Bevor die größte venezolanische Telefongesellschaft Compaña Anónima Nacional Teléfonos de Venezuela oder kurz CANTV 1991 in private Hände überging, mussten die Kunden im Durchschnitt acht Jahre auf einen Telefonanschluss warten. CANTV hatte mehr als 24000 Arbeiter und Angestellte und schrieb dicke Verluste.

Unter der Kontrolle des US-Telekomriesen Verizon ist das Personal zwar auf 8000 Personen geschrumpft, aber das Unternehmen arbeitet rentabel, und die Zahl der Festanschlüsse hat sich verdoppelt. Zudem ist CANTV der zweitgrößte Mobiltelefonanbieter des Landes und beherrscht den Internetmarkt fast völlig.

Aus wirtschaftlicher Sicht, so viel steht also fest, gibt es für die von Präsident Hugo Chávez betriebene Wiederverstaatlichung von CANTV absolut keinen Grund. Dasselbe gilt für die Nationalisierung des effizienten Stromverteilers Electricidad de Caracas (Elecar). Auch die formale Aufhebung der Zentralbank-Autonomie in dem ohnehin von hoher Inflation geplagten Venezuela ergibt ökonomisch keinen Sinn.

Doch Chávez, der sich wahlweise in der Nachfolge des südamerikanischen Befreiungshelden Simón Boløvar, des legendären argentinischen Generals Juan Domingo Perón oder sogar von Jesus sieht, geht es nicht um wirtschaftlich rationale Argumente. Vielmehr nimmt mit den jüngst verkündeten Maßnahmen das von Chávez seit Jahren beschworene Mantra eines »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« klare Formen an.

Dabei stellt sich heraus, dass sich das von dem Venezolaner angestrebte System nicht wesentlich vom kubanischen Sozialismus des 20. Jahrhunderts unterscheidet: Es geht um eine Umverteilung der Ressourcen von den Reichen zu den Armen und um die Konzentration der wirtschaftlichen und politischen Macht in der Hand einer Person: des Präsidenten Hugo Chávez. Die demokratische Grundrechte werden diesem Ziel untergeordnet. Die private Wirtschaft wird in eine enge Zwangsjacke gepresst.

Das aus Chávez Sicht stimmige Konzept hat nur einen Schönheitsfehler: Venezuela ist unter seiner Ägide noch abhängiger als vorher von Ölexporten in die Vereinigten Staaten, dem imperialistischen Erzfeind, geworden. Verkaufte Venezuela vor Chávez erst rund 45 Prozent seines Öls an den großen Nachbarn im Norden, so sind es heute 60 Prozent. Und für die USA ist Venezuela ein wichtiger Energielieferant.

Venezuela und die USA sind durch das Öl voneinander abhängig