Infektionen Wettlauf mit dem Virus

Der deutsche Kampf gegen den Erreger der Influenza wird von Berlin aus geführt. Ein Besuch bei den Grippefahndern.

Das kranke Mädchen ist gerade vier Monate alt. Die Mutter brachte es vor wenigen Tagen zu Kerstin Weber. Mit dem Aufzug waren die beiden in den vierten Stock des Ärztehauses geruckelt, das Kind in eine Decke gehüllt, die Mutter voller Sorgen. Schauen Sie, erzählte sie im Sprechzimmer der Praxis, mein Kind hat Fieber, kein hohes, und Husten, aber nur ein bisschen. Ist das die Grippe? Weber hörte das Herz des Babys ab, die Lunge, den Bauch. Sie schaute ihm in die Augen und in den Rachen. Er war nicht rot.

Kerstin Weber ist Ärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin im Bezirk Spandau im Westen Berlins. Hier fahren die S-Bahnen nur noch zurück, gegenüber der Praxis wirbt ein Billigbestatter, die meisten Patienten sprechen wenig Deutsch. Normalerweise, sagt Weber, habe es die Grippe eilig: Kaum eingeatmet, setzen sich die Influenzaviren in den Schleimhautzellen der Bronchien fest und vermehren sich so rasch, dass hohes Fieber den Körper von einem Tag auf den anderen erhitzt. Dazu kommt ein trockener Husten, aber kein Schnupfen. Viele fühlen sich elend. »Da legen sich die Kinder dann bei mir freiwillig auf die Liege.«

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Bei dem kleinen Mädchen war das anders, und dennoch hatte die Ärztin ein komisches Gefühl. Deshalb hat sie einen Tupfer genommen und damit am Rachen das Babys entlanggestrichen. Sie hat den Tupfer in ein langes Röhrchen gesteckt und das Röhrchen in ein kleines braunes Päckchen. Darauf stand: Biologischer Stoff, Kategorie B; medizinisches Untersuchungsgut. Frankiert mit zwei Euro zwanzig, adressiert an: Robert-Koch-Institut, Nationales Referenzzentrum für Influenza, 13353 Berlin.

Dort, ein paar Kilometer von Spandau entfernt, direkt an einem Schifffahrtskanal, stapelt sich von Anfang Dezember bis Ende März im Namen der weltweiten Sicherheit regelmäßig der repräsentative Rotz einer ganzen Nation. Er kommt aus Bayern und Schleswig-Holstein, aus Großstädten und aus Dörfern, vom Kinderarzt und vom Allgemeinmediziner. 150 ausgewählte Ärzte der Arbeitsgemeinschaft Influenza aus allen Regionen Deutschlands schicken während der Grippesaison Abstriche von Patienten mit Verdacht auf eine Influenza ein. Derzeit sind es immer fast 150 Pakete, die morgens kurz vor neun auf einem Postwagen im Neonröhrenlicht durch die Gänge des Zweckbaus geschoben werden.

Deutschland hustet und keucht, liegt matt im Bett und misst Fieber, Deutschland hat Grippe – und das Nationale Referenzzentrum beobachtet sie ganz genau. Denn das Influenzavirus ist gemein, seine Oberfläche ändert sich ständig. Dadurch gelingt es ihm immer wieder, die Abwehrkräfte des Körpers zu täuschen. Die Antikörper erkennen es nicht mehr, deshalb muss die Zusammensetzung des Impfstoffs jedes Jahr erneuert werden. Also werden überall auf der Welt die Viren in der Spucke isoliert, analysiert, identifiziert und miteinander verglichen. Und in Berlin ist an diesem Tag auch das taschenbuchgroße Paket des kleinen Mädchens aus Spandau dabei. Es hat jetzt keinen Namen mehr, sondern nur noch eine Nummer, die Eingangsnummer 2159.

»Für uns ist das nur eine Probe«, sagt Brunhilde Schweiger. Die Patienten sind hinter den Nummern verschwunden. Die Biologin leitet das Nationale Referenzzentrum für Influenza seit zehn Jahren, trägt ein Tuch im hochgesteckten Haar und ist freundlich, aber bestimmt. Denn hier geht es zwar auch um Menschen, aber vor allem um die Viren. Kleine runde Dinger, die unter dem Elektronenmikroskop aussehen, als hätte sie jemand mit Spikes gespickt. »Und wir«, sagt Schweiger, »wollen ihnen so schnell wie möglich auf die Schliche kommen.«

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