RAF: Lust an Gewalt
Die RAF fasziniert noch heute. Viele glauben, sie habe aus politischen Motiven gehandelt. Das ist ein Irrtum. Tatsächlich waren ihre Taten von Größenwahn und Machtgier geprägt.
Wenn man als Sozialwissenschaftler mit literarischen Texten arbeitet, kann man das in vielerlei Hinsicht tun. Man kann sie unmittelbar als Quellen benutzen; zum Beispiel wenn ich wissen will, wovon sich eine englische Bourgeoisie im 19. Jahrhundert rühren ließ, dann werde ich nicht umhinkommen, Romane von Charles Dickens zu lesen.
Ich kann literarische Texte aber auch in ganz anderer Weise benutzen, nämlich als Dokumente sozialwissenschaftlicher Einsichten. Sie sind dann das, was auch in der Soziologie ein legitimes Erkenntnismittel ist: Gedankenexperimente. In diesem Sinne – als Gedankenexperiment – werde ich Dostojewskijs Dämonen (in der neuen Übersetzung Böse Geister, S. Fischer Verlag) verwenden, um zu zeigen, wie der Roman zum Verständnis eines Phänomens beitragen kann, das sein Verfasser gar nicht kannte: des bundesdeutschen Terrorismus der siebziger Jahre. Aber Dostojewskij hat sich mit dem anarchistischen Terrorismus seiner Zeit beschäftigt, und dabei ist er zu Einsichten gekommen, die über seinen eigenen zeitlichen Horizont weit hinausreichten (siehe auch die Studie von Gudrun Braunsperger: Sergej Necaev und Dostoevskijs Dämonen: Die Geburt eines Romans aus dem Geist des Terrorismus , Peter Lang Verlag ) .
Im Januar 1873 wurde in Moskau einem gewissen Sergej Netschajew der Prozess gemacht. Netschajew war eine bizarre Erscheinung. Er war 1847 geboren, stammte aus kleinbürgerlichem Milieu, war als Anfangzwanziger Gasthörer an der Universität St. Petersburg, entwickelte aber früh einen rigorosen Antiintellektualismus. Seinen Status als Gasthörer verwandte er vor allem darauf, während der Petersburger Studentenunruhen als Redner und politischer Organisator aufzutreten. Seine Idee war, möglichst viele Studenten politisch zu aktivieren, mit dem Ziel, dass sie daraufhin von den Universitäten verwiesen würden, worauf sie unfehlbar aufs Land ziehen und die Bauern revolutionär agitieren würden. Die allgemeine revolutionäre Erhebung erwartete er für das Jahr 1870. Im Jahre 1869 gab es eine Verhaftungswelle, und Netschajew verließ Russland – nicht ohne das Gerücht, er sei verhaftet worden und geflohen, zu verbreiten. Er ging in die Schweiz und suchte Kontakt zu Bakunin, dem er erzählte, er sei der Gründer eines revolutionären Netzwerks in Russland. Er verfasste den später viel gelesenen Katechismus eines Revolutionäres , kehrte nach Russland zurück und zeigte überall die ihm von Bakunin ausgestellte Bescheinigung vor, die ihn zum Beauftragten der russischen Sektion des »Internationalen Revolutionären Weltbundes« erklärte, sowie den Mitgliedsausweis der »Alliance Révolutionnaire Européenne, Comité géneral« Nr. 2771.
Diese Organisationen gab es ebenso wenig wie die revolutionären Zirkel, die Netschajew Bakunin vorgelogen hatte. Netschajew gründete eine Gruppe namens »Strafgericht des Volkes«, die er denjenigen, die er für die Gruppe anwarb, wieder als Teil eines russlandweiten revolutionären Netzwerks ausgab. Die Mitglieder dieser Gruppe haben sich, wie es scheint, Netschajew vollständig untergeordnet – mit einer Ausnahme: Ein gewisser Iwan Iwanow weigerte sich, Agitationsmaterial in einer Bibliothek und einer Mensa auszuteilen, weil er befürchtete, diese Einrichtungen könnten geschlossen werden – worunter vor allem ärmere Studenten würden zu leiden haben. Netschajew forderte ultimativ die Unterordnung unter die Vorgaben der Gruppe oder Iwanows Austritt. Iwanow verließ die Gruppe und wurde daraufhin von Netschajew und vier anderen ermordet. Dieser Mord war Gegenstand des Prozesses, der mit der Verurteilung Netschajews endete. Er starb nicht ganz zehn Jahre nach seiner Verurteilung im Kerker.
Der Roman Die Dämonen war zu Teilen schon vor dem Netschajew-Prozess geschrieben, aber der Mord an Iwanow und das Phänomen Netschajew gehören unmittelbar zu seiner Vorgeschichte. Das Gedankenexperiment, das sich in ihm findet, kann man als Antwort auf die Frage verstehen: »Wie war es nur möglich, dass Netschajew Erfolg haben konnte? Wie konnte er überhaupt Anhänger sammeln und sie dazu bringen, einen brutalen Meuchelmord zu begehen?«
Zunächst braucht es ein Milieu, aus dem solche Anhänger rekrutiert werden können, und es muss sich um ein Milieu handeln, das für bestimmte verbale Verhaltensanreize empfindlich ist. In dem Kapitel Bei den Unsrigen beschreibt Dostojewskij ein solches Milieu. Wenn man die Schilderung dieses Zusammentreffens liest, fühlt man sich in das Berlin der frühen siebziger Jahre versetzt. Wir haben sie alle beisammen: neben wohlwollenden Vertretern der älteren Generation den Studenten, der mit seinem Status hadert, die aufgeregte Studentin, die sich mit jedem anlegt, der Schweigsame, der sich immer Notizen macht, »und dann, schließlich, ein Gymnasiast, ein vor Eifer glühender achtzehnjähriger Junge, der mit der düsteren Miene eines in seiner Würde gekränkten Menschen dasaß und sichtlich unter seinen achtzehn Jahren litt. Dieses Kind war bereits Anführer einer selbständigen Verschwörergruppe, die sich in der obersten Klasse des Gymnasiums gebildet hatte.« Alle diese Leute meinen irgendetwas, aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass sie insgesamt ein Klima erzeugen, in dem alle nervös, reiz- und kränkbar auf das erlösende Wort »Schluss damit, jetzt muss gehandelt werden!« warten.
Vor allem aber ist der Wunsch nach Gruppenbildung und Abgrenzung spürbar. Der zusammengewürfelte Haufen diffus Unzufriedener versucht sich als eine Art Komitee für irgendwas zu konstituieren. Schließlich mündet das Ganze in eine revolutionäre Theorie, die wiederum die Gemüter entzweit. Schließlich kommt Pjotr Stepanowitsch, jene Figur des Romans, die, wenn sie auch kein Porträt Netschajews darstellt, so doch dessen Rolle als Chef einer »Fünfergruppe« und Anstifter des Mordes an dem scheinbar dissidenten Genossen spielt, zu Worte: »Sparen wir uns das Gerede – man kann doch nicht weitere dreißig Jahre lang schwatzen, wie bereits dreißig Jahre geschwatzt wurde – ich stelle Ihnen eine Frage: Was ist Ihnen lieber, der langsame Weg, der im Verfassen sozialer Romane und bürokratischer Bestimmungen menschlicher Schicksale auf tausend Jahre im voraus auf dem Papier besteht (…) oder die rasche Lösung, worin sie auch bestehen mag, die (…) der Menschheit die Möglichkeit garantiert, ungestört und aus eigener Kraft eine soziale Ordnung aufzubauen, und zwar in der Realität und nicht auf dem Papier? Ich (…) bitte deshalb die ehrenwerte Gesellschaft, nicht abzustimmen, sondern sich klipp und klar äußern zu wollen, was für jeden von Ihnen ansprechender ist: im Schildkrötengang im Sumpf waten, oder mit Volldampf hindurch?«




liebe/r hinterwald, ich bin bis auf eine kleine schlußfolgerung ganz ihrer/deiner meinung. ich hab einstellungen gehabt, für die ich mich wirklich schäme, auch halte ich mich für schuldig, z.b. die g.i.s einfach verteufelt zu haben - ohne ahnung und leider auch ohne herz, fallaci hat mit ihrem 'wir, engel und bestien' einiges zurechtrücken geholfen. und ja, ich war ganz schön dumm, heute wahrscheinlich immer noch irgendwie, ausgenutzt wohl auch, aber das recht zum irrtum sollte schon gelten für die jugend, oder? bei der großen notstandsdemo, glaube 3.lesung, da hieß es im parlament, sie ließen sich 'vom pöbel auf der straße nicht unter druck setzen'. super. also unser aufbegehren alles nur reaktion auf narzisstische kränkung? meinetwegen hat jan ja recht, größenwahn, selbstverliebtheit, egoistische selbstherrlichkeit, meinetwegen. aber rein gar keine politische motivation zubilligen?
ich bin froh, dass die zeit baum eine antwort ermöglicht hat. sollte man doch meinen, dass die konträren mitkommentatoren jetzt vielleicht ihre so eindeutigen und einfachen und selbstgerechten positionen überdenken.
die raf ist vorbei, ein irrtum mehr in der geschichte, und sehr lange her.
aber lesen sie die kommentare im baum-artikel. unerträglich der geifer. der zeit- werbespot, der mit dem klugen kopf, was für ein irrtum...
natürlich hat die jugend ein recht auf dummheit. als papa (...) dreier töchter sollte man sich regelmäßig daran erinnern, wie blöd man selbst mal war.
man weiss es ja einfach nicht besser, daraus kann man keinem einen vorwurf machen. höchstens daraus, daß man sich weigert, dazuzulernen.
den baum artikel habe ich gelesen und herrn baum für seine _einsicht_ gedankt.
und - ärgere dich nicht über den abschaum, der sich hier dicke macht. der kauft die zeit nicht, höchstens die BLÖD und holt sich hier nur einen auf die eigene erbärmlichkeit runter ;-)
'nimm den silbernen Löffel aus dem Mund und schmeck noch mal rein in '68'
Wie bitte? Revolution spielen konnten die '68er doch nur, weil sie in bis zum Anschlag drinhatten, den Silberlöffel, die gutversogten Wohlstandskinderchen.
Danke!
Herr Reemtsma hat zwar nichts Neues gesagt; aber das Gebell der getroffenen Hunde (siehe Kommentarspalte) zeigt ja, dass man manche Dinge gar nicht oft genug sagen kann.
Die RAF selbst und ihre Verbrechen sind für sich genommen nur eine kleine blutige und völlig überflüssige Episode in der politischen Nachkriegsgeschichte.
Viel interessnter ist die Unfähigkeit der deutschen Gesellschaft, auf diese Episode angemessen zu reagieren: Das gilt leider auch gerade für die deutsche Linke.
Wie die Nachkriegsdeutschen insgesamt waren leider auch die Linken (insbesondere die 68er) erstaunlich unfähig zur Zivilcourage und zur konstruktiven politischen Artikulation. Wer die deutsche Linke der letzten 30 Jahre erlebt hat, weiß, daß das immer noch so ist. Darin liegt auch der Grund für ihre heutige politische Bedeutungslosigkeit. In der RAF-Faszination spiegelt sich das Elend der deutschen Linken wie in einem Wassertropfen.
Wer an Dostojewskijs Terrordeutung (Dummheit und Profilierungswahn) zweifelt, soll einfach die Kommentarspalte noch einmal lesen. Dort drücken RAF-Fans ihre Empörung darüber aus, daß 'in unserem Namen (bzw. im Namen 'unseres Staates') 'aus Machtgeilheit täglich Menschen umgebracht' werden, daß das 'ökonomische Primat des Kapitalismus Natur und Menschen kaputt macht' und erinnerin an die 'napalmverbrannten Kinder' und My Lai.
Wie recht sie haben!
Doch der Tenor in diesen Kommentaren lautet: 'So viel Ungerechtigkeit auf der Welt, da mußte irgendjemand doch endlich einmal etwas dagegen tun!'
Also genau der psychologische Effekt, den Reemtsma (anhand von Dostojewskij) im Artikel noch einmal so schön beschrieben hat. Dieser Moment der Selbst-Ermächtigung, der Rausch des 'Endlich-ETWAS-TUNs'.
Vor lauter gerechtem Zorn übersehen sie dabei, daß auch die RAF gegen all diese Welt-Übel im Grunde ja niemals irgendetwas unternommen hat. Aber unsere linken Spinner glaub(t)en offenbar, die Erschießung des Arbeitgeberpräsidenten sei eine geeignete 'Aktion', die Abschaffung des Kapitalismus zu beschleunigen.
Aber das war natürlich nur die Spitze des Eisbergs.
Um die Ungerechtigkeit der Welt wirksam zu verringern, hätte die Linke irgendwann konstruktive Vorschläge entwickeln und ihren Standpunkt in der Gesellschaft offen vertreten müssen. Sie hätte sich vor das fremde ('bürgerliche') Publikum wagen müssen.
Doch da sie dazu charakterlich und intellektuell allzeit unfähig war, verkroch sie sich in ihre Schmollecke und pflegt dort ihren regressiven Baader-Meinhof-Kult..
von Gewalttaten bekommen bei uns weniger Aufmerksamkeit als die Täter. Wie geifernde Hunde werfen sich hier 'gute Bürger' auf einen Artikel, der von einem Opfer verfasst wurde. Lieber werfen sich die Geusen auf das reiche Opfer als auf den unter politisch begründetem Vorwand vorgehenden Mörder.
Es ist zum Heulen.
in einer Zeit wo alle Institutionen noch von Nazis besetzt waren , war diese Revolution gegen diese 35 Jahre zu spät, und gegen den heutigen neuen modernisierten Faschismus 30 Jahre zu früh.
Gewalt ist immer sinnlos wenn sie kein neues Recht schafft.
Am schlimmsten ist Gewalt wenn sie Unrecht schafft , das ist das woran die Menschheit momentan leidet, und sich rüstet diese Gewalt zu beenden. Die Obszönität der Verhältnisse zeigt sich nicht nur am heimtückischen Luftterror den die neuen Faschisten einsetzen um ihre Macht zu erhalten, sondern auch am Umgang mit der Schöpfung, in Hinsicht auf die Verdreckung der Welt und dem Klimawandel. Würden diejenigen die dieses zu verantworten haben je freiwillig auf ihre Macht und ihren Profit verzichten, und sich einem unabhängigen Gericht stellen ?
Die RAF fasziniert? Wen bitteschön? Alle Besucher der RAF-Ausstellung sind fasziniert von der RAF? Dann werde ich niemals mehr erwähnen, dass ich mal in Dachau gewesen bin, sonst hält man mich noch für einen Neonazi...
Nichts gegen die Schlußfolgerungen, dass 'politische Motive' bei der RAF nicht existent waren - aber hier wird künstlich etwas aufgebauscht, das einfach nicht existiert.
Vielleicht reicht der Vergleich mit den Nazis weiter: Abgesehen von einer (gottseidank kleinen) Gruppe von Unbelehrbaren dürften die meisten Deutschen heute der RAF mit angeekelter Verständnislosigkeit begegnen.
Das erinnert mich an Jerry Lewis in dem Film 'The Nutty Profesor' (1963)
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