Ach, Susanne! Was soll dieser Rundumschlag? So dachte ich beim ersten Lesen des Beitrages . Hat sie sich nun auch in die Garde der Mißfelders eingereiht, die jener junge CDU-Abgeordnete anführt, der uns die künstlichen Hüften missgönnt? Doch dann fragte ich mich, hat sie womöglich recht, wenn sie meint, wir Älteren fielen ihr und ihresgleichen auf den Wecker, weil wir so unendlich viel Zeit haben und ihnen dieselbe stehlen? Wenn sie meint, dass wir aus dem sicheren Port des Ruhestandes heraus sie anstachelten, kompromissloser und radikaler die Modernisierung unserer Gesellschaft zu betreiben, wie meine Altersgenossen Baring und Biedenkopf es in ihren Talkshow-Sesseln unentwegt fordern? Dass wir, Heuschrecken gleich, die Hörsäle der Universitäten besetzten und ihresgleichen mit ständiger Besserwisserei zudeckelten? Dass wir Silberfüchse rücksichtslos unsere Jahre ausspielen, wenn wir nervenstark an der Kasse umständlich in unserer Geldbörse nach einem 5-Cent-Stück suchen oder uns, gleich wo, stundenlang beraten lassen, während die Schlange hinter uns lang und länger wird? Hat sie recht, wenn sie fürchtet, dass wir, bald die Mehrheit der Wähler bildend, uns eher für die Rentenfinanzierung interessierten als für den Ausbau des Bildungssystems? Werden die Alten in den nächsten Jahrzehnten stilbildend wirken, werden sie sich ungeniert nackend ausziehen und großflächig plakatieren lassen? Was spricht gegen Rentner im Hörsaal? Endlich haben Professoren mal pünktliche, aufmerksame Zuhörer. Hier Studenten der Seniorenakademie an der Technischen Universität Dresden BILD

Keine Angst, wir bleiben bekleidet, wenn auch, fit, wie wir uns nun einmal fühlen, in Jeans, die uns natürlich viel zu eng sind, und mit einer Baseballkappe auf dem Kopf, die unseren gelichteten Haarschopf verdeckt. Auch gut möglich, dass eines Tages ein angejahrter Thomas Gottschalk seinen Enkeln Haribo andreht oder mit einer hüftlahmen Verona Pooth für Union Investment ein Tänzchen wagt, um auf den Wetterbericht im Fernsehen einzustimmen. Wäre das so schlimm?

Aber schwer vorstellbar bleibt, dass Alte für Altenprodukte werben werden, es sei denn in der Bravo für Alte, der Apotheken Umschau . Wäre das Navigationssystem im Auto, unbestritten eine wunderbare Unterstützung für ältere Autofahrer, als Seniorenhilfe angeboten worden, hätte es sich nicht so schnell durchgesetzt. Der Seniorenteller ist von der Speisekarte längst wieder verschwunden. Ältere wollen nicht ständig auf die Nase gebunden bekommen, dass sie alt sind. Deshalb scheuen viele von ihnen das Altersheim und entern ungern das Kreuzfahrtschiff MS Europa, das sie für ein schwimmendes Altersheim mit Särgen an Bord halten. Dass Karl Lagerfeld demnächst alte Damen über den Laufsteg scheucht – undenkbar. Nein, die Älteren werden den Stil der kommenden Jahre nicht prägen. Die jugendlichen Hüpfer werden weiterhin den Ton vorgeben, aber sie werden mehr und mehr die Älteren als wichtigen Wirtschaftsfaktor umschmeicheln.

Die Alten an der Macht? In der Politik sind sie unterrepräsentiert!

Sicher, das wäscht kein Regen ab: Die Kohorte der Alten nimmt an Umfang und Stärke zu. Wird sie nun, ihre Macht ausspielend, nur noch ihre eigenen Interessen vertreten? Versorgung vor Bildung? Wird eine Graue Pantherin demnächst das Bundeskanzleramt erobern und sich im Bundestag auf eine Fraktion der Greise stützen? Während anderswo, zum Beispiel in China, dem Land der Zukunft, ältere Herrschaften in den politischen Gremien den Ton angeben und in Italien der steinalte Andreotti seine Stimme für Prodi in die Waagschale werfen darf, sind bei uns, ob im Bund oder in den Ländern, die Alten schmählich unterrepräsentiert. Otto Schily ist mit seinen 74 Jahren der Älteste im Bundestag, schlappe 83 Abgeordnete von 614 sind dort über 60 Jahre alt. Und das wird wohl auch in der Zukunft so bleiben. Die Ellbogen der jüngeren Politiker sind halt spitzer.

Wer fürchtet, die Älteren würden egozentrisch in der Politik die Richtung vorgeben, reproduziert offenbar seine eigene Vorstellung auf die Alten. In den Seniorenbeiräten der Parteien und Kommunen geht es nicht um Rentenerhöhung, sondern um praktische Belange der älteren Generation, um ihre Teilhabe an der Gesellschaft, um Möglichkeiten, Erfahrung und Wissen einzubringen. Auch wenn Sie es nicht glauben, Susanne, wir wissen, was wir der Gesellschaft schuldig sind.