StudienVom Wein beseelt

Wer Weiß- oder Rotwein trinkt, soll seltener einen Herzinfarkt bekommen. Behauptet die Branchenlobby mit Hilfe von umstrittenen Studien von Andrea Exler

Wein wird immer besser, ist aber schlechter als der Ruf, den Winzer und Lobbyisten über ihn verbreiten. Das hören die nicht gerne. Natürlich. Denn über Jahre haben sie daran gearbeitet, dass ihr Alkohol als Genuss- und nicht als Suchtmittel angesehen wird. Dass Wein sogar gesundheitsfördernd ist und nicht etwa krank macht. So wie es harte Alkoholika, also Korn und Schnaps, oder Zigaretten können.

Parallel zum Wirken der Weinbranche haben die Deutschen in den vergangenen Jahren tatsächlich immer häufiger Shiraz und Riesling, Cabernet Sauvignon und Chardonnay, Grenache und Moscatella getrunken. Weinbücher und Probierkurse sind ausgebucht wie nie zuvor, und eine wachsende Schar von Liebhabern debattiert über Rebsorten oder Holzfasslagerung. Schätzungsweise sechs Milliarden Euro wurden im Jahr 2005 mit Wein umgesetzt. Neuere Zahlen gibt es nicht, doch der Trend ist eindeutig, der Weinabsatz wächst, während der Bierkonsum zurückgeht.

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Bei ihrer Arbeit bedienen sich die Lobbyisten im Zeitalter der gesunden Ernährung gerne einer Autorität, deren Urteil unangreifbar scheint: der Medizin. Zahlreiche Forschungsarbeiten sollen belegen, dass der gute Tropfen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Arterienverkalkung, Demenz, Alzheimer und anderen verbreiteten Leiden schützt. Die Verbindung von Wein und Gesundheit geht bis in das Jahr 1991 zurück, als der französische Professor Serge Renaud seine These vom »French Paradox« präsentierte. Demnach erlitten seine Landsleute nicht trotz, sondern wegen ihres regelmäßigen Weinkonsums seltener Herzinfarkte als Deutsche, Briten oder Amerikaner.

Unter Renauds Anhängern sind Forscher wie Joline Beulens von der Harvard School of Public Health. In der Januar-Ausgabe der Zeitschrift Annals of Internal Medicine legt sie anhand neuer Daten dar, dass mäßiger Alkoholkonsum das Infarktrisiko senke. Vor drei Jahren wies eine groß angelegte Studie über Risikofaktoren von mehr als 15000 Herzinfarktfällen in 52 Ländern auf allen fünf Kontinenten in die gleiche Richtung. Der sogenannten Interheart-Studie zufolge sollen Abstinenzler rein statistisch häufiger Herzinfarkte erleiden als mäßige Trinker.

Doch so eindeutig, wie Renaud und andere die Wirkung des Weins bewerten, ist es eben nicht. Die Fachwelt ist gespaltener, als es die Weinlobby gerne hätte. Eindeutig »gesundheitsfördend« ist er gerade nicht.

Fachleute zweifeln mit folgenden Argumenten an der wissenschaftlichen Belastbarkeit der weinfreundlichen Studien. »Es ist vielfach angemerkt worden, dass die Ergebnisse auch darauf beruhen könnten, dass die Vergleichsgruppe der Nichttrinker ungünstig zusammengesetzt war«, sagt Holger Neye. Er ist Pharmazeut und prüft bei der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen Medikamente auf ihre Wirksamkeit. Untersucht wird in der Regel eine Gruppe mäßiger Weintrinker, deren Gesundheitszustand mit dem einer Kontrollgruppe von Abstinenzlern verglichen wird. Kritiker weisen nun darauf hin, dass auch Abstinenzler teilnehmen können, die ehemals Alkoholiker waren, chronisch krank sind oder einfach schon älter. Zur Kontrollgruppe können also Personen gehören, deren Gesundheit bereits angegriffen ist und die deswegen auf Alkohol verzichten.

Leserkommentare
  1. Endlich wurde einmal ein Artikel darüber veröffentlicht, wie sich diese angeblich so seriösen medizinischen Untersuchungen oft genug als Gefälligkeitsstudien im Dienste einer Branche erweisen. Schade nur, dass die Autorin so wenig auf die Rolle derjenigen Pressevertreter eingegangen ist, die diese Studien dann auch noch öffentlichkeitswirksam verbreiten. Wer bekommt denn diese vielen Hunderttausend Euro hin, die die Weinlobby für die Bearbeitung der Presse und der diversen Internet-Blogs ausgibt? Das wäre doch einmal einen Artikel wert, oder?

  2. 2.

    Prinzipiell korrekt - aber andererseits: Wer trinkt schon Wein, nur weil er gesund ist?

  3. Am Ende wird herauskommen, dass es die Dosis ausmacht-aber angenommen, die Folgerungen des Artikels stimmen, heißt das dann, dass die ausgesuchte Gruppe der 'Weintrinker' noch besser wegkommen würde, als die Gruppe der 'Abstinenzler', wenn sie auch abstinent wäre (hört sich absurd an). Außerdem wäre interessant, warum dann wirklich in Frankreich und Italien weniger Koronardefekte auftreten- denn das ist ja ,soviel ich weiß, unbestritten.

  4. Die Weinindustrie versichert uns, daß Wein gesund ist, die Käseindustrie behauptet das Gleiche vom Käse und die Schokoladenfabrikanten haben längst entdeckt, dass man mehr Schokolade essen muss -- die Liste ist endlos. An anderer Stelle in dieser Nummer der 'Zeit' wird gleichzeitig bewiesen, dass zu viel Obst ungesund ist, besonders Äpfel, denn sie enthalten unverdauliche Fruktose!

  5. Habe gerade einen schönen Gewürtstraminer, trocken ausgebaut, aufgemacht und genieße meinen Schoppen. Die Abstinenzler können gerne ihr Asketentum durch Gefälligkeitsgutachten zu einer guten Sache erklären lassen. Mich wird das freilich nicht davon abhalten, weiterhin meiner Daseinsfreude, zu der unter anderem auch der Genuss des Weines gehört, fröhlich und heiter zu leben. Wer als Gesundheitsapostel in ängstlicher Dauerfixierung auf seine körperliche Unversehrtheit durch die Welt geht, mag möglicherweise länger leben, aber meiner Ansicht nach sind derlei puritanische Verzichtsstrategien doch ziemlich fade und langweilig. Für noch bedauernswerter als die Alkohol-Klemmschwestern halte ich allerdings die Kostverächter, die den Einkauf von Lebensmitteln mit einem Gang zur Apotheke verwechseln und sich unablässig mit Getreidekörnern vollstopfen, die mir zumindest Magendrücken und Fürze bereiten.

  6. Sie haben recht, schön formuliert. Tragisch, dass manche vor lauter Verkniffenheit nicht mehr in der Lage sind, einfach mal zu leben.
    Jedoch: ein Schoppen Gewürztraminer zum Frühstück 07:25 Uhr ;-) ?

    Es sei Ihnen herzlich gegönnt !

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