TÜRKEI Willkommen im Club

In der ersten Nacht reden wir nicht. Immerhin finden wir uns, was viel ist. Auf der Toilette im Balans Brau kramen Mädchen in sporttaschengroßen Beuteln nach Haarspray, entlang der Treppe zur Tanzfläche wippen Jungs in Retroskijacken, schieben Menschen einander durch einen Raum im Irgendwo. Seinen Standort gibt Cihan per SMS durch, »downstairs nearby the dj booth«. Lichtanlagen verschießen rote Blitze. Vorn an den Plattentellern tasten sich DJs durch elektronische Funkfrequenzen, bis die Tänzer mit ausgestreckten Armen das Signal empfangen und springen. Cihan steht am schwarz gedeckten Pult, hinter ihm die Combo Sex in Dallas aus Berlin, zwei angestrahlte Braukessel im Rücken. Cihan bewegt die Lippen, aber keines seiner Worte findet einen Weg durch die Bässe. Die Party geht bis fünf, die After-Party bis neun, am Morgen in Istanbul.

Diese Stadt kickt, und sie trickst wie ein Taschenspieler, der weiß, was funktioniert. Die Hügel, die in Beyolu, dem europäischsten aller Stadtteile, jede Etage oberhalb der fünften in eine Aussichtsplattform verwandeln, meistens mit Blick auf glänzendes Wasser, den Bosporus, das Goldene Horn, manchmal auch beides, und darüber die zeternden Möwen. Cafés mit Chrom, geöltem Holz und loungiger Musik, die sich unverhofft in staubgrauen Seitenstraßen auftun, nach Spaziergängen vorbei an den Pferdekutschen der Gemüsehändler und dem Laden des Gurkenmachers. Die Gegensätze. Eine so satte Ladung Westen im Osten, wie sie kaum jemand erwartet, der zum ersten Mal hierher kommt. Und später glänzen die Augen, wenn nur der Name fällt. Istanbul.

Am späten Nachmittag, bevor wir uns wiedersehen, kommen Rufe über das Wasser, unter einem rosarostroten Himmel. Am Galata-Turm, über den Flachdächern von Beyolu mit ihren Zinnen aus Satellitenschüsseln, beginnen die Gesänge der Muezzins als geisterhaftes Heulen aus der Ferne. Dann erst fallen die Lautsprecherstimmen von den Minaretten in der Nähe ein. Zum Singen geht längst keiner mehr nach oben. Wir sind verabredet.

Auf der Istiklal Caddesi, der Hauptstraße des Viertels, pflügt eine uralte Straßenbahn mit hölzernen Eingeweiden eine Schneise in die Menge, die in Richtung Taksim-Platz zieht, zum hässlichen Herzen von Beyolu. Abends wirkt die Straße noch voller als am Tag, aber vielleicht liegt das nur daran, dass die Laternen in der Dunkelheit den Blick auf das Pflaster zwischen den Häuserzeilen vorvergangener Jahrhunderte lenken. Cihan und seine Freundin Olga warten auf halber Höhe, vor dem Alman Lisesi, dem deutschen Gymnasium. » Lass uns zum Essen ins Zoe gehen«, sagt Cihan, »da gehe ich oft hin, auch mit Sven, wenn er hier ist.« Sven Väth.

Cihan Serbetcioglu ist 26 Jahre alt und arbeitet als Booker, Promoter, Event-Director. Er sagt, dass er vor ein paar Wochen vom Balkon hätte springen mögen vor Stolz. Cihan hat den DJ Laurent Garnier nach Istanbul geholt. Das Größte, was er in seinem Leben erreicht hat, sagt er. Aber bis sein Gesicht so strahlt wie seine Worte, wird es noch eine Weile dauern.

Seine Agentur x-istence beschreibt ihre Mission im Netz mit den Worten: »Unsere Aufgabe ist es, das Trinken lustiger zu machen und neue Musik nach Istanbul zu bringen.« Cihan hat Festivals mit Bands wie Nouvelle Vague organisiert, zwei Jahre lang das Indigo mitgeleitet, einen der angesagtesten Clubs der Stadt. Er sagt adult music, wenn er meint, dass sie schlecht sei. Dabei wirkt er selbst auf Anhieb viel ernsthafter, als er alt ist, fast zu abgeklärt für den schmalen weißen Gürtel, der seine Jeans hält. Über unseren Köpfen dreht eine Discokugel ihre Kreise in der Mitte eines postmodernen Kronleuchters, der den schmalen Raum erhellt, aber auch mit unzähligen geschliffenen Scherben nicht ankommt gegen die Lichter der Stadt, die vor dem Fenster funkeln.

»Im Moment explodiert die Szene, es gibt unglaublich viele Konzerte«

Es ist dieses Gipfelgefühl, das die Räume vergessen macht, egal werden lässt, ob man einen Tisch im exklusiven 360 Istanbul mit Kaminfeuer und orangeweichem Ufolampenleuchten bekommt, einen Platz an der Bar in DJ-Nähe im Leb-i Derya oder einen Plastikstuhl im Teegarten am Rande der Stadtautobahn, unter Sonnenschirmgerippen, gegenüber einer Fassade mit der deprimierenden Botschaft When you see this, I hope you know that I loved you. Die Räume könnten Tokyo sein, London oder Buenos Aires. Der Blick ist Istanbul, immer.

»Im Moment explodiert hier die Szene«, sagt Cihan, »es gibt unglaublich viele Konzerte, aber das wird sich wieder legen, weil wir inzwischen ein Überangebot haben und den Leute einfach das Geld dafür fehlt.« Es folgt eine kurze Erörterung der Frage, für wie viel Geld man an welchen Orten der Welt wie betrunken werden kann. Die Kalkulation geht schlecht aus für Istanbul. » In Deutschland reichen 40 Euro, hier brauchst du das Dreifache, und das bei halber Kaufkraft.«

Cihan sagt, dass viele Trends nur mit großer Verzögerung die Stadt erreichen. Jahrelang habe er den Leuten gesagt: Ihr müsst Minimal machen, mehr Minimal, immer musste man schieben und schubsen, Minimal, Minimal, bis es dann endlich kommt, wenn es fast schon wieder vorbei ist. » Wir hatten hier bisher kaum elektronische Musik, das fängt gerade erst an«, sagt Cihan. » Wir werden es verdauen, und dann wird daraus etwas Neues, etwas Eigenes entstehen.« Jedenfalls hofft er, dass es diesmal so sein wird. Reicht nicht, dass der Rest der Welt derzeit keine hippere Stadt als Istanbul kennt? Cihan zieht die Augenbrauen hoch. » Wir mögen neue Dinge, aber es hält nie lange vor.

Und wenn man nichts anstellt mit dem, was da ist, wenn man es nicht weiterentwickelt, dann wird es langweilig und stirbt.« Vielleicht muss man solche Dinge sagen, wenn man in Istanbul lebt und als Trendsetter gilt. Aber tatsächlich wirkt vieles hier sehr vertraut von anderen Metropolen. Das ist der »Jetzt auch bei uns«-Trick. Und er funktioniert.

Wir ziehen die Istiklal Caddesi weiter in Richtung Taksim, die Reihen schließen sich, es wird eng, die Miesmuschelverkäufer träufeln Zitronensaft über ihre Auslagen, wir stoßen in Seitenstraßen, wo Klappständer das Tagesangebot an Sängern und Bauchtänzerinnen menükartengleich anpreisen. Melodiefetzen wehen aus halb offenen Türen. Sie klingen sehr erwachsen.

Die Straße endet. Die Musik wird leiser. Man denkt: Hier kommt nichts mehr, kann gar nichts mehr kommen. Man stößt die Tür eines Hauses auf, denkt: Und hier schon gar nicht. Man läuft Holzstufen hinauf, entlang der fleckigen Wände eines maroden Hausflurs, vorbei an Menschen, die auf den Treppenabsätzen schreiend telefonieren, weil die Etagen Musik absondern, Hardrock im ersten, Stevie Wonder im zweiten Stock, dann Ambient und türkische Weisen, bis man japsend ganz oben angekommen ist und die Treppe in einen langen Raum mündet, den nur eine transparente Plane vom Nachthimmel trennt. Runde Kugelleuchten an der Decke machen auf Mond. In einer Nische neben der Bar verlegt ein DJ die Anwesenden auf Indie-Pop. Das trainingsjackenlastige Publikum trinkt und plaudert auf weißen Lederstühlen. Das Combaz ist alternativ, aber nicht sehr.

Lässig, aber nicht bemüht. Entspannt. Olga sagt, dass die Stadt im Sommer voll ist mit diesen Bars. Ohne Plastik. Und dass es sie langweilt. Dass sie endlich etwas Neues haben will. Sie lebt in Istanbul. Wir trinken Bier, dessen Marke anfängt uns egal zu werden, Die Musik passt. Die Leute passen. Der Blick passt.

Unterwegs zur nächsten Station passieren wir die Transvestiten, die in den Seitenstraßen der Istiklal durch die Nacht staksen und fragen, ob sie irgendwem einen blasen sollen. Wir kehren zurück ins Balans, wo wir gestern aufgehört haben, betreten den Aufzug, fahren nach oben, steigen über Treppenstufen hinab zur VIP-Lounge der Music Hall, die auf einem Plexiglasboden über den Köpfen der zahlenden Gäste ruht. Auf der Bühne steht Irsin Karaca, eine türkische RnB-Sängerin. Letztes Jahr waren Frankie Goes To Hollywood hier. Wir trinken was trinken wir eigentlich? Cihan hält Olga im Arm. Die beiden sind seit einem Monat ein Paar. Cihan sagt, dass sie einander verstehen wie die Autofahrer im Straßenverkehr von Istanbul. Eine große Liebeserklärung.

Die Stimmen von der Bühne schlagen gegen die Türen des Aufzugs, als versuchten sie, uns am Gehen zu hindern.

Je näher man dem Taksim-Platz kommt, desto kürzer werden die Wege zwischen den Clubs und Bars. Das Roxy gehört zu den Klassikern im Nachtleben von Istanbul, »seit 13 Jahren«, raunt Cihan. Das Roxy trickst nicht. Sein Erfolg ist ein großes Geheimnis. Im Halbsouterrain, ohne Panorama-Surplus, ohne Fancy-Dekor und prominente Gäste, zahlen Besucher 35 Lira, knapp 20 Euro, um zu dem zu tanzen, was im Radio unter dem Rubrum Die größten Hits der 80er und 90er läuft. Cihan bringt die Mäntel zur Garderobe, bestellt eine große Flasche fertig gemixten Sex on the Beach und einen Satz Styroporbecher.

Die Bässe springen im Bauch wie ein Schluckauf

Sie spielen Music sounds better with you, Make my day, Strong enough.

Und die Menge tanzt. Blonde Schnallen, entspanntes Mittelalter, dreadlockige Studenten. Warum ausgerechnet hier? Dann fangen Cihan und Olga an zu tanzen. Strahlen. Und Cihan brüllt über die Musik hinweg, dass es das Größte wäre, diesen Club zu besitzen. Sie spielen Madonna.

Olga wirft die Arme über den Kopf. Von mir aus. Die Frau am Zigarettenverkaufsstand trommelt einen Takt auf dem Tresen. Dann ist der Sex alle. Wir gehen. Weiter. Untergehakt.

Im Zoo am Taksim-Platz haben sie irgendwann am frühen Abend ein Siebziger-Jahre-Video gedreht, von dem an ein paar Hälsen lange Kragen und Rüschenrevers übrig geblieben sind. Die Decken sind niedrig. Dafür ist es nicht so weit bis nach oben. Abgeschnittene Röhren an der Decke. An der Wand ein Südseefragment. Olga ist weg. Die Chefin kommt und sagt hallo. Kaum Platz hier. Olga ist doch nicht weg, sie tanzt ganz hinten, neben einer afrogelockten Frau in silberfarbenem Fummel auf einer winzigen Tanzfläche. Auf dem Sofa ist wer eingeschlafen. Ein Typ nimmt mir den Block aus der Hand und fängt an, was auf die Seiten zu kritzeln, auch Worte, die ich nicht verstehe. Macht nichts. Die Musik, vielleicht ist es Trance. Das Bier ist teuer. Egal. Runde Tische und runde Sofas, wie überall eigentlich. Der DJ spricht Englisch mit deutschem Akzent. Die anderen finden das lustig. Er sagt »Welcome to Frankfurt« und »Helmut, Helmut«. Ich hab Angst, dass ich auch was sagen muss. Olga ist wieder weg. Wir suchen sie. Und finden sie. Dann gibt es einen kleinen Streit. Es ist spät.

Kaum noch Menschen auf der Istiklal. Aufpassen, hat Cihan gesagt, bevor er nach Hause ging. Letzte Station Indigo. Weil man die Stadt nicht verlassen darf, ohne hier gewesen zu sein. Legende. Auf der Bühne steht immer noch Robert Owens. Sieht aus, als würde das noch eine Weile so bleiben. Psychedelische Grafiken auf Leinwänden.

Bewegung im Tanzbecken und auf Balkonen. Owens blättert in einem dicken DJ-CD-Buch. Ich setze mich auf eine Box, und die Bässe springen im Bauch wie Schluckauf. Ein junger Mann mit der T-Shirt-Aufschrift: Kill your idols. Ach. Ein anderer kommt und fragt, ob ich das Zoo kenne. Und das Reina? Kennst du das Reina, den Luxuskasten am Bosporus? Der Mann sagt: »Thats more A-plus-like.« Ich muss hier raus.

Auf dem Heimweg kreisen Straßenkehrfahrzeuge um Mülltüten auf der Istiklal. Ein Polizist liest in seinem Kabuff am Rande der Straße. Im Garten des schwedischen Konsulats singen die Vögel in kahlen Bäumen.

Der Morgen summt im Ohr, vielleicht ist es auch ein Rest Nacht. An den Türen der Geschäfte blinzeln die roten Lichter der Alarmanlagen in die Dämmerung. Gehetzte Katzen.

Morgen losziehen. Andere Bars sehen. Den Blick im Bosporus versenken.

Andere Clubs über den Dächern der Stadt. Andere Musik. Neue Orte, die aus den Gassen sprießen, Versatzstücke des Überall, eingefasst in einen fremden Rahmen, und tanzen. Jetzt schlafen, ein paar Stunden schlafen. Die Lautsprecher werden dem Muezzin nichts nützen.

INFORMATION

Anreise: Zum Beispiel mit Lufthansa ab Frankfurt am Main nach Istanbul

Unterkunft: Strategisch günstig liegt das Ansen 130, nahe des Tünel-Platzes, ein Boutique-Hotel mit zehn Suiten, ab circa 250 Euro, Tel. 0090-212/2458808, www.ansensuites.com

Praktisch, gerade bei einem längeren Aufenthalt, sind die Wohnungen von Manzara Istanbul, ab 55 Euro für zwei Personen. Das Appartement mit dem schönsten Blick inklusive Dachterrasse direkt unter dem Galata-Turm, Topkapi, liegt im 6. Stock. Der Besitzer, Erdoan Altindis, spricht fließend Deutsch und bietet erhellende Nachttouren durch das traditionelle, weniger prominente Istanbul an. Tel.

0090-212/2524660, www.manzara-istanbul.com

Beste Reisezeit: Viele Bars und Clubs sind nur während der Sommermonate geöffnet

Essen und Trinken: 360 Istanbul, der Porsche unter den Restaurants mit Aussicht, Istiklal Caddesi 311/32 (unscheinbarer Eingang), Tel.

0090-212/2448192, www.360istanbul.com. Unbedingt reservieren! Vor allem am Wochenende ist das Lokal meist bereits Tage im Voraus ausgebucht

Leb-i Derya, entspannte Atmosphäre, gute Musik, Bistro-Speisen, Kumbaraci yokusu 115/7, Tel. 0090-212/2934989, www.lebiderya.com.

Aufschrift am Lift unbedingt ernst nehmen! Bei mehr als drei Personen in der Kabine bleibt er stecken

Zoe, einfache Gerichte, mittelmäßige Musik, wunderbarer Blick, im Sommer mit Bar auf dem Dach, Yenicarsi Caddesi 58/5, Tel.

0090-212/2517489

Combaz, Bar im obersten Stockwerk eines früheren Mietshauses, lässige Musik, lässiges Publikum, Haci Ahmet Sokak 2

Clubs: Babylon, Sehbender Sokak 3, aktueller Veranstaltungskalender unter www.babylon-ist.com

Balans Brau

& - Balans Music Hall, Balo Sokak 22, www.balansmusichall.com

Roxy, Siraselviler Caddesi, Aslanyatagi Sokak 1/3, www.roxy.com.tr

Zoo, Zambak Sokak 15, www.klub-karaoke.com

Indigo, Istiklal Caddesi Misir, Apt. 1-2-3-4-5, www.livingindigo.com

In der englischsprachigen Buchhandlung Robinson Crusoe Kitabevi, Istiklal Caddesi 389, gibt es jeden Monat das aktuelle »Time Out Istanbul« mit Konzerten, Terminen und Adressen

Auskunft: Informationsabteilung des Türkischen Generalkonsulats, Tel.

069/233081, www.reiseland-tuerkei-info.de

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.11 vom 08.03.2007, S.R6
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