RAFLust an Gewalt

Die RAF fasziniert noch heute. Viele glauben, sie habe aus politischen Motiven gehandelt. Das ist ein Irrtum. Tatsächlich waren ihre Taten von Größenwahn und Machtgier geprägt. von Jan Philipp Reemtsma

Wenn man als Sozialwissenschaftler mit literarischen Texten arbeitet, kann man das in vielerlei Hinsicht tun. Man kann sie unmittelbar als Quellen benutzen; zum Beispiel wenn ich wissen will, wovon sich eine englische Bourgeoisie im 19. Jahrhundert rühren ließ, dann werde ich nicht umhinkommen, Romane von Charles Dickens zu lesen.

Ich kann literarische Texte aber auch in ganz anderer Weise benutzen, nämlich als Dokumente sozialwissenschaftlicher Einsichten. Sie sind dann das, was auch in der Soziologie ein legitimes Erkenntnismittel ist: Gedankenexperimente. In diesem Sinne – als Gedankenexperiment – werde ich Dostojewskijs Dämonen (in der neuen Übersetzung Böse Geister, S. Fischer Verlag) verwenden, um zu zeigen, wie der Roman zum Verständnis eines Phänomens beitragen kann, das sein Verfasser gar nicht kannte: des bundesdeutschen Terrorismus der siebziger Jahre. Aber Dostojewskij hat sich mit dem anarchistischen Terrorismus seiner Zeit beschäftigt, und dabei ist er zu Einsichten gekommen, die über seinen eigenen zeitlichen Horizont weit hinausreichten (siehe auch die Studie von Gudrun Braunsperger: Sergej Necaev und Dostoevskijs Dämonen: Die Geburt eines Romans aus dem Geist des Terrorismus , Peter Lang Verlag ) .

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Im Januar 1873 wurde in Moskau einem gewissen Sergej Netschajew der Prozess gemacht. Netschajew war eine bizarre Erscheinung. Er war 1847 geboren, stammte aus kleinbürgerlichem Milieu, war als Anfangzwanziger Gasthörer an der Universität St. Petersburg, entwickelte aber früh einen rigorosen Antiintellektualismus. Seinen Status als Gasthörer verwandte er vor allem darauf, während der Petersburger Studentenunruhen als Redner und politischer Organisator aufzutreten. Seine Idee war, möglichst viele Studenten politisch zu aktivieren, mit dem Ziel, dass sie daraufhin von den Universitäten verwiesen würden, worauf sie unfehlbar aufs Land ziehen und die Bauern revolutionär agitieren würden. Die allgemeine revolutionäre Erhebung erwartete er für das Jahr 1870. Im Jahre 1869 gab es eine Verhaftungswelle, und Netschajew verließ Russland – nicht ohne das Gerücht, er sei verhaftet worden und geflohen, zu verbreiten. Er ging in die Schweiz und suchte Kontakt zu Bakunin, dem er erzählte, er sei der Gründer eines revolutionären Netzwerks in Russland. Er verfasste den später viel gelesenen Katechismus eines Revolutionäres , kehrte nach Russland zurück und zeigte überall die ihm von Bakunin ausgestellte Bescheinigung vor, die ihn zum Beauftragten der russischen Sektion des »Internationalen Revolutionären Weltbundes« erklärte, sowie den Mitgliedsausweis der »Alliance Révolutionnaire Européenne, Comité géneral« Nr. 2771.

Diese Organisationen gab es ebenso wenig wie die revolutionären Zirkel, die Netschajew Bakunin vorgelogen hatte. Netschajew gründete eine Gruppe namens »Strafgericht des Volkes«, die er denjenigen, die er für die Gruppe anwarb, wieder als Teil eines russlandweiten revolutionären Netzwerks ausgab. Die Mitglieder dieser Gruppe haben sich, wie es scheint, Netschajew vollständig untergeordnet – mit einer Ausnahme: Ein gewisser Iwan Iwanow weigerte sich, Agitationsmaterial in einer Bibliothek und einer Mensa auszuteilen, weil er befürchtete, diese Einrichtungen könnten geschlossen werden – worunter vor allem ärmere Studenten würden zu leiden haben. Netschajew forderte ultimativ die Unterordnung unter die Vorgaben der Gruppe oder Iwanows Austritt. Iwanow verließ die Gruppe und wurde daraufhin von Netschajew und vier anderen ermordet. Dieser Mord war Gegenstand des Prozesses, der mit der Verurteilung Netschajews endete. Er starb nicht ganz zehn Jahre nach seiner Verurteilung im Kerker.

Der Roman Die Dämonen war zu Teilen schon vor dem Netschajew-Prozess geschrieben, aber der Mord an Iwanow und das Phänomen Netschajew gehören unmittelbar zu seiner Vorgeschichte. Das Gedankenexperiment, das sich in ihm findet, kann man als Antwort auf die Frage verstehen: »Wie war es nur möglich, dass Netschajew Erfolg haben konnte? Wie konnte er überhaupt Anhänger sammeln und sie dazu bringen, einen brutalen Meuchelmord zu begehen?«

Zunächst braucht es ein Milieu, aus dem solche Anhänger rekrutiert werden können, und es muss sich um ein Milieu handeln, das für bestimmte verbale Verhaltensanreize empfindlich ist. In dem Kapitel Bei den Unsrigen beschreibt Dostojewskij ein solches Milieu. Wenn man die Schilderung dieses Zusammentreffens liest, fühlt man sich in das Berlin der frühen siebziger Jahre versetzt. Wir haben sie alle beisammen: neben wohlwollenden Vertretern der älteren Generation den Studenten, der mit seinem Status hadert, die aufgeregte Studentin, die sich mit jedem anlegt, der Schweigsame, der sich immer Notizen macht, »und dann, schließlich, ein Gymnasiast, ein vor Eifer glühender achtzehnjähriger Junge, der mit der düsteren Miene eines in seiner Würde gekränkten Menschen dasaß und sichtlich unter seinen achtzehn Jahren litt. Dieses Kind war bereits Anführer einer selbständigen Verschwörergruppe, die sich in der obersten Klasse des Gymnasiums gebildet hatte.« Alle diese Leute meinen irgendetwas, aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass sie insgesamt ein Klima erzeugen, in dem alle nervös, reiz- und kränkbar auf das erlösende Wort »Schluss damit, jetzt muss gehandelt werden!« warten.

Vor allem aber ist der Wunsch nach Gruppenbildung und Abgrenzung spürbar. Der zusammengewürfelte Haufen diffus Unzufriedener versucht sich als eine Art Komitee für irgendwas zu konstituieren. Schließlich mündet das Ganze in eine revolutionäre Theorie, die wiederum die Gemüter entzweit. Schließlich kommt Pjotr Stepanowitsch, jene Figur des Romans, die, wenn sie auch kein Porträt Netschajews darstellt, so doch dessen Rolle als Chef einer »Fünfergruppe« und Anstifter des Mordes an dem scheinbar dissidenten Genossen spielt, zu Worte: »Sparen wir uns das Gerede – man kann doch nicht weitere dreißig Jahre lang schwatzen, wie bereits dreißig Jahre geschwatzt wurde – ich stelle Ihnen eine Frage: Was ist Ihnen lieber, der langsame Weg, der im Verfassen sozialer Romane und bürokratischer Bestimmungen menschlicher Schicksale auf tausend Jahre im voraus auf dem Papier besteht (…) oder die rasche Lösung, worin sie auch bestehen mag, die (…) der Menschheit die Möglichkeit garantiert, ungestört und aus eigener Kraft eine soziale Ordnung aufzubauen, und zwar in der Realität und nicht auf dem Papier? Ich (…) bitte deshalb die ehrenwerte Gesellschaft, nicht abzustimmen, sondern sich klipp und klar äußern zu wollen, was für jeden von Ihnen ansprechender ist: im Schildkrötengang im Sumpf waten, oder mit Volldampf hindurch?«

Dem »mit Volldampf hindurch« stimmen schließlich auch jene, denen das gar nicht behagt, zu: »›Wenn ich jetzt zusammen mit den anderen zustimme, so einzig und allein, um nicht störend…‹« Dieses Milieu ist das Rekrutierungsmilieu, das aus denen besteht, die den Schritt in die gewaltbereite Organisation noch nicht wagen, ihn aber billigen und – unter veränderten Umständen – vielleicht doch tun würden. Dazu aber muss ein weiteres Umfeld kommen, das in einer lockereren Beziehung zur eigentlichen Gruppe steht. Dieses Umfeld besteht aus denjenigen, die die der Gruppe unterstellten Zielsetzungen zu teilen meinen, aber die Methoden oder den Zeitpunkt des Versuchs, sie zu realisieren, nicht billigen. Bei Dostojewskij ist das der liberale Gouverneur Lemke, den wir im Gespräch mit benanntem Pjotr Stepanowitsch über eine revolutionäre Proklamation erleben.

Die Gruppe selbst aber muss an sich glauben und aus diesem Glauben Kohärenz gewinnen. Das tut sie zunächst durch Abgrenzung zu den beiden geschilderten Milieus: Sie wirft dem liberalen Milieu Feigheit vor, und dasselbe tut sie im Grunde gegenüber dem Milieu der potenziellen Unterstützer. Sie selbst entwickelt so in sich das Gefühl, die durch Mut und Konsequenz geadelte Avantgarde zu sein.

Will man das Selbstbild der zur Tat entschlossenen Avantgarde aufrechterhalten, braucht es irgendwann – nun eben: eine Tat. So lautet das im Roman von einem zynischen Beobachter vorgetragene Rezept für einen wirklich festen Gruppenzusammenhalt: »Überreden Sie vier Mitglieder einer Gruppe, den fünften um die Ecke zu bringen, unter dem Vorwand, dieser könnte Sie denunzieren, und sogleich werden Sie alle durch das vergossene Blut wie durch einen einzigen Knoten aneinanderfesseln.« Das ist Dostojewskijs Deutung von Netschajews Mordbefehl: im Grunde eine gruppendynamische Maßnahme. Diese wird auch im Roman von der Gruppe vollzogen – und eine Brandstiftung kommt hinzu, denn der Terror muss sich auch nach außen richten: »Hören Sie, wir werden einen Aufruhr machen(…) Wir werden einen solchen Aufruhr machen, daß alles in seinen Grundfesten wankt.«

Dostojewskij verweigert sich konsequent allen Versuchen, die Existenz und die Aktivitäten von terroristischen Gruppen aus irgendwelchen politischen Absichten heraus zu erklären. Vielmehr deutet er die terroristische Gewalt als Lebensform einer Gruppe. Das ist zu seiner Zeit als diffamierend aufgefasst worden, und auch heute wird man viele finden, die ein solches Verständnis terroristischer Gewalt (etwa im Falle der RAF) als unpassend, ja zuweilen – wie mir neulich vorgehalten wurde – den ehemaligen Mitgliedern der RAF gegenüber als »verletzend und kränkend« bezeichnen.

Bevor ich zur Übertragung des Dostojewskijschen Blicks auf die RAF komme, möchte ich noch die Frage stellen, worum es bei solchem Streit eigentlich geht. Geht es darum, wer die »wirklichen Motive« einer Terrorgruppe zutreffend beschreibt und wer sie verkennt? Ich meine nicht. Es handelt sich nämlich nicht bloß um ein Erkenntnisproblem, sondern darum, dass es so etwas wie »Motive« nicht gibt – jedenfalls nicht in dem Sinne, wie es Blutzucker und Magengeschwüre gibt. Was wir »Motive« nennen, sind Selbst- und Fremdzuschreibungen – das heißt etwas, was in kommunikativen Akten, in denen über die Bedeutung von Handlungen debattiert wird, eine Rolle spielt. Wenn wir über »Motive« reden, reden wir immer auch über Legitimationen und Selbstdarstellungen. Wer über seine Motive Auskunft gibt, möchte, dass andere sein Handeln akzeptieren oder er selbst als jemand erscheint, der ein gewisses Recht darauf hat, sein eigenes Handeln zu akzeptieren.

Es gilt bei der Analyse terroristischer Handlung wie bei der Analyse jedes anderen Handelns: Die Unterscheidung von Zwecken und Mitteln ist künstlich – früher hätte man gesagt: undialektisch. Handlungen werden als ganze gewählt. Man setzt sich nur Zwecke, deren Mittel man billigt – oft solche, die man der Mittel wegen wählt –, und dann wird die Unterscheidung von Zweck und Mitteln gänzlich hinfällig. Ein Chirurg muss das Operieren mögen, um gut zu sein, und darf es nicht nur als abstoßendes Mittel in Kauf nehmen. Wer Mitglied einer Terrorgruppe wird, wählt die Existenz als Mitglied einer Terrorgruppe, und wer das, was er dann ist, nicht mag, wird diese Wahl nicht treffen. Von Günther Gaus gefragt, wie er Mitglied der RAF geworden sei, antwortete Christian Klar, dass es die Gruppenidentität gewesen sei, die für ihn das Attraktive ausgemacht hätte. Aber es war eben keine beliebige Gruppe, sondern eine gewalttätige. Sie konnte sich bilden, weil sie aus einem Milieu kam, in dem Gewaltfantasien endemisch waren: vom Italowestern über das berühmte Lied von Degenhardt, wo jemand sich ausmalt, wie er sonntags aus seinem Zimmer auf Lodenjoppen tragende Bürger schießt (Wir sind jetzt die Jäger), bis hin zur Idealisierung Che Guevaras bei Biermann, Jesus Christus mit der Knarre. Insofern hat Karl-Heinz Dellwo recht, wenn er sagt, dass die RAF etwas agierte, was andere nur fantasierten – sich das als Verdienst zuzurechnen ist allerdings merkwürdig.

Die Linke dieser Jahre war zudem geprägt durch das Erleben weltpolitischer Instabilität (bei gleichzeitiger Stabilität der Bundesrepublik): 1968 die Tet-Offensive des Vietcong schien die Verletzlichkeit der USA zu signalisieren, in Paris brachten die rebellierenden Studenten de Gaulle dazu, Paris zu verlassen, in Prag schien ein libertärer Sozialismus möglich und nur durch Waffengewalt der anderen Weltmacht zu verhindern. Kurz: Dass es irgendwann heißen könne: »Sozialismus oder Barbarei«, und dass diese Frage würde gewaltsam entschieden werden müssen, war das Credo vieler, die von ihrer individuellen Disposition her alles andere als gewaltbereit waren. Der Vorwurf der RAF, der der nämliche war, den die Terroristen in den Dämonen ihrem Umfeld machen – der der Feigheit nämlich –, weckte bei vielen das unbehagliche Gefühl: Die könnten recht haben. Deshalb, denke ich, fiel es vielen so schwer, die Wirklichkeit der RAF angemessen zu beschreiben: als eine Reihe sinnloser brutaler Gewalttaten.

Um diese Unfähigkeit nicht eingestehen zu müssen, halten viele bis heute daran fest, das vermeintlich Politische an diesen Gewalttaten hervorzuheben, und nicht zu sehen, wie sehr die Taten der RAF von Größenwahn, Machtgier und Lust an der Gewalttat geprägt waren. Man unterschätzt systematisch, welcher Bedeutungsgewinn eine Reihe bedeutungsloser Individuen dadurch erfuhr, dass sie den Arbeitgeberpräsidenten in einen Kofferraum sperrten und schließlich seine Ermordung mit den Worten »Herr Schmidt kann ihn (…) in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen« kommentierten. Wer die Verlautbarungen zu den Bombenanschlägen liest, kann nicht umhin, die schiere Lust am großen Knall herauszuhören.

Es erstaunt nicht, dass wir das Dostojewskijsche Personal in der RAF wiederfinden: den Theoretiker (Horst Mahler), den wütenden Affekt gegen Theorie (Baader und Meinhof) und die Parolen des »Genug geredet«, die auf das »Geschwätz der ›Linken‹ nichts geben(…), weil es ohne Folgen und Taten geblieben ist«. Wir haben die Fantasie, Teil einer länderumspannenden Befreiungsaktion zu sein, und schließlich haben wir den Mord am Gruppenmitglied Homann, der von der Gruppe, angeführt von Baader, im jordanischen Trainingscamp beinahe vollzogen worden wäre, wäre sie nicht von Palästinensern entwaffnet worden. Homann hatte den Politjargon als »durchsichtigen Vorwand für Sadismus und Gewalt« bezeichnet, und Baader schlug vor, alle Gruppenmitglieder sollten zur selben Zeit auf Homann schießen – so könne niemand mehr aus der Gruppe aussteigen; »die Gruppe muß Gruppe bleiben und parieren«, sagt Dostojewskijs Pjotr Stepanowitsch.

Bis heute ist die RAF ein Faszinosum, wie die viel besuchte Berliner RAF-Ausstellung zeigt. Warum? Walter Benjamin spricht in seinem Essay Zur Kritik der Gewalt von der Figur des »großen Verbrechers«, der die »heimliche Bewunderung des Volkes« errege. Was macht den Verbrecher groß? Es ist die Geste der Selbstermächtigung zur Gewalttat – dadurch erreicht auch das Mitglied einer terroristischen Vereinigung eine Selbstüberhöhung, die in der Moderne sonst nicht zu haben ist. In modernen bürgerlichen Gesellschaften ist die Rolle des Heer- oder Bandenführers nicht mehr zu besetzen, nur als terroristischer Gewalttäter kann man sich ähnliche Sensationen verschaffen. Das, was in den Verlautbarungen der RAF immer eine so große Rolle spielte, nämlich aus sich selbst in der Aktion den »neuen Menschen« zu machen, ist auf solche Grandiositätserlebnisse zurückzuführen. Der ehemalige RAF-Kurier Volker Speitel hat es einmal so formuliert: »Der Eintritt in die Gruppe, das Aufsaugen ihrer Norm und die Knarre am Gürtel entwickeln ihn dann schon, den ›neuen‹ Menschen. Er ist Herr über Leben und Tod geworden, bestimmt, was gut und böse ist, nimmt sich, was er braucht und von wem er es will; er ist Richter, Diktator und Gott in einer Person – wenn auch für den Preis, daß er es nur für kurze Zeit sein kann.«

Und mehr wäre da nicht zu sagen? Dostojewskij schreibt über den Auftritt Netschajews vor Gericht: »(Ich habe mich) mit der Sache befaßt, sogar über sie geschrieben – und plötzlich geriet ich ins Staunen. Niemals hätte ich mir vorstellen können, daß sie so einfach, so eindimensional dumm sei. (…) Was für ein kleiner Gymnasiast!« Im Roman lässt er den Vater Pjotr Stepanowitschs diese plötzliche Desillusionierung so formulieren: »Meine Herrschaften, ich habe das Geheimnis entdeckt. Das ganze Geheimnis ihrer Wirkung – liegt in ihrer Dummheit(…) Wäre das Ganze auch nur eine Spur klüger ausgedrückt, dann könnte jeder auf den ersten Blick die ganze Armseligkeit dieser kurzsichtigen Dummheit erkennen. Aber jetzt bleiben alle staunend davor stehen: Keiner will glauben, daß es sich um eine derart elementare Dummheit handelt. ›Es ist ausgeschlossen, daß nichts dahintersteckt‹, sagt sich jeder und sucht nach etwas Verborgenem, ahnt ein Geheimnis, möchte zwischen den Zeilen lesen…« Aber es ist tatsächlich nichts dahinter außer Größenwahn und Lust an der Gewalttat.

Gekürzte Fassung eines Vortrags, gehalten zum Auftakt der Veranstaltungsreihe »Nachgedacht. Geisteswissenschaften in Hamburg.« http://www.nachgedacht-hamburg.de

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Leserkommentare
  1. in einer Zeit wo alle Institutionen noch von Nazis besetzt waren , war diese Revolution gegen diese 35 Jahre zu spät, und gegen den heutigen neuen modernisierten Faschismus 30 Jahre zu früh.

    Gewalt ist immer sinnlos wenn sie kein neues Recht schafft.

    Am schlimmsten ist Gewalt wenn sie Unrecht schafft , das ist das woran die Menschheit momentan leidet, und sich rüstet diese Gewalt zu beenden. Die Obszönität der Verhältnisse zeigt sich nicht nur am heimtückischen Luftterror den die neuen Faschisten einsetzen um ihre Macht zu erhalten, sondern auch am Umgang mit der Schöpfung, in Hinsicht auf die Verdreckung der Welt und dem Klimawandel. Würden diejenigen die dieses zu verantworten haben je freiwillig auf ihre Macht und ihren Profit verzichten, und sich einem unabhängigen Gericht stellen ?

  2. 2. Wen?

    Die RAF fasziniert? Wen bitteschön? Alle Besucher der RAF-Ausstellung sind fasziniert von der RAF? Dann werde ich niemals mehr erwähnen, dass ich mal in Dachau gewesen bin, sonst hält man mich noch für einen Neonazi...

    Nichts gegen die Schlußfolgerungen, dass 'politische Motive' bei der RAF nicht existent waren - aber hier wird künstlich etwas aufgebauscht, das einfach nicht existiert.

    Vielleicht reicht der Vergleich mit den Nazis weiter: Abgesehen von einer (gottseidank kleinen) Gruppe von Unbelehrbaren dürften die meisten Deutschen heute der RAF mit angeekelter Verständnislosigkeit begegnen.

  3. Das erinnert mich an Jerry Lewis in dem Film 'The Nutty Profesor' (1963)

    • iceman
    • 10. März 2007 21:35 Uhr

    Vor 40 Jahren entstand die politische Linke, die die zweite Hälfte der Bundesrepublik dominierte.
    Geht man noch mal 40 Jahre zurück, gelangt man an die Anfänge der Nazibewegung.
    Weitere 40 Jahre rückwärts, und wir haben die Einführung der Krankenversicherung (1883).
    Weitere 40 Jahre, und wir haben die ersten Kämpfe für Demokratie (1847/48, Paulskirche).
    Nochmal 40 Jahre: Napoleonische Kriege und -Befreiungskriege.

    Eigentlich wäre es Zeit für einen Umbruch, eine neue Vision.
    Wir leben in langweiligen Zeiten.
    Zwar sterben wir langsam aus, vergreisen, verblöden, werden schleichend islamisiert (s.o.: ff), arbeiten teilweise für 6 Euro (möglichst bis 70), und stehen ratlos vor einem bevorstehenden Klimakollaps und Mullahs mit Atomraketen.
    Aber das macht nix.
    Solche Zeiten gehen als 'golden' in die Geschichte ein.
    Und die genannten Probleme werden wir versuchen zu lösen, in Ruhe und mit Intelligenz, ohne Blutvergiessen und in Frieden - so lange, bis der grosse Knall kommt (oder auch nicht).

  4. Die RAF fasziniert womöglich weniger wegen ihrer Gewaltanwendung, sondern weil sie deutlich und klar Stellung gegen den Kapitalismus bezogen hat und immer noch bezieht (siehe das Statement von Christian Klar zur Rosa Luxembourg Konferenz). Denn das ökonomische Primat des globalisierten Kapitalismus macht Natur und Menschen kaputt: Wir haben eine Klimakatastrophe und immer mehr Menschen leiden unter schweren Stresserkrankungen (und versterben auch an den Folgen dieser, Stichwort Herzinfarkt, Krebs) und psychosomatischen Erkrankungen (z.B. weil sie sich nicht mehr trauen sich krank schreiben zu lassen und sich somit bei Infekten etwa zu erholen). Der Kapitalismus führt einen Krieg gegen Natur und Mensch. Und die RAF führte einen Krieg gegen den Kapitalismus... und benennt das, was der Kapitalimus anrichtet beim Namen.

  5. Jan Philipp Reemtsma irrt.
    Die Motive waren politisch.
    Die Einschätzung der Erfolgsaussichten falsch.
    Ich weiß nicht, was Jan Philipp Reemtsma damals gesehen hat -
    ich habe napalmverbrannte kinder gesehen, tigerkäfige in Con Son, gemeuchelte vietcong, ermordete mönche.
    verheizte amerikanische altersgenossen, my lai.
    und kommentare von politikern, die jeden anstand fehlen ließen.
    Wurde doch damals schon fernab 'unsere freiheit' verteidigt.
    Jan Philipp, Buchgelehrter, ich versteh dich nicht, nimm den silbernen Löffel aus dem Mund und schmeck noch mal rein in '68:
    alles nur 'Größenwahn und Machtgier'?
    War aber schön, mal wieder in der ZEITung zu sein, ne?

  6. er beschreibt, wie eine ameise aussieht, wie sie sich bewegt, was sie tut ... und er hat in seiner beschreibung recht: das was die raf gemacht hat war anmassend und individualistisch. und am schlimmsten: es war kontraproduktiv. der 'sache', die gesellschaft zu verändern, sie humaner und vor allem offener zu gestalten, hat die raf einen bärendienst erwiesen.

    die damen und herren wollten sich amüsieren und haben dem ganzen ein politisches ettikett verpasst - und sorry, sie waren letzten endes genauso verblendet wie jeder wald und wiesen nazi, der wahrscheinlich auch denkt, er sei einer von den 'guten'.

    hätte er den ameisenhaufen beschrieben, was er (leider) nicht hat, würde der artikel vielleicht anders 'schmecken'.

    ich verstehe deine wut, aber - ich denke, du redest an ihm vorbei.

  7. jeden tag werden in unserem auftrag und namen menschen auf dieser welt umgebracht und da regt sich jemand darüber auf, das ein paar staatsbürger eben dieses recht für sich in anspruch genommen haben. es stellt sich die frage wer ist machtgeil und hat lust am töten oder reicht hier die politische motivation als rechtfertigung. danke für die gute einschätzung dieses staates, herr reemstma.

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