Irgendetwas muss schiefgelaufen sein am 31. März 2000, obwohl doch alles seine feierliche Ordnung hatte. Es war ein besonderer Tag in der Glockengießerei Bachert in Heilbronn. Freitags, pünktlich um 15 Uhr, der Sterbestunde Jesu und traditionellen Geburtsstunde aller Glocken, ergoss sich die mehr als 1000 Grad heiße Glockenspeise durch die Gießkanäle in die Form. Zwei Wochen lang kühlte das zu 78 Prozent aus Kupfer und zu 22 Prozent aus Zinn bestehende Bronzegemisch ab, ehe es mit aller Vorsicht aus seinem gemauerten Formkern geborgen wurde. Vor den Augen der anwesenden Gießer und Geistlichen wandelte sich der unförmige schwarze Koloss zu einem Stück Glockengießerkunst der besonderen Art: der Jahrtausendglocke für die Hamburger Michaeliskirche. Diese Versuchsglocke wird im schalltoten Raum der Fachhochschule Kempten einer gnadenlosen Materialprüfung unterzogen BILD

Geschmückt mit dem Stadtwappen, einer Darstellung des Erzengels Michael und der Inschrift »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir. Denn bei Dir ist die Vergebung, dass man Dich fürchte« (Psalm 130, 1 + 4), wurde das 7542 Kilo schwere Kunststück am 19. Juni 2000 mit einem Teleskopkran in den 132,14 Meter hohen Kirchturm gehievt. Zum ersten Mal seit 83 Jahren, nachdem die alte Glocke 1917 für den Krieg eingeschmolzen worden war, erfreuten sich die Hamburger wieder am vollständigen Geläut der sechs Michelglocken, nunmehr dominiert vom Ton des tiefen F, dem Schlagton oder Nominal der Jahrtausendglocke. Und alle, die ihn hörten, waren ganz ergriffen von dem wunderbaren Klang.

Nun ist der Ruf »aus der Tiefe« seit fast einem Jahr verstummt. Und von den vielen Menschen, die dem feierlichen Geläute so andächtig lauschten, hat es kaum einer gemerkt: Die Jahrtausendglocke hat einen Sprung und wurde schon im März 2006 zum Schweigen gebracht.

Wann sie wieder erklingt, ist offen. Zuerst einmal muss geklärt werden, woher der Schaden rührt und wer dafür geradestehen muss. Die Sachverständigen halten sich bedeckt. Keiner der Beteiligten hat offenbar ein Interesse, dieses Debakel an die große Glocke zu hängen, zumal der Riss keineswegs von den für die Wartung Verantwortlichen entdeckt wurde, sondern von einem Hamburger Gymnasiasten. Dem damals 15-jährigen Albert Zasada war schon im Herbst 2005 aufgefallen, dass etwas nicht stimmte, »die Glocke klang irgendwie matt und herb«, erinnert er sich. Der junge Hobby-Campanologe alarmierte die Wartungsfirma und erhielt nach ein paar Wochen die Bestätigung: »Sie haben ein gutes Gehör«; die Glocke sei tatsächlich gesprungen. »Zu Pfingsten hatte sie noch wunderbar geklungen, und im September war sie schon kaputt«, erinnert sich Zasada. Dennoch wurde die Glocke noch ein halbes Jahr lang weitergeläutet, inzwischen hat sich der Sprung zu einem 37 Zentimeter langen Riss ausgedehnt.

Vermutlich ist ein Gussfehler die Ursache. Dann haftet die Gießerei, und Albert Bachert, der das Unternehmen seit 1983 leitet, weiß das auch. »So etwas passiert immer wieder in jeder Glockengießerei. Allerdings haben wir es lieber, wenn es nicht so prominente Glocken sind.« Beim Guss könne trotz aller Erfahrung, wie sie in dem 1745 gegründeten Bachertschen Familienbetrieb vorhanden ist, unendlich viel schiefgehen. Die Gusstemperatur spielt eine Rolle, die Trocknung der Form, das Wetter. Der Unternehmenschef fürchtet nicht so sehr den finanziellen Verlust. »Der ideelle Schaden ist in diesem Fall größer. Es ist schlimm. Es ist sehr traurig«, sagt Bachert und kämpft um Selbstbeherrschung.

Nur noch etwa 20 Gießereien gibt es in Europa, acht davon in Deutschland. Um zu überleben, müssen sie Qualität liefern. »Der Beruf wandelt sich«, sagt Bachert. In Zukunft gehe es weniger darum, neue Glocken zu gießen; vielmehr gelte die Arbeit künftig mehr dem Erhalt der historischen Glocken. Da brauche man profunde Kenntnisse, die nicht mehr allein der Tradition entnommen werden könnten. Aus diesem Grund beteiligt sich die Gießerei Bachert zusammen mit sieben anderen europäischen Gießereien an dem mit 1,6 Millionen Euro dotierten EU-Forschungsprojekt Probell, dessen deutschen Part die Fachhochschule Kempten übernommen hat. In erster Linie ist Probell ein Projekt zur Förderung des Mittelstandes. Die Glockengießer wollen von den Forschern aus Kempten wissen, wann sie wirklich schuld sind an einem Glockenschaden, wann sie dafür haften und neu gießen müssen – und wenn ja, wie man dergleichen künftig verhindert.