Computerspiele Eltern müssen mitspielenSeite 2/2

Nicht zufällig haben die Entwickler dort Zitate eingebaut, die auf klassische Science-Fiction-Filme verweisen. Sie halten sich für die wahren Regisseure des 21. Jahrhunderts, und genau so sollte man ihr Werk auch behandeln. Wer sich darauf einlässt, wird schnell erkennen: Kampf und Gewalt sind das zentrale Thema. Während es in Literatur und Film wichtige Elemente sind, sind sie im Computerspiel absolut dominierend. Ein Drittel der meistverkauften Spiele dreht sich darum. Aufgaben und Probleme werden dort mit Gewalt gelöst, Selbstjustiz und sinnloses Töten in der Regel nicht bestraft, sondern oft noch mit Bonuspunkten belohnt. Der Beste ist, wer am schnellsten trifft und einen beträchtlichen Leichenteppich hinterlässt. US-Militärs fanden den Ego-Shooter Doom so realitätsnah, dass sie ihre Rekruten damit spielen ließen, um die Hemmschwelle für den Ernstfall zu senken. Und obwohl sich die Entwickler und Hersteller inzwischen bemühen, auch andere Themen zu erschließen: Die wahrhaft monumentale Erzählung in diesem Medium ist weiterhin die schier unendliche Reihung virtueller Gewalttaten. Als echten Fortschritt wollen die Hersteller dann noch verkaufen, dass die Spieler inzwischen Geschick und Einfallsreichtum brauchen, um voranzukommen. Aber ist es wirklich so viel besser, clever und gewalttätig zu sein als dumm und gewalttätig?

Das lustvolle Schlachten ist, das sollte man fairerweise sagen, kein Privileg des Computerspiels. Auch im Fernsehen nehmen die Gewaltdarstellungen zu. Sie sind drastischer geworden und überschreiten immer wieder die Grenze zur sinnlosen Zurschaustellung, wie aufwendige Studien im Auftrag von Landesmedienanstalten ergeben haben. Das ist schlimm genug, aber die Gewaltexzesse beherrschen das Fernsehen nicht so dauerhaft wie die Hitlisten der Computerspielindustrie. Und außerdem können alle über die Gewalt im Fernsehen offen debattieren – und sie damit einordnen. Dagegen können sich die (Vor-)Bilder aus Computerspielen oft in Ruhe einnisten. Und das tun sie. Was heute noch an Realitätsnähe fehlt, macht das Medium durch eine suggestive Kraft wett, die größer ist als die von Film und Fernsehen.

Das ist das Besondere am Computerspiel: Es hinterlässt wesentlich tiefere Spuren als andere Medien – aber Erwachsene und Heranwachsende können darüber oft nicht miteinander reden, weil den Eltern die Kompetenz und damit die Autorität fehlt. Vor Kurzem leitete der Philosoph Richard Schröder die deutlich geringere Gewaltbereitschaft der Jugendlichen im ehemaligen Westdeutschland vor allem daraus ab, dass es dort in den vergangenen Jahrzehnten eine öffentliche Sensibilisierung gegen Gewalt gegeben habe. Der Umkehrschluss ist auch erlaubt: Wenn eine Sensibilisierung gegenüber Gewalt in Computerspielen fehlschlägt, kann sie zu einem starken Rollenmuster werden.

Wer nie mitspielt, verletzt heute seine elterliche Verantwortung. Wer dagegen zwischen Halflife und dem sehr viel harmloseren World of Warcraft zu unterscheiden vermag, kann seinen Kindern den Spaß gönnen – und sogar selbst welchen haben.

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Leser-Kommentare
    • Rolf52
    • 15.03.2007 um 11:37 Uhr

    Hallo

    Ich selbst bin 52 Jahre alt und habe drei Kinder.

    Ich habe von Anfang an gerne Computerspiele gespielt, vor allem Rollenspiele wie Baldurs Gate, Neverwinternights, World of Warcraft, aber auch Rennspiele und auch einmal einen Ego-Shooter.

    Ich kann den Thesen in dem Artikel nur zustimmen. Meine Kinder spielen auch alle, von Sims bis WoW, aber ich weiss genau, was sie spielen und kann genau kontrollieren, welche Spiele geeignet sind und welche nicht. Ego-Shooter kommen mir nicht ins Haus, WoW hingegen spielen meine Söhne und auch ich leidenschaftlich gerne, wir tauschen Tips und Strategien aus.

    Ebenso ist es bei den Sims, das meine Tochter gerne spielt.

    Bei meinen Kindern haben diese Spiele bis jetzt noch keinen seelischen Schaden angerichtet, und wenn Freunde kommen, kann ich meist auch ihren Eltern mitteilen, was sie spielen.

    Mit freundlichen Grüssen

    Rolf

  1. 2.

    Dann haben ihre Kinder es wirklich äußerst gut. Bei meiner Mutter war es so, dass sie selbst Neverwinter Nichts und Diablo 2 als sinnloses abschlachten betrachtete.

    Der Autor lässt aus meiner Sicht jedoch die Ego-Shooter etwas zu schlecht da stehen. Ich selbst habe von meinem 16. bis zu meinem 19 Lebensjahr 'Quake 3: Arena' gespielt und bin, wie eine enorme Menge anderer Spieler auch, friedlich geblieben.

    Das ist eine Sache, die man vermutlich nicht verstehen kann, wenn man Spiel nicht wenigstens einem 'richtig' gespielt hat: Die Gewalt blenden viele Spieler vollkommen aus. Eine Assoziation zur Realität findet noch viel weniger statt. Viele Spieler drehen die Grafikeinstellungen so weit runter, dass die Wände, Böden und Decken nurnoch ein einheitliches Braun oder Grau haben. Für Spieler, die diese Spiele in beispielsweise der ESL (www.esl.eu) spielen, sind Ego-Shooter ungefähr so gewährlich wie das als 'niedlich' empfundene Moorhuhnschießen.

    Einzig das Suchtpotential dieser Spiele ist nach wie vor eine große Gefahr. Dieses führt aber 'lediglich' dazu, dass man aufhört, sich um wichtige Dinge des Lebens zu kümmern. Nicht, dass man gewaltbereiter wird.

  2. Abgesehen von ein paar Ungenauigkeiten finde ich den Artikel gut gelungen. Die Eltern sollten die Spiele kennen? OK, bin dafür! Der Autor sollte sie aber auch kennen, und nicht nur vom Hörensagen, wenn er denn schon Spieletitel nennt. Im genannten Half-Life 2 spielt der Spieler nämlich nicht alleine. Sein Protagonist Gordon Freeman bekommt, wie übrigens auch im mittlerweile fast zehn Jahre alten ersten Teil des Spiels, tatkräftige Unterstützung durch computergesteuerte Gleichgesinnte, die ihm Türen öffnen, mit Nachschub und Transportmitteln versorgen. Seine Gegner, außerirdische Krabbeltiere und Robotersoldaten wirken übrigens wenig menschlich.

    Und das Spiel Doom soll das US-Militär realitätsnah finden? Tut mir leid, so realitätsfremd kann auch kein Amerikaner sein. Doom stammt aus den frühen 90er Jahren, die extrem grobpixelige Darstellung erinnert eher an Spielhallenklassiker wie Pacman. Oder meint der Autor Doom 3?

  3. 3% aller Amokläufer spielen Killerspiele, 99% aller Amokläufer essen Brot. Verbietet Brot! Das Werkzeug des Bösen!

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