Widerstandsbewegung Der beste Kopf

Zum 100. Geburtstag Helmuth James von Moltkes ist eine Biografie erschienen. Leider bleibt sie hinter den Erwartungen zurück.

In Ruth Andreas-Friedrichs Tagebuch Der Schattenmann taucht er einmal auf, unter dem Datum des 11. Oktober 1942. Ein Kreis von Hitler-Gegnern hat sich eingefunden und debattiert über Möglichkeiten, der Naziherrschaft ein Ende zu bereiten. »In einer Ecke sitzt, still in den Sessel zurückgelehnt, ein ernster Mann. Betrachtet aus großen Augen aufmerksam jeden Anwesenden. Er spricht wenig. Mischt sich kaum in die leidenschaftliche Unterhaltung… ›Wer war der Herr?‹ erkundigte ich mich, als der schweigsame Unbekannte sich früher als alle anderen verabschiedet hat. ›Moltke. Graf Helmuth von Moltke. Unser bester Kopf.‹«

Der »beste Kopf« des deutschen Widerstands gegen Hitler – das war Helmuth James von Moltke, der vor 100 Jahren, am 11. März 1907, auf dem Familiengut im schlesischen Kreisau geboren wurde, in der Tat. Von Anfang an war er, anders als die meisten Mitglieder des bürgerlich-konservativen Widerstands, ein kompromissloser Gegner des Nationalsozialismus. Und er war der Spiritus Rector des sogenannten Kreisauer Kreises, einer Widerstandsgruppe, die sich wie keine zweite in einem jahrelangen mühevollen Diskussionsprozess auf ein detailliertes Programm für eine Neuordnung Deutschlands nach Hitler verständigte.

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Den »schweigsamen Unbekannten« haben wir mittlerweile kennengelernt – in einer Publikation, in der er sich als überaus beredt und mitteilsam erweist: in den Briefen an Freya von Moltke aus dem Zweiten Weltkrieg. Fast täglich schrieb Moltke – seit September 1939 als Experte für Völkerrechtsfragen zur Abteilung Ausland/Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht in Berlin eingezogen – an seine Frau, die sich während des Krieges mit den beiden kleinen Söhnen in Kreisau aufhielt. Diese Briefe, die Freya von Moltke nach der Verhaftung ihres Mannes im Januar 1944 in den Bienenstöcken versteckte und über das Kriegsende hinaus retten konnte, hat Beate Ruhm von Oppen 1988 ediert: Briefe an Freya 1939–1945; C. H. Beck, Neuausgabe in der beck’schen reihe, 2007). Sie sind ohne Zweifel eines der bedeutendsten Zeugnisse des deutschen Widerstands, weil sie direkten Einblick geben in die Gedankenwelt Helmuth James von Moltkes und seinen täglichen Kampf gegen das Regime.

»Wer Helmuth kennenlernen will, muss seine Briefe lesen«, hat Freya in ihrem kleinen, schönen Memoirenband Erinnerungen an Kreisau 1930–1945 (C. H. Beck, zuerst 1997) bemerkt. Wer das Milieu kennen lernen will, in dem Moltke aufwuchs, der muss die Briefe seiner Mutter Dorothy lesen – Tochter des Obersten Richters der Südafrikanischen Union, Sir James Rose Innes, die es eher aus Zufall nach Kreisau verschlagen hatte. Sie war eine liberale, tolerante Frau, die sich in deutlicher Distanz zur konservativ-patriarchalischen Welt der preußischen Junker hielt. In den Briefen an ihre Eltern, die wiederum Beate Ruhm von Oppen herausgegeben hat (Ein Leben in Deutschland. Briefe aus Kreisau und Berlin; C. H. Beck, 1999) berichtete sie nicht nur über die Entwicklung der fünf Kinder, besonders ihres Erstgeborenen Helmuth James, der ihr die »größte Freude der Welt« war, sondern auch über die politischen Verhältnisse in Deutschland, an denen sie weniger Gefallen fand. Ohne den Einfluss der Mutter, das machte diese Publikation deutlich, wäre der konsequente Weg des Sohnes in den Widerstand kaum denkbar gewesen.

An persönlichen Zeugnissen über Helmuth James von Moltke herrscht also kein Mangel. Ebenso wenig an wichtigen Dokumenten des Kreisauer Kreises, die seit der ersten großen Untersuchung von Ger van Roon von 1967 (Der Kreisauer Kreis in der deutschen Widerstandsbewegung) Stück für Stück ans Tageslicht kamen. Aber auf eine große Biografie Moltkes mussten wir bislang warten. Hat Günter Brakelmann sie nun geschrieben?

Der Autor, der als Theologe und Historiker an der Ruhr-Universität in Bochum lehrte, hat sich in zwei Bänden mit biografischen Skizzen und Texten zum Kreisauer Kreis als emsiger Kompilator, aber nicht gerade als begabter Schreiber ausgewiesen. Und darin liegt im Grunde auch das Problem seiner Moltke-Biografie. Sie ist solide gearbeitet, schöpft fleißig aus den Quellen, doch fehlt ihr jeder schriftstellerische Ehrgeiz.

Glanz gewinnt das Buch nur durch die Zeugnisse von Moltke selbst. Dabei hatte der Autor das Glück, dass ihm Freya von Moltke zum ersten Mal auch jene bisher unveröffentlicht gebliebenen Briefe zur Einsicht gab, die ihr Mann während der Haft im KZ Ravensbrück von Februar bis September 1944 schrieb, dazu ein Tagebuch, das er damals führte. Diese Dokumente zeigen, wie intensiv der »Schutzhäftling« sich der Bibel-Lektüre widmete und welche Kraft er daraus bezog. Die Hinwendung zur Religion, die Brakelmann bereits seit Kriegsbeginn bei Moltke konstatiert – hier fand sie wirklich erst in einem ganz existenziellen Sinne statt. Ansonsten bleiben die Briefe und Aufzeichnungen aus Ravensbrück wenig aussagekräftig, weil sich Moltke natürlich wegen der Zensur Zurückhaltung auferlegen musste.

Am besten gelungen sind dem Autor noch die ersten Abschnitte über das Herkunftsmilieu und die letzten Kapitel, in denen Haft, Prozess und Hinrichtung geschildert werden. Am schwächsten sind die Partien über den Widerstand, die doch eigentlich das Herzstück dieser Biografie hätten sein sollen. Über weite Strecken liefert Brakelmann eine Aneinanderreihung von Zitaten, die mit kurzen verbindenden Texten versehen werden. Die Folge dieser positivistischen Praxis ist, dass er nicht selten Urteile Moltkes einfach übernimmt, ohne sie geprüft zu haben. So bleibt die Bemerkung im Brief vom 4. September 1939: »Wir sind ganz einfach in diesen Krieg gestolpert« unkommentiert. Offensichtlich scheut der Autor die Feststellung, dass sich auch Moltke – bei aller bewunderswerten Hellsichtigkeit – gelegentlich irren konnte. So heißt es über Werner Best, den Reichsbevollmächtigten in Dänemark, den Moltke im Oktober 1943 in Kopenhagen traf: »Best ist kein schlechter Mann, er ist jedenfalls klug.« Spätestens nach der Best-Biografie Ulrich Herberts dürfte ein solches Urteil nicht kommentarlos durchgehen.

Gravierender ist, dass Brakelmann mit seiner die Quellen lediglich kompilierenden statt analysierenden Methode wesentliche Fragen, die eine Moltke-Biografie beantworten müsste, gar nicht richtig in den Blick bekommt. Wie wurde Moltke, wie wurden aber auch andere Mitglieder des Kreisauer Kreises mit der schwierigen Doppelrolle fertig, einerseits eine Funktion innerhalb des Regimes auszuüben und andererseits ebendieses Regime zu bekämpfen? Welche praktischen Probleme brachte die konspirative Arbeit angesichts des zunehmenden Naziterrors und des immer heftigeren Bombenkrieges mit sich? Welche Punkte in den Neuordnungsplänen der Kreisauer waren zukunftsfähig, welche nicht? Auf welchen Wegen erfuhr Moltke von den Massenverbrechen, von Holocaust und Vernichtungskrieg? Der Name Hans Deichmanns, des Bruders von Freya, fällt zwar einmal, doch dass er es war, der als Angestellter der IG-Farben wichtige Informationen über den Komplex Auschwitz lieferte, wird verschwiegen.

Über die meisten Mitglieder des Kreisauer Kreises erfährt man wenig. Ihr Anteil an der Formulierung des Programms zur Neuordnung Deutschlands bleibt undeutlich. Die Rolle der Frauen im Widerstandskreis wird sträflich vernachlässigt. Das gilt selbst für Freya von Moltke, deren Bild erstaunlich blass geraten ist.

Kurzum: Das ist nicht die Darstellung, die eine der wenigen wirklichen Lichtgestalten des deutschen Widerstands verdient hätte. Auf die große Biografie Helmuth James von Moltkes müssen wir weiter warten.

Helmuth James von MoltkePolitisches Buch1907–1945. Eine Biografie; Abb.,Günter BrakelmannBuchVerlag C. H. Beck2007München24,90432
 
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