FernsehenDas Prinzip Blamage

Ob Wok-WM oder Kopfrechnen Mann gegen Mann – Stefan Raab ist der große Erneuerer der Fernseh-Unterhaltung. Sein Erfolgsmodell: Der Kindergeburtstag. von Chrstian Schüle

Einem stilbewussten Bildungsbürger muss dieser Mann ein Graus sein. Seine gepflegte Flegelhaftigkeit, die bewusst inszenierte Zotenwüstheit, die gewissenlosen Sottisen. Er nuschelt gern, seine Stimme ist quäkig, er trägt schlecht sitzende Sakkos, zerrupfte Jeans, das Hemd hängt aus der Hose. Er spricht mittelmäßiges Englisch, wirkt in seinen Sendungen unvorbereitet und an seinen Gästen meist desinteressiert. Er hat beschränktes komödiantisches Talent, lacht stets etwas hämisch. Und doch wollen bei TV total sogar U2, Robbie Williams und Coldplay dabei sein.

Er erfindet und inszeniert »Events« zur besten Sendezeit, Parallelslaloms, »Stockcar-Rennen« in der Arena auf Schalke, bei seinem »Turmspringen« stürzt sich B- und C-Prominenz vom Zehnmeterbrett. Er denkt sich während einer Schiffsfahrt auf dem Bosporus den Bundesvision Song Contest aus – das deutsche Gegenstück zum Eurovision Song Contest, an dem er selbst teilgenommen hat. Sein Haussender räumt ihm für all diese Ideen die begehrtesten Programmplätze frei, und Jobst Benthues, seit elf Jahren Unterhaltungschef und seit Anfang dieses Jahres Mitglied der Geschäftsführung von ProSieben, sagt ohne zu zögern: »Was Stefan Raab macht, ist großes Entertainment. Er ist ein genialer Vordenker, und wir geben ihm die Freiheit, sich auszuprobieren. Seine Erfolge rechtfertigen unser Vertrauen.«

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Stefan Raab, in Köln geboren, in Köln aufgewachsen, in Köln verwurzelt, ist das erfolgreichste Gesicht des Privatfernsehens. Er ist der Evolutionär deutscher Fernsehkultur. Alles, was Raab treibt, findet Widerhall, er ist gesellschaftliches Sprechthema. Sein eigenes Label ist er auch. Raab macht nicht nur, er ist Entertainment. Neben viermal TV total pro Woche kommt er zurzeit einmal im Monat im großen Stil auf Deutschland nieder. An diesem Wochenende will er in Innsbruck »Wok-Weltmeister« werden, indem er sich mit anderen Prominenten in einer asiatischen Gemüsebratpfanne eine Bobbahn hinabstürzt. Am 30. März gewährt ihm die 44-malige Boxweltmeisterin Regina Halmich, die ihm einst die Nase brach, die ersehnte Revanche. Dafür geht Raab nach seiner täglichen Sendung bis in die Nacht zum Joggen. Um ihr, und seine Augen zwinkern, »die Birne auszuknipsen«.

Raab spaltet. Die ihn lieben, bewundern die Chuzpe, mit der er als Stellvertreter des Amoralisten auf alle Konventionen pfeift. Die ihn hassen, halten ihn für einen zynischen Rüpel, der das voyeuristische Begehren der Masse gezielt stimuliert. Er ist so etwas wie die Ikone des deutschen Kleinbürgers, der beim Genuss eines Big Mäc seine subversiven Sehnsüchte auf ihn projizieren kann. Er dringt permanent in die Privatsphäre anderer, hält seine aber kompromisslos unter Verschluss. Vor Millionenpublikum bezeichnet der schamlose Spötter den Rennfahrer Ralf Schumacher als »Porno-Ralle« und wird beinahe verklagt. Er sagt über eine junge Mutter bei der Einschulung ihrer Tochter mit einer Zuckertüte im Arm: »Unfassbar, oder? Die Dealer tarnen sich immer besser!«, wird verklagt, muss sich entschuldigen und 20000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Stefan Raab symbolisiert die andere, die krawattenlose deutsche Fernsehkarriere. Er ist der Schöpfer eines Zeitgeists, dessen Erwartungen er selbst perfekt erfüllt. Er schreibt die Gesetze des Entertainmentmarktes nach seinem Gusto, erlöst den Begriff Unterhaltung von dessen Biederkeit, indem er ihn zum Spektakel umdefiniert und die Parameter der Gegenwart bedient: Körperkult, Athletik, Musik, Comedy, Gewinnsucht, Kampf, Promigier. Stefan Raab ist ein geschlossenes System auf der Grundlage eines totalitären Prinzips, das die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher wie folgt beschreibt: »Hoppla, jetzt kommt nichts!«

Leserkommentare
    • hagego
    • 15. März 2007 17:42 Uhr

    Wenn er doch nur hätte, was er vorgibt zu haben: raabenschwarzen Humor. Dieser altpubertäre Milchreisbubi der Viva-Generation. Provozieren kann er ja. Aber einstecken weit weniger. Fragen wir mal Regina Halmich...

  1. 2.

    Lieber Herr Che, Das würde ja im Umkehrschluss bedeuten, besseres Fernsehen gleich bessere Schulleistungen. Ich glaube da überschätzen Sie die Medien ein wenig.... Ist schon erstaunlich, dass auf einen fairen Artikel, gleich ein unfairer Kommentar geschrieben werden muss.

  2. Solange Raab und Konsorten unsere Fernsehlandschaft verseuchen, müsen wir uns nicht wundern, wenn wir in PISA-Studien auf hinteren Rängen landen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt nur wenige, die soviel Herzblut in ihr Entertainment stecken, wie Stefan Raab. Hut ab. Egal ob Kindergeburtstag, Schlag den Raab oder seine Castingshows, der Mann schaft es zu polarisieren ohne wirklich jemals langweilig zu sein. Ich war lange kein Fan von ihm, aber seit USFO, der letzten Schlag-den-Raab-Sendung und der gestrigen TV-Total-Sendung bin ich es.

  3. Auch als 'alter Europäer' muss ich anerkennen, dass S.Raab ein genialer Vertreter des Amerikanismus in Deutschland ist.
    Wie kaum ein anderer verkörpert er, dass es keinerlei Skrupel gibt, wenn es ums Geld geht - der höchsten Gottheit des Westens .
    Weiter vorwärts mit SAT, RTL, USA usw.
    Nieder mit der alten europäischen Kultur!

  4. sie ist also endlich in der 'zeit'-redaktion angekommen, die generation teletubbies, die sich und die seifenblasen, auf denen sie sich zu immer neuen 'höhen' schwingt, einfach klasse findet.

    raab ist auch als fernsehmoderator nur ein metzger - dem etwas revolutionäres oder gar erneuerndes abgewinnen zu wollen, heißt den verstand an der kasse abzugeben.

    nüchtern betrachtet taumeln die privaten sender [man muss sich nur die programmpolitik angucken, die zunehmend aus dem plündern der kronjuwelen der kleineren sender in der familie, siehe CSI von VOX nach RTL oder criminal intent von kabel1 zu sat1] der _pleite_ entgegen,.

    eine veranstaltung, bei der drittklassige 'stars' mit einer schüssel unter'm a**** einen hügel runterrutschen oder bei kaminfeuer 'mau mau' spielen, kann man nur als erneuerung feiern, wenn man wirklich kein geld mehr hat, um einen halbwegs vernünftigen film zu bezahlen.

    raab ist nicht der 'erneuerer', als der er hier gefeiert wird, er ist schlicht der konkursverwalter des privaten fernsehens. den job macht er allerdings gut, wenn man selbst in der 'zeit' nicht bemerkt, daß das privatfernsehen am abgrund steht - und offensichtlich nicht sieht, wohind er 'schritt nach vorne' führt.

    • 4tune
    • 13. März 2010 0:21 Uhr

    Ich habe mich über den Artikel gefreut und bin über manchen Kommentar verwundert. Raab ist kreativ, schlau, selbstbewußt, nicht oberflächlich und immer wieder überraschend witzig.

    Unser Star für Oslo war erfrischend. Gute Kandidaten, meist klasse Jury, faire Kommentare - entspannte Unterhaltung. Raab ist ein guter Beobachter und bei aller TV-Professionalität menschlich. Zudem ist er der legitime Frankie Nachfolger. Schlag den Raab ist DAS orginäre TV Format nach Wetten Dass. Internationaler Vertriebserfolg gibt ihm recht. Raab macht einfach einen guten Job und ist - im übrigen typisch kölsch - in keinster Weise abgehoben.

    Er feiert Kindergeburtstag und alle Kinder kommen gerne.

  5. Es gibt nur wenige, die soviel Herzblut in ihr Entertainment stecken, wie Stefan Raab. Hut ab. Egal ob Kindergeburtstag, Schlag den Raab oder seine Castingshows, der Mann schaft es zu polarisieren ohne wirklich jemals langweilig zu sein. Ich war lange kein Fan von ihm, aber seit USFO, der letzten Schlag-den-Raab-Sendung und der gestrigen TV-Total-Sendung bin ich es.

    Antwort auf "Raab und der Erfolg"
  6. ich fand raab schon immer unglaublich platt und unlustig. man kann auch spaß mit intelligenter unterhaltung haben, aber das ist eben nicht jedem gegönnt.

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