Wein wird immer besser, ist aber schlechter als der Ruf, den Winzer und Lobbyisten über ihn verbreiten. Das hören die nicht gerne. Natürlich. Denn über Jahre haben sie daran gearbeitet, dass ihr Alkohol als Genuss- und nicht als Suchtmittel angesehen wird. Dass Wein sogar gesundheitsfördernd ist und nicht etwa krank macht. So wie es harte Alkoholika, also Korn und Schnaps, oder Zigaretten können. BILD

Parallel zum Wirken der Weinbranche haben die Deutschen in den vergangenen Jahren tatsächlich immer häufiger Shiraz und Riesling, Cabernet Sauvignon und Chardonnay, Grenache und Moscatella getrunken. Weinbücher und Probierkurse sind ausgebucht wie nie zuvor, und eine wachsende Schar von Liebhabern debattiert über Rebsorten oder Holzfasslagerung. Schätzungsweise sechs Milliarden Euro wurden im Jahr 2005 mit Wein umgesetzt. Neuere Zahlen gibt es nicht, doch der Trend ist eindeutig, der Weinabsatz wächst, während der Bierkonsum zurückgeht.

Bei ihrer Arbeit bedienen sich die Lobbyisten im Zeitalter der gesunden Ernährung gerne einer Autorität, deren Urteil unangreifbar scheint: der Medizin. Zahlreiche Forschungsarbeiten sollen belegen, dass der gute Tropfen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Arterienverkalkung, Demenz, Alzheimer und anderen verbreiteten Leiden schützt. Die Verbindung von Wein und Gesundheit geht bis in das Jahr 1991 zurück, als der französische Professor Serge Renaud seine These vom »French Paradox« präsentierte. Demnach erlitten seine Landsleute nicht trotz, sondern wegen ihres regelmäßigen Weinkonsums seltener Herzinfarkte als Deutsche, Briten oder Amerikaner.

Unter Renauds Anhängern sind Forscher wie Joline Beulens von der Harvard School of Public Health. In der Januar-Ausgabe der Zeitschrift Annals of Internal Medicine legt sie anhand neuer Daten dar, dass mäßiger Alkoholkonsum das Infarktrisiko senke. Vor drei Jahren wies eine groß angelegte Studie über Risikofaktoren von mehr als 15000 Herzinfarktfällen in 52 Ländern auf allen fünf Kontinenten in die gleiche Richtung. Der sogenannten Interheart-Studie zufolge sollen Abstinenzler rein statistisch häufiger Herzinfarkte erleiden als mäßige Trinker.

Doch so eindeutig, wie Renaud und andere die Wirkung des Weins bewerten, ist es eben nicht. Die Fachwelt ist gespaltener, als es die Weinlobby gerne hätte. Eindeutig »gesundheitsfördend« ist er gerade nicht.

Fachleute zweifeln mit folgenden Argumenten an der wissenschaftlichen Belastbarkeit der weinfreundlichen Studien. »Es ist vielfach angemerkt worden, dass die Ergebnisse auch darauf beruhen könnten, dass die Vergleichsgruppe der Nichttrinker ungünstig zusammengesetzt war«, sagt Holger Neye. Er ist Pharmazeut und prüft bei der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen Medikamente auf ihre Wirksamkeit. Untersucht wird in der Regel eine Gruppe mäßiger Weintrinker, deren Gesundheitszustand mit dem einer Kontrollgruppe von Abstinenzlern verglichen wird. Kritiker weisen nun darauf hin, dass auch Abstinenzler teilnehmen können, die ehemals Alkoholiker waren, chronisch krank sind oder einfach schon älter. Zur Kontrollgruppe können also Personen gehören, deren Gesundheit bereits angegriffen ist und die deswegen auf Alkohol verzichten.