Da stand das Häuflein der 500 im dünnen Regen vor Mitternacht, die Zuschauer aufgereiht auf den Treppen zum Völkerschlachtdenkmal, das grau aus Scheinwerfergarben emporwuchs wie ein Hindutempel, ein Vorposten von Angkor Wat. Hier hatten Germaniens Stämme vor 200 Jahren Napoleons Horden geschlagen, als der es übertrieb mit dem Kriegführen, dem Glorifizieren seiner Kaiserperson. Man prügelte ihn zum Land hinaus: an die Hunderttausend blieben vor Leipzig liegen, Napoleons zusammengeflickte Grande Armée zerbröselte im Rückzug. Reste krochen später durch Indochina, gingen nach Algerien: als universal soldier.

Jetzt rocken sie in der Regennacht auf einer Pontonbühne im großen Wasserbassin am Fuß des Denkmals, fünf Dutzend Youngsters zucken unter Stahlgestänge, Ofenfässer lodern, ein Vorrapper rappt einpeitschende Verse: »Wir heißen des Friedländers wilde Jagd, der Tiger hat kein Erbarmen - wo immer wir durchgekommen sind, / erzählen die Kinder noch in hundert Jahren / von des Friedländers wilden Scharen« So in der Art jagt das dahin, schwadroniert vom lustigen Gewerb des Söldners, von Raub und Hurerei. Wer besser zahle, bei dem kämpfe man seis beim Tilly, beim Schweden oder beim Friedländer Wallenstein. Hei, wie das ruckt und fluppt, chorisch und solo, und der Kapuziner springt mit fliegender Kutte in die zappelnde Leibermenge und beißt dem Mikro fast in die Kehle bei seinen gebellten Attacken auf die Söldnerhunde! Ja, diese Knittelverse sind reiner Schiller und jetzt heiserer Bandenrap.

Wallensteins Lager, auf dreißig Minuten zum Rock-Wigelaweia eingekocht, macht kurze Zeit was her, und wie dann auch noch zwei Reiter im Spotlight ans Wasserbecken galoppieren, kriegt die Chose direkt Eventcharakter: Der Mob schmeißt den Bußprediger ins Wasser, die Boten reiten von dannen, die nasse Zuschauertruppe, unter rasch ausgeteilten Folienumhängen anzusehen wie ein feucht glitzerndes Anti-Aids-Tableau, löst sich von den Stufen und tappt zu den Bussen: Retour in die Leipziger Innenstadt, s ist Mitternacht. Und endlich Schluss.

Als Einstieg, in Foyer und Treppenhaus des wackren Schauspielhauses, wäre das möglicherweise ein irritierender Auftakt gewesen, war auch als Vorspiel von Schiller so gemeint: Seht, welcher Mob die Heere sind in diesem dreißig Jahre währenden Krieg! Seht, wie diese Soldateska einen geradlinigen Führer und Bändiger braucht! Der ist nun freilich schon tot in der Leipziger Fassung des dreiteiligem Wallenstein.

Dessen erster Teil, Wallensteins Lager, dient hier nur als Satyrspiel nach viereinhalb Stunden normalem Theater und anderthalb Stunden Abendessen mit Sauerkraut, Ente, Knödel, Würstel und Wein. Da hat das Vivat auf den längst erstochnen Wallenstein im regennassen Nachklapp was Spaßiges.

Vor acht Jahren inszenierte Hausherr Wolfgang Engel schon einmal an verschiedenen Orten, im Theater, auf einem aufgelassenen Friedhof und in Auerbachs Keller: Faust I und II in großer theatralischer Zubereitung. Engels Wallenstein jetzt beginnt auf einem ausrangierten Fabrikgelände. Backsteinrote Gemäuer, Schornsteine, eisenverstrebte Glasfronten. Nach einer Taxifahrt durch geborstene Althausbestände, zerstört von der Furie des Kriegs und dem Zahn arbeitsloser Zeiten, findet man, an Sandsackdämmen entlang, den Weg in die Riesenhalle einer einstigen Baumwollspinnerei, jetzt Spielort der Piccolomini.

Ockerbeige überschlämmte Ziegelmauern, offene Durchbrüche nach hinten, Kaminfeuer, Perserteppiche und Feldgestühl.