TerrorismusIm Kopf legt sich plötzlich ein Schalter um (II)

Wie der Wohlstand einen Fundamentalisten gebiert: Mohsin Hamid erzählt von einem Pakistaner, der es in die New Yorker Upperclass schaffte. von Georg Diez

Das gefährlichste Werkzeug eines Terroristen ist sein Kopf. Bomben kann man entschärfen, Attentate kann man verhindern, Verschwörungen aufdecken. Aber was im Kopf eines muslimischen Fundamentalisten passiert, der erst langsam entdeckt, dass er überhaupt einer ist, das ist selbst für den Fundamentalisten nicht einfach zu verstehen.

Der Tod ist für ihn die Verlängerung seines Denkens. Der Terror ist seine Antwort auf den Alltag. Der Hass ist seine Form der Güte. »Als Gesellschaft waren Sie und Ihresgleichen nicht bereit, über den geteilten Schmerz nachzudenken, der Sie mit denjenigen verband, die Sie angegriffen hatten«, sagt der Pakistaner Changez zu seinem stummen Gegenüber, einem Amerikaner, den er in einem Café in Lahore trifft; zu diesem Mann, dem er über Stunden und bis zum Schwinden des Tageslichts erzählt, wie er zum vermeintlichen Terroristen wurde; bevor er ihn, davon ist auszugehen, in die Falle lockt. »Ein solches Amerika«, sagt der junge, kluge, ehrgeizige, sanfte Changez, der es in Amerika schon ganz nach oben geschafft hatte, der die Liebe fand, bevor er seinen Hass entdeckte, von einem Augenblick auf den anderen, einfach so und doch mit allem Grund der Welt, »ein solches Amerika musste nicht nur im Interesse der übrigen Menschheit gestoppt werden, sondern auch in seinem eigenen.«

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Es ist eine Art umgekehrte Verhörsituation, die Mohsin Hamid da inszeniert in seinem Roman Der Fundamentalist, der keiner sein wollte, eine fast beiläufige Plauderei inmitten des basarhaften Treibens von Lahore, ein Geständnis, das keines ist, ein Monolog von Changez, der Stipendiat in Princeton war, der bei einer der besten New Yorker Unternehmensberatungsfirmen arbeitete, den es in die Upperclass hob und der sich in die schöne, traurige Erica verliebte, die sich nicht vom Tod lösen konnte und so das Leben verspielte – all diese möglichen Motive, all diese psychologischen Erklärungen führt Hamid fast zu deutlich auf; um sie alle fallen zu lassen.

Denn es ist nicht verständlich, es ist nicht erklärbar, was im Kopf von Changez geschieht, nach jenem Tag im September, als er das sieht, was alle Welt sieht. »Ich sah mit an, wie einer – und danach der andere – der Zwillingstürme einstürzte. Und dann lächelte ich. Ja, so abscheulich es auch klingen mag, meine erste Reaktion war eine bemerkenswerte Freude.« Eine bemerkenswerte, in RAF-Zeiten hätte man gesagt eine klammheimliche Freude, die für manche den Schritt vom Sympathisanten zum Täter markiert. Aber Changez war gar kein Sympathisant, er wusste gar nichts von seinen Gefühlen, er ahnte nichts von seinem Hass bis zu jenem Tag im September, als er merkte, »mich ergriff die Symbolkraft dessen, die Tatsache, dass jemand Amerika so sichtbar in die Knie gezwungen hatte«.

Es ist fast, als habe jemand einen Schalter im Kopf von Changez umgelegt, so abrupt ist sein Wandel. Aber, und das erzählt Hamid in den klaren Monologen von Changez sehr genau: Langsam holt die Realität sein Ressentiment ein; nach und nach verstärkt sich eine Fremdheit, die Changez ignoriert und dabei all die Jahre unbewusst als Motor seines Aufstiegs genutzt hatte. Es liegt nicht zuerst, davon handelt dieser fast parabelhafte Roman, an den äußeren Bedingungen, dass jemand zum Extrem getrieben wird – manchmal reicht schon das fundamentale Faktum der Fremdheit an sich.

Der Terror also nahezu als anthropologische Konstante. Hamid versucht ihn noch in Begleitumstände einzukleiden. Rückblickend erkenne er nun, sagt Changez, dass seine Situation eine gewisse Symmetrie hatte: »Ich spürte, dass ich in New York in genau die soziale Schicht eintrat, aus der meine Familie in Lahore zunehmend herausfiel.« Dass er sich trotzdem mehr und mehr verweigert, dass er lieber im Internet studiert, wie Amerika den Atomkonflikt zwischen Pakistan und Indien schürt und nutzt, dass er sich einen Bart wachsen lässt, universelles Zeichen einer geistigen Bruderschaft? »Vielleicht war es für mich eine Form des Protests, ein Symbol meiner Identität«, sagt Changez, »meine genauen Beweggründe sind mir entfallen. Ich wusste nur, dass ich mich nicht der Armee glatt rasierter junger Männer, die meine Mitarbeiter darstellten, anpassen wollte und dass ich im Innern aus einer Vielzahl von Gründen zutiefst zornig war.«

Es bleibt verschwommen, was Changez nach seiner Rückkehr nach Pakistan getan hat. Und diese Unklarheit bei gleichzeitig größtmöglichem Realismus ist eine der Stärken dieses Romans, sowohl literarisch in der schwebenden Vagheit, in der er die Figuren wie den Leser lässt, als auch politisch in der Verweigerung aller leitartikelnden Erklärungsstammelei. Mohsin Hamid, der selbst in Princeton und Harvard Jura studiert hat und heute nicht mehr in New York lebt, der Stadt, das wird im Roman deutlich, die er so sehr liebt, sondern in London, wo es sich immer noch freier atmen lässt, Hamid also ist die rare Innenansicht eines Mannes gelungen, der alles hatte, um seine Fremdheit zu verdrängen; der klug genug war, sein Dilemma zu reflektieren; der willensstark war; und der sich doch dem Strudel überlässt, der die Gegenwart ist, die älter und undurchdringlicher ist, als sie scheint.

Am Ende sieht sich Changez als einer der Janitscharen, die seit dem 14. Jahrhundert zu den Elitesoldaten des Osmanischen Reichs gehörten. Es ist eine alte Schlacht, die hier geschlagen wird. Und trotz allem, das ist die paradoxe Wahrheit des Romans, eine Wahrheit, die kein noch so opulentes Gesellschaftspanorama in dieser Konsequenz vemitteln kann, trotz allem stimmt der Satz, den Changez gleich zu Beginn sagt. »Ich liebe Amerika.«

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Der Fundamentalist, der keiner sein wollteBelletristikRoman; a. d. Engl. v. Eike SchönfeldMohsin HamidBuchHoffmann und Campe2007Hamburg17,95192
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Leserkommentare
  1. 'Terror als anthropologische Konstante' - das ist gefährlicher Schwachsinn, der vergebliche Versuch, die gegenwärtige Kriegsführung des Pentagon als menschlich normal und quasi naturgegeben zu verkaufen. Denn was ist 'Shock and Awe' - die offizielle Kurzformel für die Aktivitäten des Pentagon - anderes als Terror? Es gibt eine anthropologische Alternative zu dieser Philosophie, heroisch ist heutzutage, wer sich nicht provozieren läßt und eben nicht zum Terroristen wird.

  2. aber macht sich jemand derartig weise Gedanken, wen z.B. ein argeitsloser Ingenieur von 48 Jahren, der in dieser Gesellschaft nur noch hochqualifizierter menschlicher Müll ist, in seinem Kopf 'mal einen Schalter umlegt' ?

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