Wrocaw/Breslau Jedlina Zdrj/Bad Charlottenbrunn

Hans-Joachim Goldschmidt hat blasse Rosen mitgebracht, in Zellophan eingeschlagen, einige lassen die Köpfe hängen. » Wie schön, Blümchen«, sagt die Frau in holprigem Deutsch und holt eine Vase. Sie steckt die Blumen ins Wasser und setzt sich Goldschmidt gegenüber in den Sessel, in dem bis vor einigen Monaten immer ihr Mann saß. » Nach 50 gemeinsamen Jahren hat ihn mir das Schicksal genommen«, sagt sie. Nun hat das Schicksal ihr diesen Fremden ins Haus gebracht. Er ist Deutscher, sie Polin. Seine Familie hat dieses Haus im polnischen Breslau einst besessen, heute gehört es ihr. Jetzt klagt Goldschmidt auf Rückgabe. Zofia Gerlicz-Pruszyska überspielt das unbehagliche Gefühl und lächelt mit ihrem sorgfältig geschminkten Mund. Zum ersten Mal treffen ein deutscher Kläger und von den Klagen Betroffene in Polen aufeinander.

Am Tag zuvor hatte Goldschmidt in Berlin seine schwarze Reisetasche gepackt, alte Dokumente und Familienfotos zusammengelegt und sich auf den Weg gemacht, nach Polen. Schauen, was übrig ist von dem, was mal seiner Familie gehört hat, vor dem Zweiten Weltkrieg, als die deutschen Grenzen östlicher verliefen und Breslau noch nicht polnisch war. Im Besitz der Goldschmidts waren damals eine Seifenfabrik, die jetzt den britischen Cussons-Werken gehört - ein Grundstück in der Breslauer Innenstadt, ein Gutshaus mit einem fußballfeldgroßen Grundstück in dem Kurort Jedlina Zdrój, knapp 90 Kilometer süd-westlich von Breslau. Und die Villa von Zofia Gerlicz-Pruszyska.

Im November hat Hans-Joachim Goldschmidt als einer von 22 Klägern der Preußischen Treuhand Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingereicht. Goldschmidt will entschädigt werden. Vom polnischen Staat. Er fordert Gewinnbeteiligung an den Cussons-Werken, vergleichbare Ersatzgrundstücke oder Geld. Die Preußische Treuhand macht es ihm möglich.

Die Gesellschaft versteht sich als eine »Selbsthilfeorganisation der Vertriebenen für deutsches Vermögen«. Vor sieben Jahren wurde die Kommanditgesellschaft gegründet, seitdem haben rund 1000 Anleger Aktien gezeichnet. Mit dem Geld werden die Klagen finanziert. Die Kläger fordern Entschädigung für das, was ihre Familien bei den Vertreibungen des Zweiten Weltkriegs verloren haben. » Heilung des Vertreibungsverbrechens« nennt es die Treuhand. Und »Wiederherstellung des vor der Verletzung bestehenden Zustandes«. Die polnische Außenministerin Anna Fotyga bezeichnete die Klagen als »skandalös«, Präsident Lech Kaczyski kritisierte den »ruinösen Einfluss« auf die deutsch-polnischen Beziehungen. Anders als in Deutschland kämen in Polen nur wenige auf die Idee, die Treuhand als einen Privatverein von Spinnern zu belächeln. Dazu tragen nicht zuletzt Äußerungen von Treuhand-Mitgliedern wie die des Aufsichtsratsvorsitzenden bei. » Das Deutsche Reich besteht in den Grenzen von 1937 fort«, sagt der 83-jährige Alexander von Waldow. Der deutsche Angriff auf Polen sei »eine aus christlicher Sicht falsche Reaktion auf polnische Grenzprovokationen«. Um ihren Ruf als Revanchisten-Verein zu kaschieren, kam der Treuhand deshalb Hans-Joachim Goldschmidt gerade recht. Es ist kein Zufall, dass sie gerade ihn als Kläger bekannt gegeben hat. Goldschmidt ist ein Spätgeborener, 56 Jahre alt. Jude.

Seine Familie wurde von den Nationalsozialisten enteignet. Weil ein SS-Obersturmführer zu ihren Gunsten intervenierte, überlebte die Familie den Holocaust. In den letzten Kriegsmonaten zog Goldschmidts Großmutter nach Jedlina Zdrój, in das einzige Haus, das ihnen die Nationalsozialisten von ihrem Eigentum ließen. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod 1966, dann ging das Haus in polnischen Staatsbesitz über.

Ihr Enkel wirft nun Polen vor, sich nach 1945 an dem Familieneigentum »bereichert« zu haben. Seitdem behauptet die Treuhand auf ihrer Internetseite, dass sie auch für jüdische Deutsche kämpfe, »denen zweimal großes Unrecht zugefügt wurde«. In Polen empörten sich Politiker und die Boulevardpresse über diesen Schachzug: »Man könnte meinen, dass nicht die Nazis, sondern die Polen Juden verfolgt hätten!«