Widerstandsbewegung Der beste KopfSeite 2/2

Glanz gewinnt das Buch nur durch die Zeugnisse von Moltke selbst. Dabei hatte der Autor das Glück, dass ihm Freya von Moltke zum ersten Mal auch jene bisher unveröffentlicht gebliebenen Briefe zur Einsicht gab, die ihr Mann während der Haft im KZ Ravensbrück von Februar bis September 1944 schrieb, dazu ein Tagebuch, das er damals führte. Diese Dokumente zeigen, wie intensiv der »Schutzhäftling« sich der Bibel-Lektüre widmete und welche Kraft er daraus bezog. Die Hinwendung zur Religion, die Brakelmann bereits seit Kriegsbeginn bei Moltke konstatiert – hier fand sie wirklich erst in einem ganz existenziellen Sinne statt. Ansonsten bleiben die Briefe und Aufzeichnungen aus Ravensbrück wenig aussagekräftig, weil sich Moltke natürlich wegen der Zensur Zurückhaltung auferlegen musste.

Am besten gelungen sind dem Autor noch die ersten Abschnitte über das Herkunftsmilieu und die letzten Kapitel, in denen Haft, Prozess und Hinrichtung geschildert werden. Am schwächsten sind die Partien über den Widerstand, die doch eigentlich das Herzstück dieser Biografie hätten sein sollen. Über weite Strecken liefert Brakelmann eine Aneinanderreihung von Zitaten, die mit kurzen verbindenden Texten versehen werden. Die Folge dieser positivistischen Praxis ist, dass er nicht selten Urteile Moltkes einfach übernimmt, ohne sie geprüft zu haben. So bleibt die Bemerkung im Brief vom 4. September 1939: »Wir sind ganz einfach in diesen Krieg gestolpert« unkommentiert. Offensichtlich scheut der Autor die Feststellung, dass sich auch Moltke – bei aller bewunderswerten Hellsichtigkeit – gelegentlich irren konnte. So heißt es über Werner Best, den Reichsbevollmächtigten in Dänemark, den Moltke im Oktober 1943 in Kopenhagen traf: »Best ist kein schlechter Mann, er ist jedenfalls klug.« Spätestens nach der Best-Biografie Ulrich Herberts dürfte ein solches Urteil nicht kommentarlos durchgehen.

Gravierender ist, dass Brakelmann mit seiner die Quellen lediglich kompilierenden statt analysierenden Methode wesentliche Fragen, die eine Moltke-Biografie beantworten müsste, gar nicht richtig in den Blick bekommt. Wie wurde Moltke, wie wurden aber auch andere Mitglieder des Kreisauer Kreises mit der schwierigen Doppelrolle fertig, einerseits eine Funktion innerhalb des Regimes auszuüben und andererseits ebendieses Regime zu bekämpfen? Welche praktischen Probleme brachte die konspirative Arbeit angesichts des zunehmenden Naziterrors und des immer heftigeren Bombenkrieges mit sich? Welche Punkte in den Neuordnungsplänen der Kreisauer waren zukunftsfähig, welche nicht? Auf welchen Wegen erfuhr Moltke von den Massenverbrechen, von Holocaust und Vernichtungskrieg? Der Name Hans Deichmanns, des Bruders von Freya, fällt zwar einmal, doch dass er es war, der als Angestellter der IG-Farben wichtige Informationen über den Komplex Auschwitz lieferte, wird verschwiegen.

Über die meisten Mitglieder des Kreisauer Kreises erfährt man wenig. Ihr Anteil an der Formulierung des Programms zur Neuordnung Deutschlands bleibt undeutlich. Die Rolle der Frauen im Widerstandskreis wird sträflich vernachlässigt. Das gilt selbst für Freya von Moltke, deren Bild erstaunlich blass geraten ist.

Kurzum: Das ist nicht die Darstellung, die eine der wenigen wirklichen Lichtgestalten des deutschen Widerstands verdient hätte. Auf die große Biografie Helmuth James von Moltkes müssen wir weiter warten.

Helmuth James von MoltkePolitisches Buch1907–1945. Eine Biografie; Abb.,Günter BrakelmannBuchVerlag C. H. Beck2007München24,90432
 
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