Russland

Kein Schock für die Sputniks

Russland protestiert gegen das geplante Raketenabwehrsystem der USA in Ostmitteleuropa. Doch wer genau hinsieht, merkt: Moskau ist nicht wirklich betroffen

Sind denn die Vereinigten Staaten noch nicht supermächtig genug? Müssen sie Russland auch noch mit diesem Hightechwunderwerk demütigen? Reicht es Washington nicht, den Kalten Krieg gewonnen zu haben, muss es jetzt auch noch Moskaus Atomraketen mit einem milliardenteuren Star-Wars-Abfangsystem kastrieren? Derart, im Groben, erregte sich Wladimir Putin im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Das Ballistic-Missile-Defense-System (BMD) der USA sei »hypothetisch geeignet, das Potenzial unserer Nuklearstreitkräfte zu neutralisieren«, sagte der russische Präsident. Sollte Amerika tatsächlich Radar- und Abfangstellungen in Tschechien und Polen installieren, bleibe Russland nichts anderes übrig, als seine Interkontinentalraketen so zu frisieren, dass sie das Abwehrsystem durchschlagen könnten. »Es geht hier um Selbstverteidigung!«

Sind die USA also schuld daran, wenn die Welt in eine neue Ära des Wettrüstens eintritt, in ein space race um Raketenflugbahnen durchs All? Kanzlerin Angela Merkel zeigte Verständnis für Putins Verstimmung, ebenso Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Konsultationen über potenziell einschneidende Veränderungen im strategischen Weltgefüge, so Merkel, sollten »lieber einmal mehr als zu wenig erfolgen«. Daraufhin beeilte sich US-Außenministerin Condoleezza Rice klarzustellen, ihre Regierung habe seit vergangenem Frühjahr schon zehnmal mit Russland über die Raketenpläne gesprochen. Auch im Nato-Russland-Rat sei das BMD immer wieder ein Thema gewesen.

Natürlich darf bezweifelt werden, ob es besonders klug von der US-Regierung ist, der zusammengestutzten Landesmacht Russland neue Raketensilos vor die Nase zu setzen. Es ist ja mehr als eine bloß historische Erinnerung, wenn Putin darauf aufmerksam macht, nach der Wende von 1989 habe es zu den außenpolitischen Versprechen der westlichen Verbündeten gehört, keinerlei Nato-Aufrüstung in Osteuropa zu betreiben. Schließlich lässt sich kein Land gerne einkreisen.

Doch wenn die Diskussion über die Raketenabwehr so weitergeht wie bisher, dann könnte der russische Präsident bald erreichen, was er mit seiner Münchner Rede vor allem im Sinn gehabt haben dürfte: die US-Missile-Defense zur Gefahr für die globale Stabilität zu überhöhen, um sie im selben Zug als Keil zwischen die Nato-Partner Amerika und Europa zu treiben. Denn auch dem Kreml-Chef dürfte insgeheim klar sein, so viel Erniedrigungspotenzial, wie er dem BMD-System ex cathedra zumisst, besitzt es bei genauerer Betrachtung keineswegs, auch nicht auf längere Sicht. Zwar haben die Strategen im Pentagon ein System erdacht, das in seiner Komplexität und seinen Dimensionen an Science-Fiction-Streifen erinnert. Um einen Kalten Sternenkrieg auszulösen, ist es allerdings zu harmlos. »Raketenschirm« wäre schon die falsche Metapher für das BMD-System. Vergleichsweise treffender geht es darum, eine Gewehrkugel mit einer Gewehrkugel aufzuhalten.

Gegen eine Salve von Geschossen ist Amerika bis heute schutzlos

Die Idee, die USA vor Raketenbeschuss zu schützen, ist nicht neu. Von 1983 an ließ Ronald Reagan die recht verwegene Strategic Defense Initiative (SDI) ausarbeiten. Dieser weltraumgestützte Abwehrgürtel sollte anfliegende Sowjetraketen noch in der Luft zersprengen. Fünf Jahre und knapp 30 Milliarden Dollar später war klar, dass sich ein solcher umfassender Schild gegen Hunderte ballistische Geschosse, die im Kriegsfall auf Amerika zurasen würden, technisch schlicht nicht spannen ließ. Daran hat sich bis heute nichts geändert; gegen eine Armada von Hightechraketen ist Amerika nach wie vor schutzlos.

Ende 2002 wies Präsident George W. Bush allerdings das Pentagon an, möglichst schnell einen effektiven Schutz gegen, wenn man so will, einzelne »Schurkengeschosse« zu bauen. Denn seit dem 11. September 2001 herrscht in Washington die Angst, der nächste Angriff gegen das homeland könne nicht mit entführten Passagierflugzeugen geführt werden, sondern mit echten Langstreckenwaffen, made in Iran, Nordkorea oder Pakistan. Knapp ein Jahr nach 9/11 stiegen die USA deshalb aus dem Vertrag zum Verbot von Raketenabwehrsystemen (ABM-Vertrag) aus, den sie 1972, in der Hochphase des Kalten Krieges, mit der Sowjetunion geschlossen hatten. Auch dies hatte Moskau – nicht zu Unrecht – krumm genommen.

Doch die Abwehr einzelner, vergleichsweise unmoderner Raketen bereitet den Pentagon-Technikern von heute erhebliche Probleme. Interkontinentalraketen legen den Großteil ihres Weges bis zum Ziel durch den Weltraum zurück. Dort fliegen sie etwa 20 Minuten lang in einer Parabelkurve mit einer Geschwindigkeit von rund 26000 Kilometern pro Stunde. Auf der Hochgeschwindigkeitsbahn durchs All, so die Vorstellungen der 2002 gegründeten Missile Defense Agency, sollen Abfangraketen die Angriffsflugkörper entweder direkt treffen oder ihnen kleine, manövrierfähige »kill vehicles« in den Weg legen. Allein der Aufprall auf diese Metallköpfe soll die Angriffsrakete in tausend Stücke sprengen.

Derzeit stecken 14 Abfangraketen, sogenannte Ground Based Interceptors (GBIs), in Silos in Fort Greely, Alaska, und 2 in Vandenberg, Kalifornien. Sobald Satelliten irgendwo auf der Welt den Start einer Langstreckenrakete orten, könnten die GBIs abheben. Um die Abfänger im All zu steuern, haben die USA gewaltige Radaranlagen gebaut, die noch durch die Erdatmosphäre hindurch mit hochpräzisen Kurzwellensignalen operieren können. Eines dieser X-Band-Radare steht in Thule, Grönland, eines in Fylingdales, England, und eines auf einer mobilen Seeplattform vor Alaska. Ein viertes solches »Auge« für die Raketenabwehr ist in Tschechien geplant. Recht neblig deutete das Pentagon kürzlich auch noch an, ein fünftes Radar im Kaukasus errichten zu wollen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Russland und Iran.

Erste Erfolge mit den Anti-Raketen-Raketen (Gesamtentwicklungskosten bisher: 90 Milliarden Dollar, Budget für 2007: 10 Milliarden) gibt es bereits, doch es dürfte noch einige Jahre vergehen, bis sie zuverlässig funktionieren. Bisher klappten Testabschüsse nur unter einfachen Bedingungen. Insgesamt setzen die USA deshalb auf eine Mehrschichtabwehr, die klassische Systeme ebenso einschließt wie futuristische Laserkanonen (siehe Grafik). Frühestens 2011, glaubt der Chef des Raketenprogramms, Generalleutnant Henry Obering, könnten die ersten Abfangraketen in Osteuropa stationiert werden. »Wir reden von bis zu zehn Interzeptoren, die wir in Polen aufstellen könnten, um Bedrohungen aus Schurkenstaaten zu begegnen«, sagte Obering kürzlich vor Journalisten. Russland zähle nicht zu dieser Kategorie, ergänzte er. Zudem sei es von Polen aus mit den GBIs physikalisch unmöglich, russische Raketen abzufangen.

Doch auch wenn dies eines Tages möglich werden sollte; in Russlands Atomarsenal verblieben, selbst wenn Moskau allen Abrüstungsverpflichtungen nachkommen würde, im Jahr 2011 noch rund 1500 raketengestützte Sprengköpfe. »Wenn man eine Schlagkraft von 1428 Sprengköpfen als Beispiel nimmt«, rechnet der wissenschaftliche Direktor des Zentrums für Internationale Sicherheit an der Stanford-Universität, Dean A. Wilkening, vor, »brauchte es ein Abwehrsystem mit beinahe 125 Interzeptoren, um Russlands ballistische Vergeltungsfähigkeit um 20 Prozent zu reduzieren, um also eine Schwelle zu erreichen, ab der ein Verteidigungssystem bedrohlich werden könnte.«

Bedroht fühlen dürfte sich eher China. Es probt schon den Satellitenabschuss

Zudem verfügt Russland nach Einschätzung von Experten schon heute über ballistische Raketen, die in der Lage sind, das US-Abwehrsystem zu überlisten. »Die russische Topol-M ist die modernste feststoffgetriebene Interkontinentalrakete der Welt«, sagt der Rüstungsforscher Sascha Lange von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). »Sie beschleunigt außergewöhnlich schnell, und ihr Gefechtskopf ist gewissermaßen in der Lage, im Flug Haken zu schlagen. Außerdem kann sie Täuschkörper ausstoßen, um Abfangraketen abzulenken.« Putin könnte also durchaus entspannt bleiben. Russlands Abschreckungspotenzial bliebe erhalten.

Bedroht fühlen vom amerikanischen Missile-Defense-System könnte sich eher China. Denn Peking verfügt, sagt SWP-Experte Lange, bislang nur über vergleichsweise reaktionsträge Langstreckenraketen. Dass die chinesische Armee unlängst ihre Fähigkeit demonstrierte, einen Satelliten aus dem Orbit zu schießen, könnte indes ein Wink der robusten Art gewesen sein. Schließlich planen die USA, Teile der Missile Defense für den Pazifik-Raum auch in Japan zu errichten. »War der Abschuss vielleicht eine Einladung an Washington, generell mit Peking über Weltraumrüstung zu verhandeln?«, fragt Lange.

Vorerst haben sich eine Reihe europäischer Staatschefs vorgenommen, die verhagelte Stimmung zwischen Amerika und Russland aufzuheitern. Putins Großmachtkränkung müsse ernst genommen werden, wenn auch nur psychologisch, lässt unter anderem der Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer durchblicken. Das Thema BMD, schlägt er vor, solle »natoisiert« werden. Möglicherweise liegt der Schlüssel zu Brüsseler Friedensgesprächen in London. Denn als Alternativstandort für die US-Abfangraketen kommt Großbritannien infrage.

Vergangene Woche enthüllte das Nachrichtenmagazin The Economist, Premierminister Tony Blair führe bereits seit letztem Herbst vertrauliche Gespräche mit der US-Regierung, um die Abfangraketen-Basis auf die Insel zu bekommen. Er verspreche sich damit, so das Blatt, mehr Sicherheit für sein Land. Kein ganz dummer Gedanke vielleicht. Zwar werden die USA nicht müde zu betonen, von BMD sollten alle »Alliierten und Freunde« profitieren. Aber eine Handvoll Raketen wären im Ernstfall sehr schnell verschossen. Glücklich dann das Land, das selbst »systemwichtig« ist.

Schon machen Visionen die Runde, wie doch noch alle Seiten vom Washingtoner Hightechwunderwerk profitieren könnten. Amerika, indem es künftig unnötigen Zores mit Moskau verhindern lernt. Die Nato, indem sie in die US-Abwehr einsteigt, statt, wie derzeit diskutiert, ein eigenes milliardenschweres Programm aufzulegen. Russland, dem man anbieten könne, irgendwann ebenfalls unter den Schutz des Raketenschildes zu schlüpfen. Möglicherweise könnte Wladimir Putin das schon bald für eine gute Idee halten. Erst vor wenigen Tagen testete Iran eine Rakete, die zunächst als weltraumfähig eingestuft wurde – was die Fähigkeit Teherans beweisen würde, Interkontinentalraketen zu bauen. Die Neuentwicklung entpuppte sich zwar als Geschoss mit begrenzter Reichweite. Doch es muss nicht lange dauern, bis die Welt einen neuen, einen iranischen »Sputnik-Schock« erlebt. Der dürfte dann auch – diesmal sehr zu Recht – in Moskau Abwehrreflexe auslösen.

Beruf Terrorist - Jochen Bittner bloggt über Terrorismus und Geheimdienste. »

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    • Von Jochen Bittner
    • Datum 8.3.2007 - 04:34 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 08.03.2007 Nr. 11
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