sie und Ihresgleichen nicht bereit, über den geteilten Schmerz nachzudenken, der Sie mit denjenigen verband, die Sie angegriffen hatten«, sagt der Pakistaner Changez zu seinem stummen Gegenüber, einem Amerikaner, den er in einem Café in Lahore trifft; zu diesem Mann, dem er über Stunden und bis zum Schwinden des Tageslichts erzählt, wie er zum vermeintlichen Terroristen wurde; bevor er ihn, davon ist auszugehen, in die Falle lockt. »Ein solches Amerika«, sagt der junge, kluge, ehrgeizige, sanfte Changez, der es in Amerika schon ganz nach oben geschafft hatte, der die Liebe fand, bevor er seinen Hass entdeckte, von einem Augenblick auf den anderen, einfach so und doch mit allem Grund der Welt, »ein solches Amerika musste nicht nur im Interesse der übrigen Menschheit gestoppt werden, sondern auch in seinem eigenen.«

Es ist eine Art umgekehrte Verhörsituation, die Mohsin Hamid da inszeniert in seinem Roman Der Fundamentalist, der keiner sein wollte, eine fast beiläufige Plauderei inmitten des basarhaften Treibens von Lahore, ein Geständnis, das keines ist, ein Monolog von Changez, der Stipendiat in Princeton war, der bei einer der besten New Yorker Unternehmensberatungsfirmen arbeitete, den es in die Upperclass hob und der sich in die schöne, traurige Erica verliebte, die sich nicht vom Tod lösen konnte und so das Leben verspielte – all diese möglichen Motive, all diese psychologischen Erklärungen führt Hamid fast zu deutlich auf; um sie alle fallen zu lassen.

Denn es ist nicht verständlich, es ist nicht erklärbar, was im Kopf von Changez geschieht, nach jenem Tag im September, als er das sieht, was alle Welt sieht. »Ich sah mit an, wie einer – und danach der andere – der Zwillingstürme einstürzte. Und dann lächelte ich. Ja, so abscheulich es auch klingen mag, meine erste Reaktion war eine bemerkenswerte Freude.« Eine bemerkenswerte, in RAF-Zeiten hätte man gesagt eine klammheimliche Freude, die für manche den Schritt vom Sympathisanten zum Täter markiert. Aber Changez war gar kein Sympathisant, er wusste gar nichts von seinen Gefühlen, er ahnte nichts von seinem Hass bis zu jenem Tag im September, als er merkte, »mich ergriff die Symbolkraft dessen, die Tatsache, dass jemand Amerika so sichtbar in die Knie gezwungen hatte«.

Es ist fast, als habe jemand einen Schalter im Kopf von Changez umgelegt, so abrupt ist sein Wandel. Aber, und das erzählt Hamid in den klaren Monologen von Changez sehr genau: Langsam holt die Realität sein Ressentiment ein; nach und nach verstärkt sich eine Fremdheit, die Changez ignoriert und dabei all die Jahre unbewusst als Motor seines Aufstiegs genutzt hatte. Es liegt nicht zuerst, davon handelt dieser fast parabelhafte Roman, an den äußeren Bedingungen, dass jemand zum Extrem getrieben wird – manchmal reicht schon das fundamentale Faktum der Fremdheit an sich.