Eine Welt ohne Eisbären? Eine Erde ohne Urwald? Eine Landkarte ohne Bangladesch, weil es im Meer versunken ist? Unvorstellbar, bis vor Kurzem. Jetzt kommen täglich Indizien aufs Tapet, dass die Zukunft bitter wird – nicht nur wegen des bevorstehenden Klimawandels, sondern auch deshalb, weil die Menschheit wächst. Zu den 6,6 Milliarden Menschen, die das Raumschiff Erde heute bevölkern, werden bis zum Jahr 2050 rund 2,4 Milliarden hinzukommen. Illustration: Smetek für DIE ZEIT BILD

Neun Milliarden Menschen werden dann anständig essen und wohnen wollen, werden dem Boden mehr Nahrung abringen und werden noch mehr Abgase im Himmel deponieren wollen. Zwar wird sich die Menschheit den Prognosen nach in den folgenden Jahrzehnten kaum noch vergrößern, aber bis 2050 reist sie durch eine ökologische Gefahrenzone ohne Beispiel.

Die Weltwirtschaft lebt schon heute ökologisch auf Pump. Mit jedem Tag werden fossile Rohstoffe und Wasser knapper, verdorrt Boden, verschwinden Tier- und Pflanzenarten für immer. Die Ursache ist immer dieselbe: Ein wachsender Teil der Menschheit beansprucht Wohlstand ohne Rücksicht auf natürliche Grenzen.

Aus Schornsteinen und Auspuffen entweichen jedes Jahr viele Milliarden Tonnen CO2, und es werden unaufhörlich mehr. Im schneller Folge kommt es auf dem Planeten zu Stürmen, Dürren, Überflutungen. Klimaforscher mahnen, dass die Menschheit ihren CO2-Frevel bis 2050 drastisch einschränken müsse. Sonst werde der Planet seine Bewohner nicht mehr ertragen – und ihnen schrittweise die Grundlage ihres Lebens wieder entziehen.

Um der Katastrophe zu entgehen, sagen die Experten, müssten die Menschen jetzt über ihren langen Schatten springen – und schnell ihr Verhalten ändern. Eine gigantische Herausforderung für jeden Einzelnen und für das Kollektiv: Die Zukunft zu retten ist anspruchsvoll und anstrengend und nicht zuletzt auch eine Sache des Verzichts.

Neue Technik kann bei dem notwendigen Umbau helfen, der Markt kann für Effizienz sorgen und der demokratische Staat Anreize zum ökologischeren Leben geben. Aber das wird nicht genügen. Jenseits der Nationalstaaten und der Freiheit des Marktes sind außergewöhnliche Antworten verlangt.

Es wird ernst. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, der Klimawandel bedrohe die Menschheit mindestens so sehr wie Kriege. Und Lester Brown, Leiter des Earth Policy Institute in Washington, hält eine »Mobilisierung wie in Kriegszeiten« für unvermeidlich. Die Erderwärmung bedroht nicht nur den menschlichen Lebensraum, sie bedroht auch Freiheit und Demokratie.

Immerhin, wenigstens ist jetzt Schluss mit der kollektiven Bewusstlosigkeit. Immer höher schlagen gegenwärtig die Erregungswellen. 1972 präsentierte der Club of Rome seine Studie über die Grenzen des Wachstums. 1992 riefen die Vereinten Nationen sämtliche Staats- und Regierungschefs zum Erdgipfel nach Rio de Janeiro. 1997 verpflichteten sich in Kyoto rund drei Dutzend Industrienationen dazu, ihren Energieverbrauch zu begrenzen.

Die Bürger und die Unternehmen nahmen von alledem Notiz – um dann aber wie gewohnt weiterzuwirtschaften. Das scheint sich nun zu ändern. Derzeit verursacht der weltweit immer stärker spürbare Klimawandel eine Betroffenheit ohnegleichen. Wichtiger noch: Es zeigt sich eine echte Bereitschaft zum Handeln.

88 Prozent der Deutschen wollen zwecks Klimaschutz weniger Strom verbrauchen, ergab eine aktuelle Umfrage; 80 Prozent haben vor, sich sparsamer fortzubewegen. Bei Discountern von Wal-Mart bis Lidl kommt das Angebot an Bionahrung der Nachfrage kaum hinterher.