Politisches Buch Wofür man in Moskau sterben muss
Anna Politkowskajas »Russisches Tagebuch«
Atemlos. Ohne Rücksichten auf Stil, penibel protokollierend, in beinahe unerträglich werdender Ausführlichkeit, so schreibt die Journalistin Anna Politkowskaja über den politischen Alltag in Russland. Ihr Tagebuch beginnt im Dezember 2003 mit dem Wahlkampf von Wladimir Putin, und es endet am 30. August 2005, etwa ein Jahr bevor Anna Politkowskaja am 7. Oktober 2006 in ihrem Moskauer Hausflur mit Kopfschüssen hingerichtet wurde, vor den Überwachungskameras und ohne dass der Mörder gefasst wurde oder von offizieller Seite auch nur eine Spur angedeutet würde. Das Buch kommt als nachgelassener Schrecken. Man liest es mit Frösteln. Was kann das für ein Text sein, der mit dem Leben bezahlt wurde? Wofür muss man in Moskau sterben?
Zunächst also Wahlkampf. Politkowskaja, Tochter russischer Diplomaten und international ausgezeichnete Journalistin, war politische Redakteurin der Nowaja Gaseta, einer mit 600000 Exemplaren erscheinenden Zeitung, die inmitten aller Repression kritischen Journalismus wagt. Die Autorin zeigt im Spiegel der täglichen Nachrichtenlage und politischen Einladungen, Tagungen, Empfänge, wie sich Macht behauptet. Das Aufsaugen der Opposition, Gefügigmachen kritischer Stimmen, Einschüchtern, das Kaltstellen von Opponenten. Das Einsetzen von Günstlingen als Gegenkandidaten. Man liest seitenlange Protokolle von Ergebenheitsadressen, pflügt durch Nachrichtenschnipsel, erträgt endlose Verlautbarungen, wie die, dass ein Parlament keine Schwatzbude sei. Die Autorin vermeldet die Absetzung politischer Magazine, die Ausschaltung unliebsamer Journalisten, sie interviewt einen angstvollen Chefredakteur, irgendwo im Auto, bei laufendem Motor. Sie analysiert eine Unterwanderung der Gerichtsbarkeit. Zuletzt ist es die Verächtlichkeit gegenüber der bittstellenden Bevölkerung, die Demütigung eines Volkes, seine politische Apathie, die 13 Jahre nach dem Versprechen der Demokratie das bitterste Fazit der Russin ist.
In der Gesamtschau entsteht das Bild eines Staatswesens, das Demokratie als Potemkinsches Dorf inszeniert. In der Pappkulisse von Rechtsstaatlichkeit spreizt sich die Rechtslosigkeit einer Politoligarchie in absurder Gestik. Ein Bankenmagnat, zugleich Senator, verlangt in einem Sittenkodex die Trennung von Wirtschaft und Staat. Menschenrechtsorganisationen loben den straffen Griff Moskaus, in dem sie hilflos zappeln.
Politkowskaja versagt sich über weite Strecken eine subjektive Färbung ihres Textes, gelegentlich findet sich ein wütender oder zynischer Zwischenruf. Selbst eine Todesdrohung gegen sich selbst lässt sie unkommentiert. Ihre Haltung ist die einer Staatsbürgerin, die sich zum illusionslosen Blick zwingt. Und doch eingeholt wird von dem, was sie einmal »das ungeheuer schwierige qualvolle Überleben« nennt. Das war auf den Tschetschenienkrieg gemünzt, der den alles überschattenden Hintergrund von Verwüstung, Terror, Völkermord abgibt. Die Tragödie von Beslan, Stadt der toten Kinder. Ein Interview mit Ramsam Kadyrow, den das Parlament in Grosny in der letzten Woche nach dem Wunsch Moskaus ohne Gegenstimme als Präsidenten inthronisierte. Sie schildert dieses Treffen als Ausgesetztsein in einem Ganovenkreis. Auf dem Rückweg weint sie vor Erleichterung, lebend entkommen zu sein. Da wird eine Versehrtheit spürbar, die sie eingeholt hatte, lange bevor der Killer vor ihr stand. Susanne Mayer
Russisches TagebuchPolitisches BuchAus dem Russischen von Hannelore Umbreit und Alfred Frank; Vorwort von Sonja MikichAnna PolitkovskajaBuchDuMont Verlag2007Köln24,90458- Datum 05.10.2007 - 14:13 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.03.2007 Nr. 11
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