Einem stilbewussten Bildungsbürger muss dieser Mann ein Graus sein. Seine gepflegte Flegelhaftigkeit, die bewusst inszenierte Zotenwüstheit, die gewissenlosen Sottisen. Er nuschelt gern, seine Stimme ist quäkig, er trägt schlecht sitzende Sakkos, zerrupfte Jeans, das Hemd hängt aus der Hose. Er spricht mittelmäßiges Englisch, wirkt in seinen Sendungen unvorbereitet und an seinen Gästen meist desinteressiert. Er hat beschränktes komödiantisches Talent, lacht stets etwas hämisch. Und doch wollen bei TV total sogar U2, Robbie Williams und Coldplay dabei sein. Lach den Raab: Der Kölner Entertainer ist Autodidakt aus Überzeugung. BILD

Er erfindet und inszeniert »Events« zur besten Sendezeit, Parallelslaloms, »Stockcar-Rennen« in der Arena auf Schalke, bei seinem »Turmspringen« stürzt sich B- und C-Prominenz vom Zehnmeterbrett. Er denkt sich während einer Schiffsfahrt auf dem Bosporus den Bundesvision Song Contest aus – das deutsche Gegenstück zum Eurovision Song Contest, an dem er selbst teilgenommen hat. Sein Haussender räumt ihm für all diese Ideen die begehrtesten Programmplätze frei, und Jobst Benthues, seit elf Jahren Unterhaltungschef und seit Anfang dieses Jahres Mitglied der Geschäftsführung von ProSieben, sagt ohne zu zögern: »Was Stefan Raab macht, ist großes Entertainment. Er ist ein genialer Vordenker, und wir geben ihm die Freiheit, sich auszuprobieren. Seine Erfolge rechtfertigen unser Vertrauen.«

Stefan Raab, in Köln geboren, in Köln aufgewachsen, in Köln verwurzelt, ist das erfolgreichste Gesicht des Privatfernsehens. Er ist der Evolutionär deutscher Fernsehkultur. Alles, was Raab treibt, findet Widerhall, er ist gesellschaftliches Sprechthema. Sein eigenes Label ist er auch. Raab macht nicht nur, er ist Entertainment. Neben viermal TV total pro Woche kommt er zurzeit einmal im Monat im großen Stil auf Deutschland nieder. An diesem Wochenende will er in Innsbruck »Wok-Weltmeister« werden, indem er sich mit anderen Prominenten in einer asiatischen Gemüsebratpfanne eine Bobbahn hinabstürzt. Am 30. März gewährt ihm die 44-malige Boxweltmeisterin Regina Halmich, die ihm einst die Nase brach, die ersehnte Revanche. Dafür geht Raab nach seiner täglichen Sendung bis in die Nacht zum Joggen. Um ihr, und seine Augen zwinkern, »die Birne auszuknipsen«.

Raab spaltet. Die ihn lieben, bewundern die Chuzpe, mit der er als Stellvertreter des Amoralisten auf alle Konventionen pfeift. Die ihn hassen, halten ihn für einen zynischen Rüpel, der das voyeuristische Begehren der Masse gezielt stimuliert. Er ist so etwas wie die Ikone des deutschen Kleinbürgers, der beim Genuss eines Big Mäc seine subversiven Sehnsüchte auf ihn projizieren kann. Er dringt permanent in die Privatsphäre anderer, hält seine aber kompromisslos unter Verschluss. Vor Millionenpublikum bezeichnet der schamlose Spötter den Rennfahrer Ralf Schumacher als »Porno-Ralle« und wird beinahe verklagt. Er sagt über eine junge Mutter bei der Einschulung ihrer Tochter mit einer Zuckertüte im Arm: »Unfassbar, oder? Die Dealer tarnen sich immer besser!«, wird verklagt, muss sich entschuldigen und 20000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Stefan Raab symbolisiert die andere, die krawattenlose deutsche Fernsehkarriere. Er ist der Schöpfer eines Zeitgeists, dessen Erwartungen er selbst perfekt erfüllt. Er schreibt die Gesetze des Entertainmentmarktes nach seinem Gusto, erlöst den Begriff Unterhaltung von dessen Biederkeit, indem er ihn zum Spektakel umdefiniert und die Parameter der Gegenwart bedient: Körperkult, Athletik, Musik, Comedy, Gewinnsucht, Kampf, Promigier. Stefan Raab ist ein geschlossenes System auf der Grundlage eines totalitären Prinzips, das die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher wie folgt beschreibt: »Hoppla, jetzt kommt nichts!«