Großen Anklang fand vor drei Jahren Wibke Bruhns Halberstädter Familienrecherche Meines Vaters Land. Der Vater, Hans Georg Klamroth, zählte zu den Männern, die nach dem 20. Juli 1944 vom Volksgerichtshof abgeurteilt und gehenkt wurden. Jahrzehnte später sah ihn die Tochter wieder, in Dokumentaraufnahmen, vor dem geifernden Blutrichter Freisler. Das Buch zoomte packend zwischen Privat- und Zeitgeschichte und bezeugte die Ambivalenz des nationalkonservativen Widerstands.

Viele der Märtyrer waren ja Hitler lange gefolgt.

Die Fernsehdokumentation zum Buch machte die großbürgerlichen Klamroths zu den »Buddenbrooks von Halberstadt« und promovierte Wibke Bruhns zur Althalberstädter Kronzeugin. Das ist ein bisschen ungerecht. Das Amt gebührte eher ihrer älteren Schwester, Sabine Klamroth, die seit der Wende wieder in Halberstadt wohnt und durch die Meines Vaters Land jetzt eine höchst verdienstvolle Weiterung erfahren hat.

Halberstadt war ein Zentrum des deutschen Judentums. Die jüdische Gemeinde umfasste etwa zehn Prozent der Bevölkerung und brachte bedeutende Gestalten hervor: Berend Lehmann, den Bankier und Hoffaktor Augusts des Starken, den Reformrabbiner Israel Jacobson, die Metallunternehmer-Dynastie Hirsch Sabine Klamroth unternimmt es, diese versunkene Geschichte heraufzurufen. Sie zeichnet feinstrichige Familienporträts, sie befragt letzte Zeitzeugen, sie sichtet Hinterlassenschaften, sie beschreibt jüdische Bräuche und Feste, sie imaginiert mit nachholender Empathie. Gleich eingangs bittet die Autorin jüdische Leser »um Nachsicht mit meinen dilettantischen Bemühungen, ihr altes Volk zu verstehen«. Den Gojim erklärt ein Glossar, was Broche, Mizwa, Tefillin bedeutet.

Die Halberstädter Gemeinde war streng orthodox, »ein Bollwerk gegen die modernen Strömungen, die von der jüdischen Aufklärung, der Haskala, ausgingen. () Sie zahlte dafür einen hohen Preis nämlich den der fortgesetzten gesellschaftlichen Abschottung gegen die nichtjüdische Bevölkerung, in deren Mitte sie lebte.« Fortwährend hinderten Religionsvorschriften den unbefangenen Umgang.

Wirtschaftlich waren die Bande eng, bis Hitler kam. Danach begannen auch hier Schikane und Exodus.

Als Todestag des alten Halberstadt gilt der 8. April 1945. Zweihundert amerikanische Bomber legten das »Rothenburg am Harz« in Schutt und Asche. Zweitausend Menschen starben. Aber drei Jahre zuvor mussten sich auf dem Domplatz die 160 verbliebenen Juden zum Abtransport sammeln. Die Gottesdienst-Christen sahen es, der Pöbel johlte, als die traurige Prozession zum Bahnhof zog. Ein Anonymus knipste und schrieb auf die Rückseite seines verwackelten Bilds: »Auszug der Kinder Israel«. Sabine Klamroth weiß die Schemen zu benennen: Golda Hildesheimer, Ida Baer, Gerda und Jutta Berliner